Schlagwort-Archive: Malerei

Zoppe Voskuhl – Ein richtig guter Maler

„Ein richtig guter Maler. Aber was er da malt, also …“

Meine Damen und Herren, das vorangestellte Zitat ist ein auf Zoppe Voskuhl Gezieltes. Es entstammt der Museumsstrukturen. In diesen wird ja immer abgewartet, was außerhalb ihrer eigenen, durchaus rückwärtsgewandten Welt passiert. Wir wollen dies nicht beklagen, nur feststellen. Die Gründe, wie zum Beispiel deutlich begrenzte monetäre Möglichkeiten aber auch die beziehungsreichen Abhängigkeiten eigener Strukturen, reihen sich immer noch ein neben fehlenden Mut und dem wenig vorhandenen Willen, Kritik auszuhalten. Hier die Zusammenhänge zu erkennen, hilft weiter.

Ein richtig guter Maler. Richtig und gut. Ein figürlicher Maler? Voskuhl selber sagt: „Ich bin ein realistischer Maler.“ Will er uns nur provozieren? Werden da nicht all unsere Vorurteile wach? Realismus, war das nicht auch die abgegriffene Spiegelwelt insbesondere realsozialistischer Prägung? Nein, keine Spiegelwelt, gewiss nicht. Das, was wir auf seinen Bildern sehen, ist dennoch unsere Wirklichkeit, ein Ausschnitt, sind einige unserer vielen Welten. Dort sind zwar einige Naturgesetze aufgehoben, Gravitation findet gelegentlich nicht statt, unsere Körperlichkeit manifestiert sich lediglich in Ähnlichkeiten, einzelne Figuren sind mit Fähigkeiten ausgestattet, die uns fremd sind und die wir nicht verstehen usw. – dennoch sind das unserer Konflikte. Das sind auch unsere Idyllen. Nicht immer wollen wir all dies wahrhaben. Wir kommen aber nicht umhin, wenn wir die Malerei Zoppe Voskuhl genießen und wertschätzen wollen, uns mit diesen auseinander zu setzen. Und ich sage: Zoppe sei Dank.

Die erste Begegnung mit den Figuren und der Bildwelt Voskuhls passierte vor wenigen Jahren in einer mir seit fast zwei Jahrzehnten bekannten Kreuzberger Druckwerkstatt. Der Verlegerkollege und Drucker Hendrik Liersch, immer unterwegs wenn für die Buchkunst und Dichtung irgendwo ein Pflock eingeschlagen werden sollte, druckte bei Maikowsky und Weller die Linolschnitte des Künstlers, zeigte sie mir und verband damit die Frage, ob das nicht auch mal was für meine, mit Originalen arbeitende Zeitschrift sei. Ich sah mir einige Drucke an und konnte wohl ein Schmunzeln nicht verkneifen. Das genügte, das war meine Weihe. Ich war also dabei, erhielt noch einen Katalog als Zugabe und es war ausgemacht. Die nächste Aus-gabe von Entwerter/Oder enthielt Grafiken von Zoppe Voskuhl. Ich war dem Künstler bis dato noch nicht einmal begegnet. Der Katalog verschärfte dann noch meinen ersten Eindruck. Was war das da auf den Bildern? Was war da los? Die Intensität der Bilder war noch um einiges größer. Während sich die Linolschnitte auf eine Bildidee reduzieren ließen, einen Gedanken, ein Bonmot, war die Welt der Bilder deutlich komplexer. Hier fand Malerei statt, Farbe kam nicht nur ins Spiel, sie war bestimmend. Noch mehr Figuren, die agierten. Ein Spiel, das mich erneut irritierte. Und es ging da ordentlich zur Sache. Hier wurde gemordet und geliebt, geopfert und gezeugt, gekämpft und gespielt, gegeißelt und genossen – eher selten kontemplativ auf dem Sonnendeck gelegen. Doch immer wieder Form, Figur, Form.

Malerei, das ist Liebe zur und Umgang mit Farbe auf der Fläche. Ihre Materialität ist im Vorgang des Malens Schicht um Schicht gewachsen und auf den Bildern ablesbar. Ihre Pastosität ist schließlich zu greifen. Etwas das Voskuhl lieb und teuer ist, das er schätzt und verteidigt. Und doch ist dabei die Form immer stärker als die Farbe. An diesem Naturgesetz der Malerei kommen wir auch heute Abend nicht vorbei. Dieses Gesetzes ist sich der Künstler auch durchaus bewusst. Ihm stellt er sich immer wieder. Es ist immer wieder ein Wagnis, sobald der Pinsel in der Hand gehal-ten wird, die Leinwand ausgebreitet und die Farbe frisch heraus gedrückt ist. Ein Wagnis, das sich die Waage zu halten versucht, das schussendlich auf einen Ausgleich aus ist, auf eine Lösung. Diese liegt im Ästhetischen. Gelegentlich tauchen Textsplitter auf. Die scheinbar nebenbei oder flüchtig notierten Wortreihen sind bei genauem Hinsehen doch Handreichungen, die unserem Denken eine Richtung geben können. Eine mögliche Aussage wird auch dadurch immerhin so gelenkt, dass ihr zumindest die Beliebigkeit genommen wird. Ich mache es kurz: Dialektik, meine Damen und Herren. Das eine undenkbar ohne das andere. Bedingtheiten, die ausgehalten werden müssen und eben hier auch ausgehalten werden.

Ich möchte noch ein wenig über die Figuren selbst nachdenken. Die Kopffüßler des Bilderkanons der 60er und 70er Jahre haben hier wieder vorsichtig Körper erhalten. Figuren in allen Größen neben-, hinter- und übereinander. Nicht durch Alter voneinander getrennt, eher durch ein Mehr oder Weniger an Zuteilung. Da hat der eine mehr Glück gehabt als der andere. Das kommt mir bekannt vor. Es scheint übrigens niemand darüber Klage zu führen. Das unterscheidet uns von ihnen. Körper, auf denen kindsähnliche Köpfe sitzen. Ein Kindchenschema ist sicher nicht zu übersehen. Comic? Lebensfähig genug sind lediglich ihre Gliedmaßen dünn ausgebildet, aber offensichtlich hinreichend stabil und damit zu allerhand Tat und Schandtat einsetzbar. Sympathisch und verspielt. Alles strebt nach oben. Manche kommen gar aus der Erde. Der Aufenthalt hier hat irgendetwas Vorläufiges.

Ist es so, dass es Voskuhl auf diese Weise, mit dieser Figuration, gelingt, etwas passieren zu lassen, dass man Erwachsenen in vielen Fällen so nicht abnehmen würde? Und wirkten die Auseinandersetzungen, die Konflikte, die Gewalt dann nicht ganz anders? Warum ist eine Folterszene bei Voskuhl keine Folterszene? Woher kommt die Gelassenheit in den Gesichtern der Akteure? Wird da, so ganz nebenbei, ein Tabu gebrochen? Welche Berührungsängste werden hier geschickt unterlaufen? Warum sind die Direktbilder, die dies zum Thema machen, alle verkauft?

Plötzlich ist Idylle, sonst kaum auszuhalten, weil falsch und verlogen, möglich. Kunst, wenn sie groß ist, kann das. Mir kommt da Richter in den Sinn. Nein, der 1884 verstorbene Dresdner Romantiker Ludwig Richter. Doch irgendwas stimmt bei dem Vergleich nicht. Voskuhl war nie auf die Romantik hinter dem Idyll aus. Nie dieses „verweile doch du bist so schön“ – während draußen eine andere Wirklichkeit zusammen gebulldozert, zusammen spekuliert wird. Bei ihm knistert die Doppelbödigkeit und man ahnt, irgendwas wird geschehen. Oder ist allein die Existenz solchen Idylls längst der Beleg dafür, dass Grausames und Unwiederbringliches geschehen ist und geschieht?

Ein Name noch: Henry Darger. Der Chicagoer Hausmeister eines Krankenhauses, der 1973, nach seinem Tod neben 15 000 Seiten Text auch noch mehrere hundert Blätter Zeichnungen hinterließ und dessen Kindsfiguren, allerdings alle geschlechtslos oder dem weiblichen Geschlecht zuordenbar, ebenso vielfältig und schwerelos wie bei Voskuhl agieren. Es gibt immer Berührungen. Hier angekommen bewegen wir uns mittlerweile am Rande von Art Brut. Ja, ich weiß, wie sehr das hinkt.

Ist es in der Malerei eigentlich auch so, dass am Ende das Bild schlauer ist als sein Maler? Bei Texten ist das so. Der Text ist immer klüger als sein Autor.

Wo waren wir noch stehen geblieben?

Vielen Dank

Uwe Warnke zu den Arbeiten Zoppe Voskuhls, aus Anlass der Ausstellung „Bilder, Skulpturen und Grafiken aus der Werkgruppe Rüdi Bilder” in der Galerie elm 75, Weserstrasse 164, Berlin (Neukölln) am Samstag den 1. November 2008

Werbeanzeigen

Uwe Sarnow – Ick male wat ick sehe!

Uwe Sarnow: ein Berliner Maler.

Er war ein flüchtiger Bekannter, später ein Nachbar. Wir kannten uns von den Jobs der 80er Jahre im Osten Berlins. Verschiedene Verrichtungen hielten uns so über Wasser. Nur gelegentlich wurden wir gefordert. Damit ließen sie uns genug eigene Zeit. Hierum gings. Ein kleine verschworene Gemeinde, die ständig Tipps zum Überleben weitergab. Man brauchte sich. Der Kontakt war nicht eng. Den Ausstieg hatten man hinter sich. Nach den Gründen solchen Lebens wurde nicht nachhaltig gefragt.

Als ich erstmals mit den Bilder Uwe Sarnows konfrontiert wurde, überschnitten sich in mir zwei Biografien, die nicht wirklich zusammengehören wollten. Gab es hier ein zweites Leben? Doch tatsächlich erklärte sich erst jetzt das eine aus dem anderen: Die Beschäftigung mit Malerei seit der Steinmetzlehre, der Kontakt zu Eva Vent, seiner frühen Lehrmeisterin in Sachen Malerei, der Wunsch nach mehr Zeit zum Malen, der Ausstieg aus dem „bürgerlichen Leben“. Broterwerb und freies Schaffen, ein Nebeneinander das Umwege einfordert und Zeit frisst.

Die Berliner Schule ist tot. Die Berliner Schule lebt. Diejenigen, die den Begriff in der DDR geprägt, die ihn mit Bildern gefüllt haben, würden sich über die Lebendigkeit und über ein Bekenntnis zu ihr heute vielleicht wundern, tritt doch hier jemand an, den sie von keiner Kunsthochschule, von keiner der Ost-Berliner Verbandsquerelen, von keiner Ausstellung und auch von keinem Ausstellungsverbot der 80er Jahre her kennen. Und dennoch: Da ist ein Berliner Maler und der sieht sich klar in dieser Berliner Tradition.

Der Mensch, die weibliche Figur, der Akt insbesondere, sind für Uwe Sarnow ständige Herausforderung. Dabei ist auch eine nicht stillbare Sehnsucht unverkennbar. Der Maler kennt sein Motiv, sein Sujet und hält es uns in der von ihm erkannten Lebendigkeit hoch und vor. Da ist nichts Totes, nichts Verstaubtes. Selbst die Darstellung des Pferdes wird nicht ausgeklammert. Kein Zugeständnis und Umschiffen möglicherweise gefährlich versumpfter Kunstgewässer. Frisch gemalt.

Der scheinbare Griff in die Konvention ist nicht Rückgriff, sondern gilt ihm als etwas Fortzuentwickelndes. Herkunft wird nicht geleugnet. Da wird gearbeitet und sich gerieben. Nichts wird als endgültig behauptet, das Atelier offen gehalten, Moden nicht angenommen. Kein Trendsetting also. Kein früher Tod.

Seine Bilder sind immer Ergebnis eigenen Erlebens. Der Prozess ihrer Herstellung hat sich jedoch verändert. Anfangs folgte der Skizze die Vorzeichnung auf der Leinwand und dieser das fertige Bild. Aus der Komposition ließ der Maler vorsichtig das Bild entstehen. Diese Spur wurde langsam verlassen und der Spontanität mehr Raum gegeben. Jetzt wird der eigenen Lust selbstbewusst mehr vertraut. Die auf diese Weise entstehende neue Spannung wird offensichtlich ausgehalten. Die Malerei Uwe Sarnows entfernt sich so vom allzu Konkreten. Das direkte Abbildenwollen tritt in den Hintergrund. Die Bilder sind frischer geworden. Sie werden subjektiver und dennoch verallgemeinerbarer. Es sind gültige Ergebnisse, Berliner Bilder.

Uwe Warnke                                                            Berlin, Januar 2000

Cornelia Groß – Komplexe Wirklichkeiten

Vor den Arbeiten von Cornelia Groß sind wir berührt und irritiert, erfreuen uns und sind zum Mitdenken aufgefordert, lesen in der Erfahrungswelt einer Künstlerin, erkennen aber zugleich uns: die vermaledeiten Illusionen, unsere Bedingtheiten, Ängste. Ein Stück weit ist es eine aufklärerische Geste, die ihr bei der künstlerischen Bewältigung der Welt zum Vorschein kommt, auf die sei es vordergründig nicht anlegt, die ihr schlicht passiert. Ein Resultat, dem wir folgen können, wenn sich Denken mit Genießen verbindet.

So geschieht es wohl immer, wenn etwas von Belang ist. Einfacher wird es nicht. Die Dinge sind komplex.

Eine Bewegung durch unsere Welt. Zwischenstopps an wechselnden Schauplätzen. Bewusst gewählt und nicht zufällig. Kein Bebildern von Tagespolitik. Die Zusammenhänge zeigen die Vielfalt im Widerspruch. Das ist das Leben.

„Warum bin ich nicht darauf gekommen?“ oder „Ach, diese Birken!“ Solche und ähnliche Sätze können schon mal beim Durchblättern eines oder mehrerer neuer Malerbücher von Cornelia Groß, anerkennend und durchaus neidvoll, von Malerkollegen, auch älteren, fallen. Dies geschieht meistens bei mir zu hause in Vorbereitung einer anstehenden Messe. Ich soll die Bücher an den Mann oder an die Frau bringen, gern auch in einer Sammlung platzieren – natürlich. So landen die großen und kleinen Bücher einer ausgewählten Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern bei mir. Selten, dass sich die Künstler dabei begegnen, dafür aber umso mehr und stellvertretend ihre Bücher. So nimmt man Entwicklungen zur Kenntnis, erfreut sich an den Lösungen der anderen, erfährt aber auch die Anerkennung und den Respekt der Kollegen. Denn solche Sätze verhallen nicht wie ungesagt in privaten Räumen: „Wie macht sie das nur?“

Einzeller, Mehrzeller, Bakterien, Insekten, Kriechtiere – gehören diese nicht zu Jenem, was uns immer wieder erstaunen lässt? Was wir zu kennen glauben, dem wir aber, aufs Neue verblüfft und fast in Versenkung, unsere Aufmerksamkeit schenken? Warum ist das so? Was interessiert uns an primitivem Leben. Moment, finden wir da nicht hochgradige Spezialisierung, also Anpassung? Was ist in jener moralfreien Welt komplex und was primitiv? Klaus Staeck, der Präsident der Akademie der Künste, sagte Montagnacht in einem Fernsehinterview, dass er in solchem Tun Ruhe fände, also im Wald beim Beobachten z.B. eines Käfers; es brächte ihm auch das Einordnen unserer ach so wichtigen Tagesprobleme ins notwendige Maß. Der eigene auch bescheidene Platz würde dann wieder deutlicher. So Staeck.

Die Welt der Bücher Cornelia Groß’ und auch die ihrer zahlreichen Bilder zeigt uns häufig eine verletzte, nicht mehr ganz zusammen passende, aus den Fugen geratene Welt. Da gibt es diese mosaikartigen Gebilde, die ein Nebeneinander von Welten zeigen, auch das Disparate, das Nicht-zusammen-Gehörende, das die Künstlerin nicht kaschiert, sondern wie an Fäden noch gerade zusammen hält. So, als gäbe es noch eine Chance, als wäre Erste Hilfe noch möglich. Auf der anderen Seite ist da die Methode mit Mitteln des Fragmentarischen zu arbeiten. — Ist das Unfertige schon das Eingeständnis, dass es nicht mehr lohne? Etwas nicht endgültig auszuführen bedeutet aber auch, etwas offen zu lassen – auf einen ungewissen eventuell aber auch positiven Ausgang hin. Auszuschließen ist das nicht.

Dabei sind die verwendeten Materialien ihr alle gleich wert, gleich wichtig. Da wird mit Acryl und Tusche gemalt, es kann aber auch mal Alkydharz auftauchen, Buntstifte, Bleistifte, Faserschreiber – alles geht. Spontaneität in der Mittelwahl, die nicht vordergründig auf einen Effekt aus ist. Es ist ihr alles gleichberechtigt. Da wird mit Pappen überklebt, werden Folien angetuckert. Schließlich beginnen Teile sich zu bewegen, werden benutzbar, herausnehmbar usw. Die Fläche scheint ihr da nicht mehr zu reichen. Das dann nebenher auch Objekte entstehen, ist nur noch folgerichtig. Mit dem Schritt in die dritte Dimension taucht bei ihr so etwas wie Satire auf. Sie selber spricht von Szenen. Dort gibt es etwas zu entdecken, durchaus auch etwas zu schmunzeln. Wer über sich selber lachen kann, findet hier vielleicht sein Gegenüber. Selbstironie als eine mögliche Welthaltung.

Kontemplation, das wundert uns nun nicht mehr, ist der Künstlerin zu wenig. Ein Nur-versenken entspräche nicht ihrer Haltung, wird absichtsvoll nicht bedient, ist hier nicht zu haben. Gesucht wird eine Auseinandersetzung, gelegentlich auch Konfrontation. Dabei bleibt sie immer einem Realismus verpflichtet.

Nicht selten holt sie sich, aus Lust und Freude am Kennen lernen und Ausdeuten aber auch zur Unterstützung eigener Positionen, Texte von zeitgenössischen Dichterinnen und Dichtern ins Bild, ins Buch, ins Objekt. Damit gibt es dann für uns Betrachter kein Ausweichen mehr. Der Text erweitert auf der einen Seite den Kosmos des Bildes und der Bildbetrachtung, nimmt uns aber auch an die Hand, führt uns ein wenig; zumindest ein Stück. Doch denken und genießen müssen wir selbst.

Uwe Warnke, Berlin 2010