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Frank Eißner

25 Jahre Frank Eißner Handpresse

Frank Eißner in Berlin. Da denken wir mal die Pleiße zur Spree. Egal. So oder so: Ostsozialisationen wohin man schaut. Letzteres macht erfinderisch. Geduld hat man da eh im Gepäck, auch wenn Leipzig und Berlin nicht zwingend deckungsgleich zu kriegen sind, aber tun wir mal so.
Da kommt nun glücklicherweise Kunst ins Spiel, und zwar solche, die in Büchern stattfindet, oder besser noch, die aus Büchern Kunstwerke macht. Und da, genau da, begegnen wir uns, der Leipziger und der Berliner. Verschiedene Formen der Selbstvermarktung sind es, die uns immer wieder mal gemeinsam auftreten lassen, nebeneinander, auf Sichtweite. So lernt man sich langsam kennen. Gelegentlich sitzen wir hinter für uns aufgestellten Tischen auf kleinen Kunstmessen und sehen den vorüber ziehenden Messebesuchern zu. Da vergeht Zeit, viel Zeit. Gut, in solchen sich dehnenden Stunden, in denen die Langeweile manchmal zu greifen ist, mit jemandem lachen zu können. Und etwas zu Lachen, gibt es bei den Begegnungen mit Frank Eißner, dem Sachsen, immer.
Wenn es so etwas wie die sächsische Romantik gäbe, wäre ich verführt, jetzt darüber zu reden. Aber, ist es Romantik, die gelegentlich in den Arbeiten Eißners Bild wird? Sie wissen ja, dass die der Romantik zuzurechnenden Künstler genaugenommen große Realisten waren. Diese Romantik meine ich. Vielleicht trifft aber auch der Begriff Sehnsucht die Sache besser. Weniger ein Bildwerden im Weltschmerz, mehr seine individuelle Variante. Mehr die Suche und Befriedigung eines oder mehrerer Grundbedürfnisse. So etwas wie menschliches Miteinander, die Frage nach seinen Bedingungen. – Und immer ist da Eißners Streben nach Harmonie zu erkennen, ist die Emotionalität seiner Herangehensweise unübersehbar, die gelungene Form ihm ein Mittel.
Wir reden von Holzschnitten. Es sind hier nicht die in harten Kontrasten von Schwarz und Weiß expressionistisch ins Feld geführten Aufrüttelungen. Wir erleben eben nicht das sehr deutsche Fach desselben. Die Klasse Eißners zeigt sich in der Fort- oder Weiterführung der Idee von Holzschnitt und der Auslotung seiner technischen Möglichkeiten heute. Eine Voraussetzung dafür sind die großen technischen Fertigkeiten die der Künstler unter anderem an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig Ende der 1980er Jahre erlernt, angenommen und bis heute weitergepflegt hat. Er sagt selbst: „Der Sprung zum Holzschnitt war nicht sehr groß.“ Dass er, der Malereistudent, von Temperamalerei und dem Tafelbild kommend, nach dem Wechsel in die Grafikklasse zu Rolf Kuhrt diese flächigen und räumlichen Auffassungen sich bewahrt und in das neue Handwerkliche eingepflegt hat, können wir bis heute genießen. Daher kommt seine zweite Stärke: die Farbe. Hier sind es die Kombinationen von gesetzteren Pastell- bis zu gedeckten Umbratönen. Das funktioniert, wie wir sehen, wunderbar im Neben- und Übereinander.
Manchmal sind die Stöcke so fein gedruckt, dass , wenn man es nicht besser wüsste, man einen Augenblick lang an Lithografien zu denken versucht ist. Als wäre Eißner in seiner täglichen Arbeit herausgefordert zu beweisen, dass der Holzschnitt, jenseits von Härte und Aufschrei, zahllose Möglichkeiten hat. Seit Jahren nutzt er die zarte Maserung von Pappelholz. Sie kommt ihm beim flächigen grafischen Einsatz und der Subtilität der von ihm gewünschten Aussage sehr entgegen, unterstreicht die Feinheiten und das eben Nicht-Laute seiner Bildauffassung. Das geht Hand in Hand mit dem von ihm ausschließlich genutzten feinen Japanpapier. Das heißt nicht nur so, das ist auch von dort. Vielleicht ist dies auch ein kleiner Hinweis auf eine Tradition, die ihm nicht unwichtig ist.
Dabei sind seine Drucke immer über die Verlorene Form entstanden. Sie wissen was das ist? Vielleicht so viel: auf ein- und demselben Druckstock wird nach jedem Druck, also nach jeder einzelnen Farbe, weitergeschnitten, bis alle notwendigen Farben gedruckt sind und die Blätter fertig. Dabei hat sich der Druckstock Stück für Stück so verändert, dass er sich selbst zerstört hat. Neben der gründlichen vorbereitenden Überlegung, in welcher Reihenfolge zu schneiden und die Farben zu drucken sind, hat es den Effekt, dass ein Nachdruck der Blätter somit nicht möglich ist. Etwas, das von Sammlern sehr geschätzt wird.
Neben dem Zeichnerischen, dem Malerischen und der Farbe gibt es noch die Schrift, die Eißner nicht nur häufig in die Blätter integriert, nein, er schneidet sie auch selbst. Es handelt sich zumeist um einen Negativschnitt; seitenverkehrt herausgeschnitten aus dem Holz also. Diese anfänglich aus der Not geborene Lösung, in Ermangelung an Platz in seiner Leipziger Werkstatt für Schriften und Schriftkästen, ist längst aus der Grafik Eißners nicht mehr wegzudenken. Wir finden sie u. a. auf seinen original-grafischen Künstlerplakaten oder in seinen Büchern zu Paul Celan, Jeanne d’Arc,, Novalis (um nur einige zu nennen) und seinen jährlichen Grafikkalendern.
Jetzt, im 25sten Jahr der Eißnerschen Handpresse, ist auch der Leipziger Bibliophilen-Abend, ein Verein u. a. zur Pflege und Hebung der Buchkultur, auf ihn aufmerksam geworden und wird 2014 „Der goldene Topf“ von E.T.A. Hoffmann in der Gestaltung von Matthias Gubig mit 5 Farbholzschnitten von Frank Eißner herausgeben. Glückwunsch.
Doch bis dahin wartet noch die eine oder andere Buchmesse auf uns. Auch dort werden wir uns wahrscheinlich wieder begegnen. Aber erstmal freue ich mich über eine der eher seltenen Ausstellungen mit Arbeiten von Frank Eißner in Berlin. Viel Spaß beim Rundgang. Genießen Sie sie.

Uwe Warnke

Schmetterlingshorst, Berlin
10. August, 2014, 15 Uhr

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Annette Munk – So einfach ist das nicht.

So einfach ist das eben nicht. Die Stolperfallen sind in der Kunst genauso ausgebreitet wie in unserem Alltag. Selten so direkt wie bei Marcel Duchamps Installation „Dem gebrochenen Arm voraus.“ Jedoch immer einen Schritt vor den nächsten. Gewiss.

Unsere Sprachfunktionen und das ewige Sprechen-müssen und das Voranschreiten eines vermeintlichen Individualismus lassen einen immer öfter die Sprache verschlagen. Missverständnisse allüberall.

Meine Damen und Herren: Haushaltslöcher. Sind sie nun Thema oder sind sie Objekt? Was ist hier Hauptwort und was ist Nebenwort? Da macht es sich Annette Munk nicht leicht, wenn sie uns auch bei der Wortwahl ihres Ausstellungstitels auf den ersten Blick ins scheinbar Lapidare verführt. Das Lapidare – das Einfache. Haushaltslöcher – die kennen wir doch zu genüge. Meinen wir. Glauben wir. Es geht aber nicht um das Loch im Beutel, das uns die finanzielle Situation neu zu überdenken zwingt, nein. Dennoch – die Löcher, sie sind da, nicht zu übersehen. Sie sind prägend. So merkwürdig wie das klingt, aber sie halten etwas zusammen.

Aber zunächst einmal sind da Skulpturen, plastische Körper, die alle der Welt des gemeinen Haushalts entsprungen zu sein scheinen. Die Familie lässt grüßen. Und da sind wir mitten drin und haben sie direkt vor uns: „Ironman“, „Ladylike“, „Boy or Girl“. Diese Figurengruppen sind feste Größen und wirken wie Zitate. Es scheinen zwar alte Bekannte, aber Privatheit ist für Annette Munk kein zu bespielender Reigen. Wir haben es eher mit Archetypen zu tun. Doch vorsicht. Das Bügeleisen, flatiron, taucht hier vermittelt auf. Wir glaubten bislang es der weiblichen Welt zuschreiben zu können und erleben es hier als festen Bestandteil des Männlichen. So kann’s gehen. Es geht aber noch weiter. Der Ausschnitt des „Ironman“ wird zum umgekehrten Schild der Mitra, des Bischoffshutes. Und schließlich entsteht die Arbeit „Der Aufseher“. Das Feste, das Schwarze, das Finstere, schließlich das Konservative. Damit nicht genug. Um alles nun wieder zu öffnen, lesen wir ’Iron’ einmal deutsch und schon wird es zu Ironie. Alles ist in Bewegung. Nichts ist einfach. Das Einfache – das Schwere.

In der Ausstellung finden wir zahlreiche lebensmittelartige Dinge, Fruchtiges, Kekse, die Schnitte, die Steckdosen, schließlich Kreuzschraubenköpfe usw.. So konkret wie sie anmuten, kommen doch mittlerweile Zweifel auf, ob das so gemeint ist, wir es wirklich nur mit dem bloßen Abbild von etwas zu tun haben. Unsere Skepsis, die wir teilweise schon abgelegt haben weil wir uns in Bewegung gesetzt haben, weil uns etwas interessiert, wird schließlich durch die Verantwortung der Künstlerin überwunden. Bestenfalls ist das so in einer neuen Begegnung. Der Flickenteppich der von jedem einzelnen von uns natürlich unterschiedlich wahrgenommenen Realität treibt dann noch eigene Blüten. Wahrnehmung, Realität, Zweifel. Und dann auch noch das: je genauer wir etwas betrachten, desto weniger wissen wir darüber. Unschärfe.

Aber weiter. Da sind noch Nasen, Pferdestärken, die Wandzeitung. Da wir ja alle mal Wandzeitungsredakteure waren, wie Annette Munk kürzlich lachend sagte, wissen wir auch noch, dass und wie die Wandzeitung zu uns spricht. Eben, das tut sie auch hier. Aber erst die Farbe und die Löcher stoßen uns drauf, machen es möglich.

Löcher, Annette Munk spricht von frühesten Lochungen, von Figuren und Dingen, von Hohlkörpern, von aus der Fläche konstruierten Formen, schließlich einer Hülle um Nichts. Und das Loch, das auch auf das Innere oder ein Dahinter verweist, und dabei ein wenig in ein zunächst gar nicht aufgemachtes Geheimnis blicken lässt, ist nicht zuletzt Gestaltung, ist Ornament. Dabei zitiert sie manchmal geschickt bekannte Muster, setzt auch mal ein Klischee, dass uns verführt. Gelegentlich glauben wir Bescheid zu wissen.

Ist Annette Munk mit einer neuen Skulptur beschäftigt, haben zum Beispiel die absurden Seiten unserer Existenz, die Billigmärkte, die Wühltische, die so genannten ’praktikablen Lösungen’, ihr erneut Aberwitziges zugespült und ist damit eine Idee bereits in ihrem Kopf, ist die Umsetzung Reife- wie auch Findungsprozess. Die Suche nach dem richtigen Material ist gleichzeitig eine Suche nach Begriffen. Ein Spiel mit der Welt und ihren scheinbaren Bedeutungen. Ein Wörtlich-Nehmen. Ein Entdecken und gleichzeitiges Enträtseln. Ein permanentes Übersetzen nennt sie das. Sie kennen das ansatzweise auch. Unsere Sprache und unser Leben sind voll von solchen Verstrickungen. Da werden sie aufgefordert: „Streichen Sie mal die Fenster!“ Aber wehe sie tun es. Denn nur die Fensterrahmen sind gemeint.

Ich bin vor den Arbeiten der Künstlerin immer wieder irritiert. Irritation deutet das Irren an, schwächt es jedoch sogleich wieder ab. Da ist auch der Irrtum nicht weit und, natürlich, das Menschliche. Fallstricke sind dabei nicht ausgelegt, eher Handreichungen zur Überwindung der Distanz. Offenheit und Spaß. Das hat mich jedes Mal überzeugt.

Wie frau hier Zeitgeschichte und Zeitgenossenschaft miteinander verbindet – Achtung Stolperfalle! – ist schon einmalig. Die Installation „Wir hatten die Gleichberechtigung“ ist nicht nur eine Arbeit über ein Spezifikum in der DDR, sie ist schließlich eine hintergründige Installation über das Verhältnis der Geschlechter auch in der heutigen Gesellschaft. Wir sind aufgefordert nachzulesen, die Bücher in die Hand zu nehmen. Bitte tun sie das!

Dass es ihr gelingt, ihre Arbeit mit Humor zu verbinden, erleichtert den Zugang. Sie selbst sagt: „Verstehen ist möglich mit Lachen.“ Das wir dabei das Glatteis übersehen, auf dem wir uns – haste nich’ geseh’n – längst bewegen, ist eine raffinierte Methode, der selbst ich, der Redner heute hier, zu entkommen glaubte. Nix da. Mit gegangen mit gefangen. Aber, sich nämlich im Moment der irritierenden Erkenntnis neu Halt zu suchen, sich neu orientieren zu müssen, ohne in Deckung und damit auf Distanz zu gehen, ist der kreative Akt, der verlangt wird. Deshalb sind wir hier. Wir können reden und wir können fragen. Nichts einfacher als das?

Meine Damen und Herren, wie wir bewundernd feststellen, sind die Objekte, die Figuren und Dinge ausnahmslos hervorragend gemacht, großartig verarbeitet. Das Handwerkliche ist nicht zuletzt die Voraussetzung, um über alles weitere überhaupt erst ins Gespräch zu kommen. Dass das mit diesem Material, diesen Nadelfilzen, die so wenig zulassen und sich sperren, durchaus gelingt, wundert zuweilen Annette Munk selbst und damit entsteht die Erkenntnis, was doch alles so geht. Da wird auch Nudelteig zum skulpturalen Material. Ausgehend von dem Begriff der ’Teigtasche’, enthebt die Künstlerin die Bedeutung ihrem Umfeld und gelangt so zum Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Schöpfung. Das Wort trifft Material und wird zur Tasche im Kleinstformat. Das wird variantenreich vorexerziert und damit zum Alfabeth.

Dass Annette Munk bei ihrem Tun den Platz ihrer Arbeit in der Gesellschaft nicht aus den Augen verliert, ja ihn teilweise geradezu provoziert, ist mir ein nächster Vorzug. Diese Frage und dieses Suchen danach scheint mir im Übrigen auch etwas zu sein, dass sich durch die Arbeit Erik Stephans und des Jenaer Stadtmuseum geradezu verantwortungsbewusst zieht. Auch um den Spaß an der Kunst nicht zu verlieren. Als weithin leuchtendes Beispiel gewissermaßen.

Und schlussendlich geht es beim Aufstellen der Arbeiten in neuen Räumen, also auch hier, immer um das Finden von Zusammenhängen, auch neuen Zusammenhängen; bestenfalls auch für die Künstlerin. So gesehen, sind es immer auch einmalige Installationen.

Als ich vor gut einer Woche aus dem Atelier von Annette Munk kam und den Bahnsteig der nahe gelegenen U-Bahn-Station erreichte, klebten an den durchsichtigen und heilen Glasscheiben einer Doppeltür, die Löschgeräte und ähnliches zu schützen versuchte, zwei warnende Zettel mit der Aufschrift: Vorsicht – Frisch gestrichen. Ich sah mir die Szenerie noch einmal an, zog den Kugelschreiber und ergänzte: Eben nicht.

Uwe Warnke, Jena, 07.12.2007

gehalten in den Städtischen Kunstsammlungen Jena