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Gespräch mit Kurt Buchwald am 03. Juli 2017

Das Gespräch zwischen dem Berliner Fotografen Kurt Buchwald und Uwe Warnke fand in seiner Ausstellung  EL VIAJE II in der Berliner LiTE Haus Galerie+Projektraum am Abend des 3. Juli 2017 statt.

Your video will be live at: https://youtu.be/xfmp7mPC_H8

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Antje Scharfe – Gefäßerweiterungen

„Immer so als ob!“          Ein großes Bekenntnis zur Form.  Gefäß – e r w e i t e r u n g e n

Gemeinhin spricht man von Gefäßerweiterungen, wenn durch Ausschüttung körpereigener Hormone die Durchblutung angeregt wird. Voraussetzung dafür ist ein gegebener Anlass. Das Ergebnis, zum Beispiel: wir erröten. Ein Affekt, dessen Sichtbarkeit unter Umständen uns oder überhaupt stört, aus medizinischer Sicht jedoch durchaus wünschenswert, zumindest positiv bewertet wird. Bewegung ist eben alles …  Tritt allerdings, und dies ist eine der Gefahren der Gefäßerweiterung, eine gewisse Wandschwäche auf, so dass die Flüssigkeit führenden Gefäße diese nicht mehr halten können und platzen, ist das Überleben eine Frage des schnellen Zugriffs, der zur Verfügung stehenden Technologie und damit der Ideen.

Zu Besuch bei Antje Scharfe. Die Werkstatt ist eine Werkstatt. Der erste Eindruck: alles befindet sich im Werden; Oder sagen wir in einem Zwischenstadium. Das Sympathische: nichts ist weggestellt (woher will ich das wissen?) und nichts ist zugehängt oder abgedeckt. Staubfrei geht es nicht zu, kann es hier nicht zugehen. Alles liegt auf der Hand, vor den Augen. Das Gespräch dreht sich um das was sich denken lässt und hier zur Form wird. Die Regale sind voll mit sinnlichen Versuchsanordnungen. Was sich jetzt noch verschiebt, verbiegt, verfärbt, entblättert und kombiniert, ist sinnliches Reagieren auf neue Verhältnisse, ist ein Abklopfen und Gestalten neuer Erfahrungen.

„Ich bin etwas verblüfft, dass sich Kollegen immer wieder von den Resultaten meiner Arbeit überrascht zeigen.“ Ein Satz von Antje Scharfe, der ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass doch alles nahe liege, dass doch die Dinge klar seien, oder? Keinen Hehl macht sie aus dem sich so einstellenden Missmut, wenn das Mitdenken ausbleibt. Und genau so selbstverständlich entwickelt sie eine Form aus der nächsten, steht eine Folgerichtigkeit angeschrieben, die mich beeindruckt, gerade wegen ihrer Schlüssigkeit.

Hier wird gedacht, nachgedacht – und das Denken geht der Handarbeit voraus, ist fester Bestandteil ihres Werks. Neben unserer sinnlichen Wahrnehmung wird auch ein gedankliches Nachvollziehen vom Betrachter erwartet. Das ist der Unterschied zum Angebot an Kontemplativen.

Eine Frage bringt mich auf das Wort „Parodie“. „Nein“, kontert Frau Scharfe, „ich liebe die Keramik, ich liebe Gefäße. Das was ich tue, ist ein Kommentar. Immer so als ob.“  Die Titel der einzelnen Werkgruppen bieten uns einen Schlüssel, erleichtern uns ihre Lesbarkeit: „Funktionelle Gefäße“, „Still-leben-Gefäße“, „Nachdenken über Gefäße“, „Küchen“, „Borde“, „Taschentuchbilder“ usw.

Kommentare kommen ohne Erleben nicht aus, setzen Souveränität und Überblick voraus und besitzen die Freiheit des Zitats. Genau so! Sie sind actio und reactio in einem. Das benutzen desselben Materials ist das Zitieren einer Quelle.

Immerhin oder immer noch: alles was entsteht greift in den Raum. Nichts wird auf die Fläche zurückgeworfen. Selbst diese ist, da wo sie zweidimensional scheint, nicht in diesen Ausdehnungen zu halten. Beim näheren Hinsehen ist auch das ja nicht verwunderlich. Hat das nicht mit der eigenen Geschichte, mit der Geschichte des Materials zu tun? Stand nicht der Körper im Mittelpunkt der Keramik und zwar völlig unabhängig von der eingenommenen Distanz zur Tradition? Und, Moment, ist das nicht heute auch so?! Hier hilft uns auch das Wörtchen „noch“ nicht weiter. Und schließlich: Von welcher Tradition ist denn da die Rede?

Es gibt sicher eben soviel gute Gründe am Material festzuhalten, wie es Argumente gäbe dagegen. Denken und Arbeit bieten den Entwurf oder Gegenentwurf, ganz wie Sie wollen. Antje Scharfe tritt immer an, die Grenzen ihres Tuns auszuloten, der Wirksamkeit des eigenen Wollens nicht nur die Spur zu ziehen, sondern den Boden zu bereiten und auch immer wieder (und noch) aufzubereiten. Anmerkung: auch ins Bodenlose, warum denn nicht?! Und, bitte, Halt gemacht wird erst, wenn die freie Entscheidung durch die Grenzen des Materials infrage gestellt ist.

Uwe Warnke, Berlin 2003

Der Text ist nicht zu verstehen als Argumentationshilfe für einen ohnehin längst verlorenen und nur vermeintlichen Kampf, wie dem zwischen Tradition und Innovation, den Platzanweisern und Platzhaltern der Keramikzunft, der, wenn er denn geführt wurde, ein unsinniger war. Denn es gab gar nichts zu kämpfen. Zumindest nicht an dieser Stelle, nicht mit der Tradition, oder besser mit jenen Vertretern, die diese und nur diese als Argument zitieren und sie als hochgehaltene Fahne schwingen, dabei so vieles verkennen und den Blick aus dem Rückspiegel nicht abzuwenden in der Lage sind (zumal der Gegenverkehr so blendet).

Der Text ist ein Text. Und Erfolg ist ein Missverständnis. „Man hat schnelle Erfolge und braucht Jahre, um es (das Material, Anmerkung U.W.) zu überlisten.“(A .Scharfe)

Selbst die eigenen Erwartungen, bezogen auf Resonanz, Förderung, Austausch und Markt, verschob man auf und in vorhandene Strukturen – bis diese sich als unwirksam und unbrauchbar erwiesen. Aus diesem Sumpf wird sich nun, wie es heißt, am eigenen Zopf herausgezogen. Das ist mehr, als lediglich am Henkel und bedeutet viel, wenn man bedenkt, dass es anders nicht gelingt, dass es nur so gehen kann und deutlich Selbstbewusstsein schafft.

Uwe Warnke

Uwe Sarnow – Ick male wat ick sehe!

Uwe Sarnow: ein Berliner Maler.

Er war ein flüchtiger Bekannter, später ein Nachbar. Wir kannten uns von den Jobs der 80er Jahre im Osten Berlins. Verschiedene Verrichtungen hielten uns so über Wasser. Nur gelegentlich wurden wir gefordert. Damit ließen sie uns genug eigene Zeit. Hierum gings. Ein kleine verschworene Gemeinde, die ständig Tipps zum Überleben weitergab. Man brauchte sich. Der Kontakt war nicht eng. Den Ausstieg hatten man hinter sich. Nach den Gründen solchen Lebens wurde nicht nachhaltig gefragt.

Als ich erstmals mit den Bilder Uwe Sarnows konfrontiert wurde, überschnitten sich in mir zwei Biografien, die nicht wirklich zusammengehören wollten. Gab es hier ein zweites Leben? Doch tatsächlich erklärte sich erst jetzt das eine aus dem anderen: Die Beschäftigung mit Malerei seit der Steinmetzlehre, der Kontakt zu Eva Vent, seiner frühen Lehrmeisterin in Sachen Malerei, der Wunsch nach mehr Zeit zum Malen, der Ausstieg aus dem „bürgerlichen Leben“. Broterwerb und freies Schaffen, ein Nebeneinander das Umwege einfordert und Zeit frisst.

Die Berliner Schule ist tot. Die Berliner Schule lebt. Diejenigen, die den Begriff in der DDR geprägt, die ihn mit Bildern gefüllt haben, würden sich über die Lebendigkeit und über ein Bekenntnis zu ihr heute vielleicht wundern, tritt doch hier jemand an, den sie von keiner Kunsthochschule, von keiner der Ost-Berliner Verbandsquerelen, von keiner Ausstellung und auch von keinem Ausstellungsverbot der 80er Jahre her kennen. Und dennoch: Da ist ein Berliner Maler und der sieht sich klar in dieser Berliner Tradition.

Der Mensch, die weibliche Figur, der Akt insbesondere, sind für Uwe Sarnow ständige Herausforderung. Dabei ist auch eine nicht stillbare Sehnsucht unverkennbar. Der Maler kennt sein Motiv, sein Sujet und hält es uns in der von ihm erkannten Lebendigkeit hoch und vor. Da ist nichts Totes, nichts Verstaubtes. Selbst die Darstellung des Pferdes wird nicht ausgeklammert. Kein Zugeständnis und Umschiffen möglicherweise gefährlich versumpfter Kunstgewässer. Frisch gemalt.

Der scheinbare Griff in die Konvention ist nicht Rückgriff, sondern gilt ihm als etwas Fortzuentwickelndes. Herkunft wird nicht geleugnet. Da wird gearbeitet und sich gerieben. Nichts wird als endgültig behauptet, das Atelier offen gehalten, Moden nicht angenommen. Kein Trendsetting also. Kein früher Tod.

Seine Bilder sind immer Ergebnis eigenen Erlebens. Der Prozess ihrer Herstellung hat sich jedoch verändert. Anfangs folgte der Skizze die Vorzeichnung auf der Leinwand und dieser das fertige Bild. Aus der Komposition ließ der Maler vorsichtig das Bild entstehen. Diese Spur wurde langsam verlassen und der Spontanität mehr Raum gegeben. Jetzt wird der eigenen Lust selbstbewusst mehr vertraut. Die auf diese Weise entstehende neue Spannung wird offensichtlich ausgehalten. Die Malerei Uwe Sarnows entfernt sich so vom allzu Konkreten. Das direkte Abbildenwollen tritt in den Hintergrund. Die Bilder sind frischer geworden. Sie werden subjektiver und dennoch verallgemeinerbarer. Es sind gültige Ergebnisse, Berliner Bilder.

Uwe Warnke                                                            Berlin, Januar 2000

Lutz Matschke – Schaufenster Berlin

Was ist wirklich? Was spiegelt wen? Angezogene Puppen hinter Glas. Lutz Matschke fotografierte in Berlin die Resultate einer Textilindustrie, der Modebranche, inszeniert in Schaufenstern. Das Zur-Schau-Gestellte sucht stetig unseren Blick. Wir stehen an der Seite des Fotografen und blicken von Außen. Wir behaupteten, wir wären achtlos an den Schaufenstern vorüber gegangen und ahnen doch, dass das nur die halben Wahrheit ist.
Diese Fenster sind Teil einer Stadtkultur. Sie üben ihren Einfluss aus, haben Showcharakter, sind gegebenenfalls Event. Hier wird nicht aufgeklärt; hier wird geprägt. Das Geschäft ist dabei längst gemacht.
Was wird dabei wem versprochen oder gehen wir mit dieser Frage bereits allem auf den Leim? Nicht zu übersehen: Individualisierungsverpflichtung als Chimäre eines Konsumversprechens. Die Folie: ein temporäres Ideal. Subjektivität, die ihre Zeit hat und auf der Haut getragen wird. Massenkonsum als Lieferant der Selbstinszenierung. Werbung als Verheißung, dass dies auf diesem Wege möglich sei (als schlössen sich Masse, Konsum und Subjekt nicht aus). Und schließlich: nicht selber sehen aber gesehen werden. Fassaden scheinbarer Bewegung. Moralischer Verschleiß.
So viel Haut – und dennoch entsteht keine Erotik, nichts Amouröses. Es sind Oberflächen und diese werden zu Markte getragen; sie sind glatt, steril, aseptisch. Hinter den Scheiben Atmosphären von lauwarm bis kalt.
Die Fantasie der Hersteller trifft auf die Fantasie der Werbegestalter, die nicht zwangsläufig eine freiwillige sein muss. Es wird nicht denunziert. Die Abhängigkeiten sind zu klar. Meinung ist nicht gefragt. Spannend wäre es allerdings. Alle funktionieren – und das sieht man – bis zum nächsten Mal.
Die Fotografien deuten an, dass diese Räume ein Gegenüber haben; es muss irgendwo eine Gesellschaft geben. Bestenfalls ist sie es, die diesen Stillstand aufhebt und die dem Schein ein Ende macht.

Uwe Warnke, Berlin 2013

anlässlich einer Ausstellung von Fotoarbeiten Lutz Matschkes im

Unterwegs, Antiquariat und Galerie von Marie-Luise Surek-Becker, Torstraße 95, Berlin

 

ENGLISCH

Schaufenster Berlin

What is real? What reflects what? Dressed mannequins behind glass. Lutz Matschke photographed Berlin performances in stained glass, result of the textile industry, almost a branch of fashion. The contemplable set-up constantly calling for attention. We stand close to the photographer and look from the outside. We intend to remain unnoticed but we glimpse that everything is only half of the truth.
These windows are part of an urban culture. They exert an influence, they show character, they are almost an event. There is no enlightment, just a statement. At the same time the transaction eventuated long ago.
However, what is promised to whom? Challenging may just make us fall into the trap. To note: individualization commitment as a chimera of consumer’s faith. The shell as temporary ideal. Subjectivity that has its time and is worn on the skin. Mass consumption as provider of self-representation.
Advertising as an inducted mirage, as a way to a feasible possibility (as if mass, consumption and subject wouldn’t be excluded).
And finally: not seeing for oneself, but being observed. Facades of apparent emotion. Moral abrasion.
Much skin and yet no erotism. These are surfaces brought to the market; smooth, sterile, aseptic. Lukewarm or cold atmospheres behind the glasses.
The imagination of the manufacturer meets the imagination of marketing designers, which may not be necessarily voluntary. There is no claim. Dependencies are too obvious. There is no opinion needed. However, it would be exciting if there was. Everything works (surprisingly) till next time.
The photographs suggest that these spaces have a front; there must be a society somewhere. In the best case it is this society the one that puts an end to the silence with a note.

Uwe Warnke, Mai 2013

Uwe Warnke, author, publisher and curator, lives in Berlin

Lutz Matschke´s „Schaufenster Berlin“ show can be seen at Galerie UNTERWEGS, Torstr. 93, Berlin-Mitte, from June 7th – July 4th. Verninssage, Thursday June 6th, 7 PM.

 

SPANISCH

Schaufenster Berlin

¿Qué es lo verídico? ¿Qué refleja a quien? Maniquíes vestidos tras un vidrio. Lutz Matschke fotografió escenificaciones en vidrieras berlinesas, resultados de una industria textil, casi una ramificación de la moda. El montaje-contemplable busca continuamente nuestra mirada. Estamos junto al fotógrafo y observamos desde fuera. Pretendemos pasar inadvertidos frente a las vidrieras, pero entrevemos que es solo la mitad de la verdad.

Estas ventanas son parte de una cultura urbana. Ejercen su influencia, tienen caracter de show, llegado el caso son hasta un evento. Aquí no se esclarece; aquí se imparte. Al mismo tiempo el negocio ya está hecho hace rato.

Sin embrago, ¿qué se le promete a quien?, ¿o cuestionándonos ya caemos en la trampa? Nada inadvertido: compromiso de individualización como quimera de una fe consumista. La cáscara como un ideal temporario. Subjetividad que tiene su tiempo, llevada sobre la piel. Consumo de masas como proveedor de la autoescenificación.

La publicidad como una promesa, como camino de una posibilidad factible (como si no se excluyesen la masa, el consumo y el sujeto). Y finalmente: no ver por uno mismo, pero ser observado. Fachadas de emoción aparente. Abrasión moral.

Tanta piel: que con todo no engendran erotismo, nada amoroso. Son superficies llevadas al mercado, son lisas, estériles, asépticas. Atmósferas desde tibias a frías detrás de los cristales.

La fantasía del fabricante acierta sobre la fantasía del publicista, que no debe ser forzosamente voluntaria. No se denuncia. Las dependencias son demasiado claras. No se reclama una opinión. No obstante sería emocionante que lo hicieran. Todos funcionan –notoriamente – hasta la próxima vez.

Los fotografías insinúan que estos recintos tienen un enfrente; en algún lugar debe de haber una sociedad. En el mejor de los casos es aquella, quien abandona su quietud y efectúa un final con un billete.

Uwe Warnke, Mayo 2013

Uwe Warnke, es autor, editor y curador, vive en Berlin

Schaufenster Berlin“ de Lutz Matschke se exhibe en la Galerie UNTERWEGS, Torstrasse 93, Berlin-Mitte, desde el 7 de Junio al 4 de Julio de 2013. Verninssage, Jueves 6 de Junio, 19 hs.