Ein Nachruf

Die Künstlerzeitschrift Entwerter/Oder hat einen Künstler verloren. Dies schreibe ich, nachdem Schoppy in mehreren Entwertern unter digitrash, LOW END, Hiram McPaint, La Strada, Chéz E/O und auch zweimal als Rainer Maria Schopp mit Fotos und Fotobearbeitungen in traditionellen Fotohandabzügen als auch mit Bubblejetausdrucken zu finden war. Diese Mitarbeit, zu der ich ihn erstmals 1994 ermunterte, ohne zu wissen, was auf mich zu kommen würde, riß ihn gelegentlich aus dem ihn ständig begleitenden Selbstzweifel. Ich meinte, so etwas wie ein Aufgehobensein in neuem Zusammenhang ihm anbieten zu können (mehr noch übrigens, als ich erste Arbeiten 1995 tatsächlich veröffentlicht hatte). Er fand in Entwerter/Oder ein Forum und nahm es an. Das disparate Nebeneinander in jeder dieser Ausgaben interessierte ihn, regte ihn an. Dabei war ihm die bildkünstlerische Idee allein nicht genug. Seinen Beiträgen, außer den von ihm entworfenen Umschlägen, gingen immer Texte in Briefform voraus. Philippiken, Hohnlachendes, Sachliches usw. Darin waren aktuelle Berliner Kultur- und Kunstdiskussionen einerseits und z.B. die um das Original kreisende interne Debatte innerhalb der original-grafischen Künstlerzeitschrift andererseits Zielscheiben seiner Attacken (er hatte sich mittlerweile konsequent von der analogen Fotografie verabschiedet und wandelte auf digitalen Pfaden; die Diskussion um ein sogenanntes Original roch für ihn nach etwas Überkommenem und wurde mit aller Ironie vehement und kopfschüttelnd bestritten oder doch zu erweitern versucht). Dies war auch der Punkt, an dem dann immer wieder im Dialog eine eigene, von Schoppy am PC erstellte und selbst zu verantwortende Zeitschrift aufleuchtete. Sie muß wiederholt enormen Raum in etlichen auch mit anderen Kollegen und Künstlerfreunden geführten Gesprächen eingenommen haben. Sie blieb ein Wunschkind, welches von Tagesproblemen überschattet, verdrängt, aber wohl nie tatsächlich gelöscht wurde.

Im Frühjahr 97, Schoppy hatte nach seinem Klinikaufenthalt gerade wieder in der Werkstatt Fuß gefaßt, erklärte er mir gegenüber unmißverständlich, daß seine Entwerter-Phase nun abgeschlossen sei. Ein Warum wurde nie gegeben. Heute glaube ich, meinen Gegenüber in den uns noch verbliebenen Unterhaltungen nicht wirklich mehr erreicht zu haben. Schoppy war für kurze Zeit erneut unter uns, auf merkwürdige Art wieder hergestellt, zumindest soweit, daß er in der Lage war, bei Rot über die Straße zu gehen …

Uwe Warnke                                                                                    Berlin, 08. November 1997

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