Archiv der Kategorie: texte über kunst

1. Staffel 2014/2015

In einem anderen Land     1. Staffel 2014/2015

Transformationsprozesse an Beispielen zeitgenössischer bildender Kunst in Deutschland

Ein Interviewprojekt von Gabriele Muschter und Uwe Warnke, 2014 – 2015
Wir gingen der Frage  nach, welchen Einfluss gesellschaftliche Umbrüche auf das künstlerische Werk und die Biografie haben.
Es wurden Interviews mit 26 Künstlerinnen und Künstlern, Kunstvermittlern, Kunstwissenschaftlerinnen und Kunstwissenschaftlern geführt.

Gedreht in FullHD
Technische Betreuung: Olaf Voigtländer

Eine Chance für die Avantgarde gibt es immer
Gunar Barthel, Galerist, Berlin, 28:41 min.

Der Zeit entsprechen, in der ich lebe
Horst Bartnig, Maler/Grafiker/Plastiker, Berlin, 34:43 min.

Es gibt mehrere Weltbilder nebeneinander
Rainer Beck, Kunsthistoriker, Dresden, 45:19 min.

An Geschichtsprozessen teilnehmen
Kornelia von Berswordt-Wallrabe, Kunsthistorikerin, Schwerin, 52:21 min.

Man hatte unerhörte Konflikte
Lothar Böhme, Maler, Berlin, 35:25 min.

Fotografieren verboten
Kurt Buchwald, Fotograf/Aktionskünstler, Berlin, 39:18 min.

Beheimatet bei Dix
Hubertus Giebe, Maler/Grafiker, Dresden, 37:34 min.

Ich denke über künstlerische Freiheit nie nach
Moritz Götze, Maler, Grafiker, Halle/Saale, 48:35 min.

Hineinbegeben in Spannungsfelder
Johannes Heisig, Maler/Grafiker, Berlin, 39:10 min.

Neu nachdenken über die eigene Sichtweise
Michael Jastram, Bildhauer, Berlin, 28:02 min.

Es war immer spannend, wenn du im Osten bliebst
Gregor-Torsten Kozik, Maler/Grafiker, Chemnitz, 38:06 min.

In meinem näheren Umfeld finde ich meine Themen
Oskar Manigk, Maler/Grafiker, Ückeritz/Usedom

Als Mensch war ich eingemauert – im Kopf war ich frei
Michael Morgner, Maler/Grafiker, Chemnitz, 42:25 min.

Ich habe keine Erwartungen
Osmar Osten, Maler/Grafiker, Chemnitz, 41:14 min.

Man konnte sich vor Irrtümern bewahren
Ronald Paris, Maler/Grafiker, Rangsdorf b. Berlin, 55:27 min.

Freiheiten, die man sich genommen hat
Helga Paris, Fotografin, Berlin, 29:32 min.

Vielleicht haben wir ein bisschen Wahrheit ins Land gebracht
Thomas Ranft, Grafiker, Chemnitz, 39:33 min.

Ich möchte in meine Bilder hineingehen
Dagmar Ranft-Schinke, Malerin/Grafikerin, Chemnitz, 47:02 min.

Es war eine absurde Situation
Rudolf Schäfer, Fotograf, Halle/Saale, 54:13 min.

Glas ließ meine Malerei räumlich werden
Gerd Sonntag, Maler/Zeichner, Glasskulpteur, Berlin, 30:22 min.

Ich bin ein Mann für ausweglose Fälle
Klaus Staeck, Grafiker/Plakatkünstler, Heidelberg und Berlin, 45:00 min.

Die figürliche Malerei war mir fremd
Erika Stürmer-Alex, Malerin/Bildhauerin, Lietzen b. Frankfurt/Oder, 38:40 min.

Das Individuum muss sich jeden Tag behaupten
Steffen Volmer, Maler/Grafiker, Chemnitz, 36:20 min.

Wir müssen das Bild unserer Zeit finden
Matthias Wegehaupt, Maler und Schriftsteller, Ückeritz/Usedom

Der Künstler wird erst existent, wenn er den kleinen Umkreis verlässt
Claus Weidensdorfer, Maler/Grafiker, Radebeul b. Dresden, 27:27 min.

Ich habe mich nie als Sammler bezeichnet
Gerhard Wolf, Schriftsteller und Verleger, Berlin, 59:07 min.

 

Diese Filme sind Forschungsmaterial. Sie sind archiviert in der SLUB Dresden, dem Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig, dem Bundesfilmarchiv.

Eine zweite Staffel mit Interviews ist in Arbeit. Ende 2016 werden ca. 50 Interviews vorliegen.

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2. Staffel 2015/2016

In einem anderen Land     2. Staffel 2015/2016

Transformationsprozesse an Beispielen zeitgenössischer bildender Kunst in Deutschland

Ein Interviewprojekt Teil 2 von Gabriele Muschter und Uwe Warnke, 2015 – 2016
Wir gingen erneut der Frage  nach, welchen Einfluss gesellschaftliche Umbrüche auf das künstlerische Werk und die Biografie haben.
Es wurden Interviews mit 25 Künstlerinnen, Künstlern und Kunstwissenschaftlern geführt.

Gedreht in FullHD
Technische Betreuung: Olaf Voigtländer

 

Im Zeitraum 2015/2016 haben wir untenstehende Interviews abgedreht. Im Herbst 2016 wurden sie in eine Rohschnittfassung gebracht und an die Archive sowie an die Künstlerinnen und Künstler übergeben.

Die nationale Zugehörigkeit spielt keine Rolle mehr
Karl-Heinz Adler, Maler/Grafiker und Konzeptkünstler, Dresden, Länge: 38 Minuten

Künstlerische Freiheit liegt tief in einem selbst
Tina Bara, Fotografin, Berlin & Leipzig, Länge: 38 Minuten

Das Dilemma der Avantgarde sind die Sackgassen
Eduard Beaucamp, Kunstkritiker, Frankfurt/M., Länge: 51 Minuten

Man sollte die ungleichen Brüder nicht ungleich lassen
Albrecht von Bodecker, Gebrauchsgrafiker, Berlin, Länge: 45 Minuten

Wenn was nicht bezahlbar ist, ist es nicht machbar
Manfred Butzmann, Grafiker, Potsdam-Bornim, Länge: 48 Minuten

Am Ende kann auch der Gescheiterte Sieger sein
Hartwig Ebersbach, Maler/Grafiker, Leipzig, Länge: 56 Minuten

Ich finde es wichtig, dass man die Seele des Werkes erwischt
Achim Freyer, Regisseur, Bühnenbildner und Maler, Berlin, Länge: 42 Minuten

Wir wollten weder Multimillionäre noch Bettler hier haben
Sighard Gille, Maler/Grafiker, Leipzig, Länge: 59 Minuten

Die Stasi-Akten vergiften alles
Eckhart Gillen, Kunsthistoriker und Kurator, Berlin, Länge: 59 Minuten

Ich wollte dieses Anderssein für mich haben
Hans-Hendrik Grimmling, Maler/Grafiker, Berlin, Länge: 60 Minuten

Es war eine neue Situation
Annette Gundermann, Malerin/Grafikerin, Berlin, Länge: 26 Minuten

Ohne Kunst sind wir gar nichts
Sabina Grzimek, Bildhauerin, Berlin, Länge: 26 Minuten

Man hatte am Anfang das Gefühl: Jetzt geht’s los!
Angela Hampel, Malerin/Grafikerin, Dresden, Länge: 45 Minuten

Das Wirklichkeitserlebnis ist mir wichtig
Friedrich B. Henkel, Bildhauer, Berlin, Länge: 33 Minuten

Weltgeschichte ging durch uns hindurch
Sabine Herrmann, Malerin/Grafikerin, Berlin, Länge: 32 Minuten

Ich mache bis heute nichts, was ich nicht schon in der DDR gelernt habe
Peter Pachnicke, Ausstellungskurator und Publizist, Berlin, Länge: 69 Minuten

Die Bilder sind sehr viel stärker ideologisiert als früher
Manfred Paul, Fotograf, Berlin, Länge: 46 Minuten

Kunst ist schön in ihrem tieferen Sinn
Christian Rothmann, Maler/Grafiker und Fotograf, Berlin, Länge: 37 Minuten

Es gibt immer noch eine gläserne Decke
Hans Scheuerecker, Maler/Grafiker, Cottbus, Länge: 27 Minuten

Ohne soziale Absicherung gibt es keine Freiheit
Robert Schmidt-Matt, Bildhauer, Berlin, Länge: 39 Minuten

Meine Haltung zur DDR-Kunst war immer problematisch
Jürgen Schweinebraden Freiherr von Wichmann-Eichhorn, Galerist und Publizist, Niedenstein/Hessen, Länge: 37 Minuten

Man muss Kunstgeschichte als Individualgeschichte betrachten
Christoph Tannert, Kunsthistoriker/Kurator, Berlin, Länge: 44 Minuten

Ich glaube, dass die Malerei einige Auferstehungen erlebt hat
Max Uhlig, Maler/Grafiker, Dresden, Länge: 62 Minuten

Ich bleibe bei der analogen Fotografie
Karin Wieckhorst, Fotografin, Leipzig, Länge: 38 Minuten

Die Verunsicherung macht produktiv
Berndt Wilde, Bildhauer, Berlin, Länge: 34 Minuten

Gefördert von der Bundsstiftung Aufarbeitung

Auch diese Filme sind Forschungsmaterial. Sie werden archiviert in der SLUB Dresden, dem Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig, dem Bundesfilmarchiv.

Frank Eißner

25 Jahre Frank Eißner Handpresse

Frank Eißner in Berlin. Da denken wir mal die Pleiße zur Spree. Egal. So oder so: Ostsozialisationen wohin man schaut. Letzteres macht erfinderisch. Geduld hat man da eh im Gepäck, auch wenn Leipzig und Berlin nicht zwingend deckungsgleich zu kriegen sind, aber tun wir mal so.
Da kommt nun glücklicherweise Kunst ins Spiel, und zwar solche, die in Büchern stattfindet, oder besser noch, die aus Büchern Kunstwerke macht. Und da, genau da, begegnen wir uns, der Leipziger und der Berliner. Verschiedene Formen der Selbstvermarktung sind es, die uns immer wieder mal gemeinsam auftreten lassen, nebeneinander, auf Sichtweite. So lernt man sich langsam kennen. Gelegentlich sitzen wir hinter für uns aufgestellten Tischen auf kleinen Kunstmessen und sehen den vorüber ziehenden Messebesuchern zu. Da vergeht Zeit, viel Zeit. Gut, in solchen sich dehnenden Stunden, in denen die Langeweile manchmal zu greifen ist, mit jemandem lachen zu können. Und etwas zu Lachen, gibt es bei den Begegnungen mit Frank Eißner, dem Sachsen, immer.
Wenn es so etwas wie die sächsische Romantik gäbe, wäre ich verführt, jetzt darüber zu reden. Aber, ist es Romantik, die gelegentlich in den Arbeiten Eißners Bild wird? Sie wissen ja, dass die der Romantik zuzurechnenden Künstler genaugenommen große Realisten waren. Diese Romantik meine ich. Vielleicht trifft aber auch der Begriff Sehnsucht die Sache besser. Weniger ein Bildwerden im Weltschmerz, mehr seine individuelle Variante. Mehr die Suche und Befriedigung eines oder mehrerer Grundbedürfnisse. So etwas wie menschliches Miteinander, die Frage nach seinen Bedingungen. – Und immer ist da Eißners Streben nach Harmonie zu erkennen, ist die Emotionalität seiner Herangehensweise unübersehbar, die gelungene Form ihm ein Mittel.
Wir reden von Holzschnitten. Es sind hier nicht die in harten Kontrasten von Schwarz und Weiß expressionistisch ins Feld geführten Aufrüttelungen. Wir erleben eben nicht das sehr deutsche Fach desselben. Die Klasse Eißners zeigt sich in der Fort- oder Weiterführung der Idee von Holzschnitt und der Auslotung seiner technischen Möglichkeiten heute. Eine Voraussetzung dafür sind die großen technischen Fertigkeiten die der Künstler unter anderem an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig Ende der 1980er Jahre erlernt, angenommen und bis heute weitergepflegt hat. Er sagt selbst: „Der Sprung zum Holzschnitt war nicht sehr groß.“ Dass er, der Malereistudent, von Temperamalerei und dem Tafelbild kommend, nach dem Wechsel in die Grafikklasse zu Rolf Kuhrt diese flächigen und räumlichen Auffassungen sich bewahrt und in das neue Handwerkliche eingepflegt hat, können wir bis heute genießen. Daher kommt seine zweite Stärke: die Farbe. Hier sind es die Kombinationen von gesetzteren Pastell- bis zu gedeckten Umbratönen. Das funktioniert, wie wir sehen, wunderbar im Neben- und Übereinander.
Manchmal sind die Stöcke so fein gedruckt, dass , wenn man es nicht besser wüsste, man einen Augenblick lang an Lithografien zu denken versucht ist. Als wäre Eißner in seiner täglichen Arbeit herausgefordert zu beweisen, dass der Holzschnitt, jenseits von Härte und Aufschrei, zahllose Möglichkeiten hat. Seit Jahren nutzt er die zarte Maserung von Pappelholz. Sie kommt ihm beim flächigen grafischen Einsatz und der Subtilität der von ihm gewünschten Aussage sehr entgegen, unterstreicht die Feinheiten und das eben Nicht-Laute seiner Bildauffassung. Das geht Hand in Hand mit dem von ihm ausschließlich genutzten feinen Japanpapier. Das heißt nicht nur so, das ist auch von dort. Vielleicht ist dies auch ein kleiner Hinweis auf eine Tradition, die ihm nicht unwichtig ist.
Dabei sind seine Drucke immer über die Verlorene Form entstanden. Sie wissen was das ist? Vielleicht so viel: auf ein- und demselben Druckstock wird nach jedem Druck, also nach jeder einzelnen Farbe, weitergeschnitten, bis alle notwendigen Farben gedruckt sind und die Blätter fertig. Dabei hat sich der Druckstock Stück für Stück so verändert, dass er sich selbst zerstört hat. Neben der gründlichen vorbereitenden Überlegung, in welcher Reihenfolge zu schneiden und die Farben zu drucken sind, hat es den Effekt, dass ein Nachdruck der Blätter somit nicht möglich ist. Etwas, das von Sammlern sehr geschätzt wird.
Neben dem Zeichnerischen, dem Malerischen und der Farbe gibt es noch die Schrift, die Eißner nicht nur häufig in die Blätter integriert, nein, er schneidet sie auch selbst. Es handelt sich zumeist um einen Negativschnitt; seitenverkehrt herausgeschnitten aus dem Holz also. Diese anfänglich aus der Not geborene Lösung, in Ermangelung an Platz in seiner Leipziger Werkstatt für Schriften und Schriftkästen, ist längst aus der Grafik Eißners nicht mehr wegzudenken. Wir finden sie u. a. auf seinen original-grafischen Künstlerplakaten oder in seinen Büchern zu Paul Celan, Jeanne d’Arc,, Novalis (um nur einige zu nennen) und seinen jährlichen Grafikkalendern.
Jetzt, im 25sten Jahr der Eißnerschen Handpresse, ist auch der Leipziger Bibliophilen-Abend, ein Verein u. a. zur Pflege und Hebung der Buchkultur, auf ihn aufmerksam geworden und wird 2014 „Der goldene Topf“ von E.T.A. Hoffmann in der Gestaltung von Matthias Gubig mit 5 Farbholzschnitten von Frank Eißner herausgeben. Glückwunsch.
Doch bis dahin wartet noch die eine oder andere Buchmesse auf uns. Auch dort werden wir uns wahrscheinlich wieder begegnen. Aber erstmal freue ich mich über eine der eher seltenen Ausstellungen mit Arbeiten von Frank Eißner in Berlin. Viel Spaß beim Rundgang. Genießen Sie sie.

Uwe Warnke

Schmetterlingshorst, Berlin
10. August, 2014, 15 Uhr

Carlfriedrich Claus

guillermo deisler und ich waren, es muss etwa 1993 gewesen sein, zu einer lesung in annaberg-bucholz eingeladen, der stadt, in der auch carlfriedrich claus lebte und auf den wir zu treffen hofften. der anlass war eine ausstellung in der dortigen städtischen galerie an der wir beide beteiligt waren. wir waren gespannt, ob claus denn komme würde.

die galeristin, brigtte milde, erfreut über unser rechtzeitiges erscheinen in ihren räumen, beschrieb nach einigen unserer fragen auch die nach der lage clausscher wohnung. Ja, dort, schräg gegenüber, vielleicht einhundert meter von der galerie entfernt, wohne er. fast zeitgleich wurde uns von ihr auch eine postkarte überreicht, die auf dem amtlichen, nämlich dem postwege, die galerie taggenau erreicht hatte. eine postkarte von carlfriedrich claus, fast auf rufweite von hier geschrieben, an uns gerichtet mit der bitte um verständnis seines heutigen ausbleibens; dass er an einer größeren arbeit säße, diese nicht unterbrechen wolle und deshalb also auch am abend nicht kommen werde. er wünsche uns natürlich gutes gelingen …

 

Uwe Warnke

Ottfried Zielke – Zielke & Konsorten

Meine Damen und Herren, lieber Ottfried Zielke!

Das Museum Schloss Burgk ehrt mit der hier zu eröffnenden Ausstellung Zielke & Konsorten das Werk und die Persönlichkeit Ottfried Zielkes aus Anlass seines 70ten Geburtstages. Das Museum hat sich bereits in den vergangenen Jahren für Arbeiten des Künstlers interessiert. Es befinden sich einige Bücher Zielkes in der hiesigen Sammlung. Die Zielke-Ausstellung von 1998 dokumentierte das eindrucksvoll.

Was ist aber heute anders? Sabine Schemmrich, Museum Schloss Burgk, und Uwe Warnke, Autor und Kunstbuchverleger aus Berlin, haben seit dem Winterhalbjahr gemeinsam am Konzept und an der Realisierung einer ganz anderen Ausstellung gearbeitet. Wir verfolg­ten dabei die Idee, Künstlerinnen und Künstler hierfür einzuladen, die dem Werk Zielkes mit Respekt, Anerkennung oder auch Verehrung gegenüberstehen. Wir hofften eine Vielfalt künstlerischer Positionen und Arbeiten zusammentragen zu können, in denen diese Zielke hier ihre Referenz erweisen würden. Die außerordentlich große Resonanz bei so vielen Künstlerinnen und Künstlern hat uns recht gegeben. Es sind nun Arbeiten von 51  (Zielke + 50) Künstler­innen und Künstlern aus Deutschland, Frankreich und den USA in den Räumen der Neuen Galerie, des Pirckheimer Kabinetts, des Grafik-Kabinett sowie in großen Teilen des Ritter­saalganges zu sehen, die subjektiv, mannigfaltig und mit Witz den Dialog mit Zielke auf­nehmen. Eigene Arbeiten von Zielke selbst stehen dabei im Mittelpunkt. Ich möchte wenigs­tens einmal alle Namen hier nennen und mich auch im Namen von Sabine Schemmrich und des Museums Schloss Burgk für die aktive Mitarbeit und für ihr heutiges Kommen bei allen bedanken:

Hartmut Andryczuk, Claus Bach, Micha Brendel, Kurt Buchwald, Klaus Peter Dencker, Gerhild Ebel, Waltraut Fischer, Felix Martin Furtwängler, Ilse Garnier, Pierre Garnier, John Gerard, Cornelia Groß, Thomas Günther, Wolfgang Henne, Thomas Henniges, Peter Huckauf, Alain Jadot, Reiko Kammer, Jürgen Kierspel, Harald Alexander Klimek, Jörg Kowalski, Anja Krüger, Hendrik Liersch, Helmut Löhr, Ruth Loibl, Christoph Meyer, Franz Mon, Anette Munk, W.W. Neumann, Susanne Nickel, Wolfgang Nieblich, Martin Noll, Jürgen O. Olbrich, PLG Friesländer, Andreas Prüstel, Karla Sachse, Kai Selbar, Frank Siewert, Reiner Slotta, Hartmut Sörgel, Katrin Stangl, Ulrich Tarlatt, Susanne Uhl, Uwe Warnke, Franz Zauleck, Helmut Zielke, Klaus Zylla und natürlich bei Ottfried Zielke.

Seit gut 15 Jahren arbeite ich mit Ottfried Zielke künstlerisch und verlegerisch zusammen. Auf dem Feld der Visuellen Poesie begegneten wir uns zuerst. Ende der achtziger Jahre in Ostberlin gewann ich ihn dann für mein illegales Zeitschriftenprojekt ENTWERTER/ODER. Die Zusammenarbeit wurde intensiver, als wir beide Anfang der 90er in dem Kunstprojekt KUNST STATT WERBUNG mitarbeiteten. In dieser Zeit wagten wir uns an die ersten unikaten Künstlerbücher und verkauften auf der Frankfurter Buchmesse sofort alles. Das sollte bis heute anhalten. Meine telefonische Erfolgsnachricht darüber erwiderte Ottfried häufig mit den Worten: „Da freut sich aber die Ratte.“ Dies hieß auch immer, dass dieser Erfolg nicht selbstverständlich war und Ottfried vor allem sich selbst wiederholt zu warnen versuchte, sich nicht hiermit zu begnügen und damit allzu gefällig zu werden. Dies zu umschiffen ist ihm über die Jahre gut gelungen. Texte, formale Vorgaben, die Verwendung auf den ersten Blick buchfremder Materialien oder die Beteiligung befreundeter Künstler­innen und Künstler waren für ihn immer Herausforderungen, bewusst als Aufgabe begriffen, auch um genau einem Gleichlauf, einer Wiederholung zu entgehen. Die etwa 60 großen Malerbücher, die seit dieser Zeit entstanden sind, mittlerweile bereichern sie große private und staatliche Sammlungen Deutschlands, der Niederlande, Südkoreas, Luxembourgs und der USA, können darüber beredt Zeugnis ablegen. Eine Wiederbegegnung mit ihnen ist immer wieder spannend und schön. Das kann hier in Burgk ebenso passieren wie z.B. in Greiz, wo das bisher größte, nur von zwei Personen geöffnet zu haltende, zu bewundern ist.

Und dabei gibt es thematisch wie ästhetisch so unterschiedliche Bücher, dass es auch für Ottfried immer wieder aufregend ist, wenn er, zumeist vor einer Buchmesse, zu mir kommt und die neuesten Bücher zeigt und übergibt. Nach Waltraut Fischer, seiner Lebensgefährtin, habe ich das Privileg, als zweiter die Objekte sehen zu dürfen. Nicht nur ich, auch die Sammler sind häufig überrascht und dennoch überzeugt worden von den Ergebnissen und schließlich mit Leidenschaft drangeblieben. Und das verblüffende dabei ist: bei aller Verschiedenheit haben sie eine gemeinsame Identität und sind immer als Zielkes zu erkennen. Neben Auflagenbüchern, auch dem Wunsch der Sammler entgegenkommend, nicht nur rare Einzel­stücke anzubieten, haben bis heute immer weitere einzigartige Kunstobjekte das Licht der Welt erblickt.

Zielkes Strich gilt vielen als unverwechselbar. In einer Welt, die immer glatter gemacht wird, die fast nur noch auf Oberfläche setzt, wo deren Macher Perfektion einsetzen und uns dabei ihre Seele absichtsvoll vorenthalten, wirkt die Sprödigkeit des Strichs Zielkes einfach, ehrlich und direkt. Seinen hintergründigen Humor und seinen durchaus politischen Biss hat er dabei in den letzten Jahren nicht verloren. Dafür gibt es bis heute auch keinen Anlass. Nicht einmal am Horizont ist so etwas wie Uneigennützigkeit als politische Folie auch nur zu erahnen. So liegen seine Themen gewissermaßen auf der Straße, vor seinem Fenster.

Und dabei wirkt vieles wie skizziert, spontan, so leicht, dass wir genau darüber, weil es uns aber doch wie fertig und abgeschlossen erscheint, immer wieder ins Staunen geraten. Sein Bruder Helmut, ebenfalls Künstler, gestand mir mal, er wisse nicht wie Ottfried das mache. Er selbst würde sich den halben Tag über ein Blatt beugen, dabei Linie an Linie setzen und an dem Ergebnis feilen – und dann kommt mit der Post so eine scheinbar hingehauene Postkarte von Ottfried und verdammt noch mal – die stimme einfach. Und diese Karten sind legendär, meine Damen und Herren, werden gesammelt und glücklich der, der sie im Brief­kasten hatte.

Ottfried sitzt an seinem Arbeitstisch in seinem Haus am Rande des Oderbruchs, schaut gen Osten und entrüstet sich über eine Welt, die kaum das Resultat von Vernunft und eben auch zunehmend die verpflichtende Haltung der Aufklärung verlassen zu haben scheint. Er kratzt das Ergebnis seiner Einsichten aber auch seiner Wut mit den einzigartigen Mitteln seines Humors auf das Blatt, auf das Blech, in oder auf das Holz, das Acryl. Da wird gezeich­net und gemalt, gestempelt, geklebt, gerissen, gesägt und geschraubt, sogar gelötet. Am Ende kommt neben Zeichnungen und Malerei aber immer ein Buch heraus. Nicht wie bei Natascha Wolprynowna, wie ein Witz aus den 80ern erzählte, Arbeiterin in einer sowjetischen Samowar-Fabrik, die jeden Tag ein Einzelteil ihrer Fließbandarbeit heimlich mit nach Hause nahm, und dort zusammenzubauen versuchte und dabei, wie sie es auch anstellte, immer eine Kalaschnikow herausbekam.

Nun wäre ich wohl ein schlechter Verleger, wären wir nicht im Umfeld diese Jubiläums herausgeberisch tätig geworden. Auf der einen Seite haben Ottfried und ich die Sonderausgabe Tagesthemen von E/O in 33er Auflage mit 16 Siebdrucken und zwei Zeichnungen samt handbemalten Umschlag herausgegeben. Zum anderen haben 30 an dieser Ausstellung beteiligte Künstlerinnen und Künstler eine Edition in 50er Auflage, ebenfalls als Sonderausgabe bei ENTWERTER/ODER, zusammengestellt, von der Ottfried noch gar nichts weiß. Sie ist ausdrücklich dir und deinem 70ten Geburtstag gewidmet. Ich möchte sie dir im Namen der hieran beteiligten Künstler überreichen. Wir wünschen dir alles gute und möchten hiermit vor allem DANKE sagen!

Uwe Warnke in Burgk, 15. Juli 2006, anlässlich der Eröffnung von

ZIELKE & KONSORTEN im Museum Schloss Burgk.

Ottfried Zielke verstarb am 17. September 2016 im Alter von 80 Jahren.

Zoppe Voskuhl – Ein richtig guter Maler

„Ein richtig guter Maler. Aber was er da malt, also …“

Meine Damen und Herren, das vorangestellte Zitat ist ein auf Zoppe Voskuhl Gezieltes. Es entstammt der Museumsstrukturen. In diesen wird ja immer abgewartet, was außerhalb ihrer eigenen, durchaus rückwärtsgewandten Welt passiert. Wir wollen dies nicht beklagen, nur feststellen. Die Gründe, wie zum Beispiel deutlich begrenzte monetäre Möglichkeiten aber auch die beziehungsreichen Abhängigkeiten eigener Strukturen, reihen sich immer noch ein neben fehlenden Mut und dem wenig vorhandenen Willen, Kritik auszuhalten. Hier die Zusammenhänge zu erkennen, hilft weiter.

Ein richtig guter Maler. Richtig und gut. Ein figürlicher Maler? Voskuhl selber sagt: „Ich bin ein realistischer Maler.“ Will er uns nur provozieren? Werden da nicht all unsere Vorurteile wach? Realismus, war das nicht auch die abgegriffene Spiegelwelt insbesondere realsozialistischer Prägung? Nein, keine Spiegelwelt, gewiss nicht. Das, was wir auf seinen Bildern sehen, ist dennoch unsere Wirklichkeit, ein Ausschnitt, sind einige unserer vielen Welten. Dort sind zwar einige Naturgesetze aufgehoben, Gravitation findet gelegentlich nicht statt, unsere Körperlichkeit manifestiert sich lediglich in Ähnlichkeiten, einzelne Figuren sind mit Fähigkeiten ausgestattet, die uns fremd sind und die wir nicht verstehen usw. – dennoch sind das unserer Konflikte. Das sind auch unsere Idyllen. Nicht immer wollen wir all dies wahrhaben. Wir kommen aber nicht umhin, wenn wir die Malerei Zoppe Voskuhl genießen und wertschätzen wollen, uns mit diesen auseinander zu setzen. Und ich sage: Zoppe sei Dank.

Die erste Begegnung mit den Figuren und der Bildwelt Voskuhls passierte vor wenigen Jahren in einer mir seit fast zwei Jahrzehnten bekannten Kreuzberger Druckwerkstatt. Der Verlegerkollege und Drucker Hendrik Liersch, immer unterwegs wenn für die Buchkunst und Dichtung irgendwo ein Pflock eingeschlagen werden sollte, druckte bei Maikowsky und Weller die Linolschnitte des Künstlers, zeigte sie mir und verband damit die Frage, ob das nicht auch mal was für meine, mit Originalen arbeitende Zeitschrift sei. Ich sah mir einige Drucke an und konnte wohl ein Schmunzeln nicht verkneifen. Das genügte, das war meine Weihe. Ich war also dabei, erhielt noch einen Katalog als Zugabe und es war ausgemacht. Die nächste Aus-gabe von Entwerter/Oder enthielt Grafiken von Zoppe Voskuhl. Ich war dem Künstler bis dato noch nicht einmal begegnet. Der Katalog verschärfte dann noch meinen ersten Eindruck. Was war das da auf den Bildern? Was war da los? Die Intensität der Bilder war noch um einiges größer. Während sich die Linolschnitte auf eine Bildidee reduzieren ließen, einen Gedanken, ein Bonmot, war die Welt der Bilder deutlich komplexer. Hier fand Malerei statt, Farbe kam nicht nur ins Spiel, sie war bestimmend. Noch mehr Figuren, die agierten. Ein Spiel, das mich erneut irritierte. Und es ging da ordentlich zur Sache. Hier wurde gemordet und geliebt, geopfert und gezeugt, gekämpft und gespielt, gegeißelt und genossen – eher selten kontemplativ auf dem Sonnendeck gelegen. Doch immer wieder Form, Figur, Form.

Malerei, das ist Liebe zur und Umgang mit Farbe auf der Fläche. Ihre Materialität ist im Vorgang des Malens Schicht um Schicht gewachsen und auf den Bildern ablesbar. Ihre Pastosität ist schließlich zu greifen. Etwas das Voskuhl lieb und teuer ist, das er schätzt und verteidigt. Und doch ist dabei die Form immer stärker als die Farbe. An diesem Naturgesetz der Malerei kommen wir auch heute Abend nicht vorbei. Dieses Gesetzes ist sich der Künstler auch durchaus bewusst. Ihm stellt er sich immer wieder. Es ist immer wieder ein Wagnis, sobald der Pinsel in der Hand gehal-ten wird, die Leinwand ausgebreitet und die Farbe frisch heraus gedrückt ist. Ein Wagnis, das sich die Waage zu halten versucht, das schussendlich auf einen Ausgleich aus ist, auf eine Lösung. Diese liegt im Ästhetischen. Gelegentlich tauchen Textsplitter auf. Die scheinbar nebenbei oder flüchtig notierten Wortreihen sind bei genauem Hinsehen doch Handreichungen, die unserem Denken eine Richtung geben können. Eine mögliche Aussage wird auch dadurch immerhin so gelenkt, dass ihr zumindest die Beliebigkeit genommen wird. Ich mache es kurz: Dialektik, meine Damen und Herren. Das eine undenkbar ohne das andere. Bedingtheiten, die ausgehalten werden müssen und eben hier auch ausgehalten werden.

Ich möchte noch ein wenig über die Figuren selbst nachdenken. Die Kopffüßler des Bilderkanons der 60er und 70er Jahre haben hier wieder vorsichtig Körper erhalten. Figuren in allen Größen neben-, hinter- und übereinander. Nicht durch Alter voneinander getrennt, eher durch ein Mehr oder Weniger an Zuteilung. Da hat der eine mehr Glück gehabt als der andere. Das kommt mir bekannt vor. Es scheint übrigens niemand darüber Klage zu führen. Das unterscheidet uns von ihnen. Körper, auf denen kindsähnliche Köpfe sitzen. Ein Kindchenschema ist sicher nicht zu übersehen. Comic? Lebensfähig genug sind lediglich ihre Gliedmaßen dünn ausgebildet, aber offensichtlich hinreichend stabil und damit zu allerhand Tat und Schandtat einsetzbar. Sympathisch und verspielt. Alles strebt nach oben. Manche kommen gar aus der Erde. Der Aufenthalt hier hat irgendetwas Vorläufiges.

Ist es so, dass es Voskuhl auf diese Weise, mit dieser Figuration, gelingt, etwas passieren zu lassen, dass man Erwachsenen in vielen Fällen so nicht abnehmen würde? Und wirkten die Auseinandersetzungen, die Konflikte, die Gewalt dann nicht ganz anders? Warum ist eine Folterszene bei Voskuhl keine Folterszene? Woher kommt die Gelassenheit in den Gesichtern der Akteure? Wird da, so ganz nebenbei, ein Tabu gebrochen? Welche Berührungsängste werden hier geschickt unterlaufen? Warum sind die Direktbilder, die dies zum Thema machen, alle verkauft?

Plötzlich ist Idylle, sonst kaum auszuhalten, weil falsch und verlogen, möglich. Kunst, wenn sie groß ist, kann das. Mir kommt da Richter in den Sinn. Nein, der 1884 verstorbene Dresdner Romantiker Ludwig Richter. Doch irgendwas stimmt bei dem Vergleich nicht. Voskuhl war nie auf die Romantik hinter dem Idyll aus. Nie dieses „verweile doch du bist so schön“ – während draußen eine andere Wirklichkeit zusammen gebulldozert, zusammen spekuliert wird. Bei ihm knistert die Doppelbödigkeit und man ahnt, irgendwas wird geschehen. Oder ist allein die Existenz solchen Idylls längst der Beleg dafür, dass Grausames und Unwiederbringliches geschehen ist und geschieht?

Ein Name noch: Henry Darger. Der Chicagoer Hausmeister eines Krankenhauses, der 1973, nach seinem Tod neben 15 000 Seiten Text auch noch mehrere hundert Blätter Zeichnungen hinterließ und dessen Kindsfiguren, allerdings alle geschlechtslos oder dem weiblichen Geschlecht zuordenbar, ebenso vielfältig und schwerelos wie bei Voskuhl agieren. Es gibt immer Berührungen. Hier angekommen bewegen wir uns mittlerweile am Rande von Art Brut. Ja, ich weiß, wie sehr das hinkt.

Ist es in der Malerei eigentlich auch so, dass am Ende das Bild schlauer ist als sein Maler? Bei Texten ist das so. Der Text ist immer klüger als sein Autor.

Wo waren wir noch stehen geblieben?

Vielen Dank

Uwe Warnke zu den Arbeiten Zoppe Voskuhls, aus Anlass der Ausstellung „Bilder, Skulpturen und Grafiken aus der Werkgruppe Rüdi Bilder” in der Galerie elm 75, Weserstrasse 164, Berlin (Neukölln) am Samstag den 1. November 2008

Frank Siewert – Buchgrafik

Als ich vor einigen Tagen das erste Mal in diesen Raum mit seiner Kunst kam, war ich auf seltsame Weise angefasst. Ich war von einer Stimmung fasziniert, in der alles zu passen schien. Ich begriff erst zu Hause, zurückgekehrt an den Schreibtisch, dass es die formale Geschlossenheit war, die Einheit und Dichte, die mich begeisterte und die mich wieder mal überzeugt hatte.

Wenn uns in der Begegnung mit der Kunst so etwas passiert, treffen wir keine Entscheidungen nach gründlichen Analysen, Lektüren, Seminaren, Rücksprachen, langem Abwegen, einem Für und Wider etc. -, sondern unser Prinzip Wahrnehmung funktioniert dabei spielend. Das sind Augenblicke, Erfahrungsmuster, Vergleiche, ein Scannen und Ordnen und bestenfalls Fragen zulassen. Und das passiert in Windeseile, in Femtosekunden, würde Frank Siewert vielleicht sagen. Wir denken da vordergründig nicht nach und könnten doch, würden wir umgehend gefragt, sofort einiges assoziativ herunterspulen, erzählen. Das haben wir drauf. Und nicht etwa, weil wir das alles schon kennten. Würde sich dies nämlich nur in unserem Erfahrungshorizont abbilden, kämen wir über das Wort Tradition nicht hinaus. Also unsere Offenheit, die zulässt, dass wir verstört werden, irritiert werden usw. ohne uns zu verschließen, ist das, was uns mit dem Künstler verbindet, was die Spannung hält, was uns einander interessiert. Empathie und Kontemplation, meine Damen und Herren, diese Einfühlung und sich immer wieder bestätigen wie gut oder schlecht, wie richtig oder falsch alles ist und vor allem wie einig wir uns dabei doch sind, ist zwar ein tragfähiges Konzept in Ruhe, hilfreich im Moment des tiefen Durchatmens (Seufzen ist eine Vollatmung), eines das auch dem Gräbenziehen und der eingeübten Abgrenzung z.B. gegen all das Neue, Fremde, vermeintlich Unruhig-Machende dient. Es ist aber keines für die Bewegung. Nichts, was weiterführt. Dieser Unterschied ist es, dem wir dankbar sein sollten; dankbar für eine neue Erfahrung. Wann machen wir die denn noch? Wie wir sehen, stehen uns also nicht Fremdheiten im Weg, sondern wir uns selbst. Wohl dem der fühlen und denken will.

Wir stehen hier vor Buchexistenzen, die im Chor der Bücher, der Buchproduktionen und des Buchmarktes überhaupt keine Rolle spielen. Fragestellungen, wie sie die Papier- und Druckindustrie gegenüber Verlagen gern aufwirft, z.B. die Beschaffenheit des Buchdeckels und der Inhaltsseiten aus demselben Papier zu wählen, um beim später ganz sicher folgenden Recycling verkaufter oder nichtverkaufter, gelesener oder nichtgelesener Bücher Arbeitsschritte der notwendigen Trennung zu sparen, tauchen hier nicht auf. Und wir sind froh, dass das so ist. Genau das schafft ja auch Freiheiten. Buchkunst, um die sich im Übrigen bestenfalls schon genau so lange bemüht wird wie es eben Bücher gibt, d.h. schon lange vor dem Buchdruck, ist hier von Interesse. Schon in der Phase der Handschrift und mehr noch mit Einführung des Buchdrucks entstehen umgehend Traditionen. Buchkunst heute, wenn sie dieser Tradition entkommen ist, kennt einerseits deren Gesetze und formalen Bedingungen, die eben Buch bedeuten und ist andererseits wach genug, diese in Teilen immer wieder über Bord zu werfen. Genau soweit vielleicht, dass es das eigene Boot nicht kentern lässt. Aber warum nicht auch dies? Dieses Zu-weit-gegangen-Sein ist doch eine wunderbare Erkenntnis, die außerdem Gründe hat und die neugierig macht auf das Danach. Wenn es das dann hoffentlich noch gibt.

Auf die Frage, warum immer wieder das Buch, antwortet Frank Siewert ohne Umschweife, dass er schließlich mit dem Buch groß geworden und dass das Buch eben auch ein haptisches Erlebnis sei. Man kann es in die Hand und auch direkt vor die Augen nehmen. Man kann es sehen, fühlen, riechen. Etwa 100 eigene Bücher und Beteiligungen an diesen sind es, zu denen sich der Künstler immer wieder hat hinreißen lassen. Texte sind dabei ein Einstieg in die Auseinandersetzung. Es sind solche unter anderen von Gert Neumann, Sarah Kirsch, Ina Strelow, Eberhard Häfner, Richard Anders, Peter Wawerzinek oder Vitezlav Nezval. Hinweise auf Texte nimmt er gern und dankbar von Kollegen auf. Zeitgenossenschaft scheint dabei eine Rolle zu spielen. Diese Texte sind das kleine Fenster, der Ansatz. Reibung ist ausdrücklich erwünscht. Zitat: „Sich dem eigenen Denken ausliefern.“ Dieses Begegnen-Wollen, etwas, was auch uns hierher geführt hat, fand für den Künstler schon ganz am Anfang in der Konfrontation mit der Literatur statt. Die Arbeit am Text ist dabei atmosphärisches Reagieren, kein Spiegeln, kein Illustrieren. Stimmungen einfangen und sie vor der eigenen Erfahrungswelt prüfen. Dabei ist auch für den Künstler nicht klar, was entsteht. Die Verbindung vom Kopf bis zur Hand ist lang. Was auf diesem Weg und in der dabei notwendigen Zeit passiert bis der Gedanke Bewegung wird und eine noch so kleine Spur auf dem Papier oder Stein hinterlässt, ist völlig unklar. Hält sie der Prüfung stand, setzt ein Erkenntnisgewinn auch für Siewert erst mit Verzögerung, bei später erneut stattfindender Wiederbegegnung, ein.

„Sehen ist Käfig“ lese ich da als Titel eines unikaten Malerbuches das ganz auf Text verzichtet. Sicher gilt dies auch als Ansporn, den eigenen Mustern zu entkommen. Siewert ist sich der bestätigenden Einfühlung als Gefahr bewusst, wenn er 1998 schreibt: „Erinnerungen haben romantischen Staub angesetzt.“

Ein Sich-Fügen in die Gesetze und Traditionen des Buches, die Geschlossenheit zwischen den Deckeln, einem Anfang und einem Ende, dem gegenüber von Seiten, der Serie und Variation von Aufeinanderfolgendem in Text und Bild, der Formatbegrenzung, dem Text der alles zusammen zu halten scheint -, das alles ist für Siewert nicht vordergründig von Interesse. Die Strenge ist ihm allerdings Motivation. „Es ist eher der Nutzen der sich daraus ergebenden Möglichkeiten“, wie er auch sagt.

Dass er dabei Freunde im Geiste fand und auf Gegenliebe stieß wundert dann schon nicht mehr. Verleger luden ihn ein und Editionen standen ihm offen. Das begann in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren mit der Herzattacke und Edition Maldoror in Berlin, ging über Keil in Brandenburg zu Entwerter/Oder, Edition Dschamp, miniture obscure, savod progress (alle Berlin) zum Verlag Peter Ludewig in München. Der Karo Verlag in Basel wie auch inventory in London luden ihn ein. Bei den Schraubenblättern, Berlin, entsteht immer wieder etwas wie auch im Arco Verlag, Wuppertal/Wien. Aktuell lieferte er Arbeiten für quartett in Halle.

Er geht dabei spielerisch mit den ihm zur Verfügung stehenden Drucktechniken um. Es begann mit Kopien von Zeichnungen und wechselte schnell zu Holzschnitten. Das wurde von ihm im Jahr 2000 aufgegeben. Sogar Fotografien, Handabzüge um genau zu sein, tauchten auf. Die Lithografie steht ihm heute genauso zur Verfügung wie die Radierung, der Siebdruck. Die letzten drei genannten Techniken sind dem Prozess des Zeichnens nahe. Da findet sich schließlich auch das Original, die Zeichnung, wieder ein, wenn der Künstler auf dem Humus des von ihm bereits Gestalteten weiter arbeitet und Gedrucktes übermalt. Die Farbigkeit spielt dabei, wie nicht zu übersehen ist, in Pastelltönen und im Gedeckten. Erdtöne herrschen vor. Die Form, die sich so durchsetzt, hat etwas Zeichenhaftes. In der Reduktion des Figürlichen hat sie aber immer noch ihre Körperlichkeit. Reduziert wird um der Einfachheit Willen. Hier geht es ruhig, sensibel zu; in Klarheit, wenn Sie so wollen. Es ist nicht das Spektakel, nicht der Rausch, nicht das Menetekel. Siewert war immer schon, und so ist es auch hier, auf anderes aus.

Uwe Warnke

gehalten am 29.09.2011 im projektraum: alte feuerwache, Berlin-Friedrichshain