Archiv der Kategorie: texte über

Antje Scharfe – Gefäßerweiterungen

„Immer so als ob!“          Ein großes Bekenntnis zur Form.  Gefäß – e r w e i t e r u n g e n

Gemeinhin spricht man von Gefäßerweiterungen, wenn durch Ausschüttung körpereigener Hormone die Durchblutung angeregt wird. Voraussetzung dafür ist ein gegebener Anlass. Das Ergebnis, zum Beispiel: wir erröten. Ein Affekt, dessen Sichtbarkeit unter Umständen uns oder überhaupt stört, aus medizinischer Sicht jedoch durchaus wünschenswert, zumindest positiv bewertet wird. Bewegung ist eben alles …  Tritt allerdings, und dies ist eine der Gefahren der Gefäßerweiterung, eine gewisse Wandschwäche auf, so dass die Flüssigkeit führenden Gefäße diese nicht mehr halten können und platzen, ist das Überleben eine Frage des schnellen Zugriffs, der zur Verfügung stehenden Technologie und damit der Ideen.

Zu Besuch bei Antje Scharfe. Die Werkstatt ist eine Werkstatt. Der erste Eindruck: alles befindet sich im Werden; Oder sagen wir in einem Zwischenstadium. Das Sympathische: nichts ist weggestellt (woher will ich das wissen?) und nichts ist zugehängt oder abgedeckt. Staubfrei geht es nicht zu, kann es hier nicht zugehen. Alles liegt auf der Hand, vor den Augen. Das Gespräch dreht sich um das was sich denken lässt und hier zur Form wird. Die Regale sind voll mit sinnlichen Versuchsanordnungen. Was sich jetzt noch verschiebt, verbiegt, verfärbt, entblättert und kombiniert, ist sinnliches Reagieren auf neue Verhältnisse, ist ein Abklopfen und Gestalten neuer Erfahrungen.

„Ich bin etwas verblüfft, dass sich Kollegen immer wieder von den Resultaten meiner Arbeit überrascht zeigen.“ Ein Satz von Antje Scharfe, der ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass doch alles nahe liege, dass doch die Dinge klar seien, oder? Keinen Hehl macht sie aus dem sich so einstellenden Missmut, wenn das Mitdenken ausbleibt. Und genau so selbstverständlich entwickelt sie eine Form aus der nächsten, steht eine Folgerichtigkeit angeschrieben, die mich beeindruckt, gerade wegen ihrer Schlüssigkeit.

Hier wird gedacht, nachgedacht – und das Denken geht der Handarbeit voraus, ist fester Bestandteil ihres Werks. Neben unserer sinnlichen Wahrnehmung wird auch ein gedankliches Nachvollziehen vom Betrachter erwartet. Das ist der Unterschied zum Angebot an Kontemplativen.

Eine Frage bringt mich auf das Wort „Parodie“. „Nein“, kontert Frau Scharfe, „ich liebe die Keramik, ich liebe Gefäße. Das was ich tue, ist ein Kommentar. Immer so als ob.“  Die Titel der einzelnen Werkgruppen bieten uns einen Schlüssel, erleichtern uns ihre Lesbarkeit: „Funktionelle Gefäße“, „Still-leben-Gefäße“, „Nachdenken über Gefäße“, „Küchen“, „Borde“, „Taschentuchbilder“ usw.

Kommentare kommen ohne Erleben nicht aus, setzen Souveränität und Überblick voraus und besitzen die Freiheit des Zitats. Genau so! Sie sind actio und reactio in einem. Das benutzen desselben Materials ist das Zitieren einer Quelle.

Immerhin oder immer noch: alles was entsteht greift in den Raum. Nichts wird auf die Fläche zurückgeworfen. Selbst diese ist, da wo sie zweidimensional scheint, nicht in diesen Ausdehnungen zu halten. Beim näheren Hinsehen ist auch das ja nicht verwunderlich. Hat das nicht mit der eigenen Geschichte, mit der Geschichte des Materials zu tun? Stand nicht der Körper im Mittelpunkt der Keramik und zwar völlig unabhängig von der eingenommenen Distanz zur Tradition? Und, Moment, ist das nicht heute auch so?! Hier hilft uns auch das Wörtchen „noch“ nicht weiter. Und schließlich: Von welcher Tradition ist denn da die Rede?

Es gibt sicher eben soviel gute Gründe am Material festzuhalten, wie es Argumente gäbe dagegen. Denken und Arbeit bieten den Entwurf oder Gegenentwurf, ganz wie Sie wollen. Antje Scharfe tritt immer an, die Grenzen ihres Tuns auszuloten, der Wirksamkeit des eigenen Wollens nicht nur die Spur zu ziehen, sondern den Boden zu bereiten und auch immer wieder (und noch) aufzubereiten. Anmerkung: auch ins Bodenlose, warum denn nicht?! Und, bitte, Halt gemacht wird erst, wenn die freie Entscheidung durch die Grenzen des Materials infrage gestellt ist.

Uwe Warnke, Berlin 2003

Der Text ist nicht zu verstehen als Argumentationshilfe für einen ohnehin längst verlorenen und nur vermeintlichen Kampf, wie dem zwischen Tradition und Innovation, den Platzanweisern und Platzhaltern der Keramikzunft, der, wenn er denn geführt wurde, ein unsinniger war. Denn es gab gar nichts zu kämpfen. Zumindest nicht an dieser Stelle, nicht mit der Tradition, oder besser mit jenen Vertretern, die diese und nur diese als Argument zitieren und sie als hochgehaltene Fahne schwingen, dabei so vieles verkennen und den Blick aus dem Rückspiegel nicht abzuwenden in der Lage sind (zumal der Gegenverkehr so blendet).

Der Text ist ein Text. Und Erfolg ist ein Missverständnis. „Man hat schnelle Erfolge und braucht Jahre, um es (das Material, Anmerkung U.W.) zu überlisten.“(A .Scharfe)

Selbst die eigenen Erwartungen, bezogen auf Resonanz, Förderung, Austausch und Markt, verschob man auf und in vorhandene Strukturen – bis diese sich als unwirksam und unbrauchbar erwiesen. Aus diesem Sumpf wird sich nun, wie es heißt, am eigenen Zopf herausgezogen. Das ist mehr, als lediglich am Henkel und bedeutet viel, wenn man bedenkt, dass es anders nicht gelingt, dass es nur so gehen kann und deutlich Selbstbewusstsein schafft.

Uwe Warnke

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Uwe Sarnow – Ick male wat ick sehe!

Uwe Sarnow: ein Berliner Maler.

Er war ein flüchtiger Bekannter, später ein Nachbar. Wir kannten uns von den Jobs der 80er Jahre im Osten Berlins. Verschiedene Verrichtungen hielten uns so über Wasser. Nur gelegentlich wurden wir gefordert. Damit ließen sie uns genug eigene Zeit. Hierum gings. Ein kleine verschworene Gemeinde, die ständig Tipps zum Überleben weitergab. Man brauchte sich. Der Kontakt war nicht eng. Den Ausstieg hatten man hinter sich. Nach den Gründen solchen Lebens wurde nicht nachhaltig gefragt.

Als ich erstmals mit den Bilder Uwe Sarnows konfrontiert wurde, überschnitten sich in mir zwei Biografien, die nicht wirklich zusammengehören wollten. Gab es hier ein zweites Leben? Doch tatsächlich erklärte sich erst jetzt das eine aus dem anderen: Die Beschäftigung mit Malerei seit der Steinmetzlehre, der Kontakt zu Eva Vent, seiner frühen Lehrmeisterin in Sachen Malerei, der Wunsch nach mehr Zeit zum Malen, der Ausstieg aus dem „bürgerlichen Leben“. Broterwerb und freies Schaffen, ein Nebeneinander das Umwege einfordert und Zeit frisst.

Die Berliner Schule ist tot. Die Berliner Schule lebt. Diejenigen, die den Begriff in der DDR geprägt, die ihn mit Bildern gefüllt haben, würden sich über die Lebendigkeit und über ein Bekenntnis zu ihr heute vielleicht wundern, tritt doch hier jemand an, den sie von keiner Kunsthochschule, von keiner der Ost-Berliner Verbandsquerelen, von keiner Ausstellung und auch von keinem Ausstellungsverbot der 80er Jahre her kennen. Und dennoch: Da ist ein Berliner Maler und der sieht sich klar in dieser Berliner Tradition.

Der Mensch, die weibliche Figur, der Akt insbesondere, sind für Uwe Sarnow ständige Herausforderung. Dabei ist auch eine nicht stillbare Sehnsucht unverkennbar. Der Maler kennt sein Motiv, sein Sujet und hält es uns in der von ihm erkannten Lebendigkeit hoch und vor. Da ist nichts Totes, nichts Verstaubtes. Selbst die Darstellung des Pferdes wird nicht ausgeklammert. Kein Zugeständnis und Umschiffen möglicherweise gefährlich versumpfter Kunstgewässer. Frisch gemalt.

Der scheinbare Griff in die Konvention ist nicht Rückgriff, sondern gilt ihm als etwas Fortzuentwickelndes. Herkunft wird nicht geleugnet. Da wird gearbeitet und sich gerieben. Nichts wird als endgültig behauptet, das Atelier offen gehalten, Moden nicht angenommen. Kein Trendsetting also. Kein früher Tod.

Seine Bilder sind immer Ergebnis eigenen Erlebens. Der Prozess ihrer Herstellung hat sich jedoch verändert. Anfangs folgte der Skizze die Vorzeichnung auf der Leinwand und dieser das fertige Bild. Aus der Komposition ließ der Maler vorsichtig das Bild entstehen. Diese Spur wurde langsam verlassen und der Spontanität mehr Raum gegeben. Jetzt wird der eigenen Lust selbstbewusst mehr vertraut. Die auf diese Weise entstehende neue Spannung wird offensichtlich ausgehalten. Die Malerei Uwe Sarnows entfernt sich so vom allzu Konkreten. Das direkte Abbildenwollen tritt in den Hintergrund. Die Bilder sind frischer geworden. Sie werden subjektiver und dennoch verallgemeinerbarer. Es sind gültige Ergebnisse, Berliner Bilder.

Uwe Warnke                                                            Berlin, Januar 2000

Annette Munk – So einfach ist das nicht.

So einfach ist das eben nicht. Die Stolperfallen sind in der Kunst genauso ausgebreitet wie in unserem Alltag. Selten so direkt wie bei Marcel Duchamps Installation „Dem gebrochenen Arm voraus.“ Jedoch immer einen Schritt vor den nächsten. Gewiss.

Unsere Sprachfunktionen und das ewige Sprechen-müssen und das Voranschreiten eines vermeintlichen Individualismus lassen einen immer öfter die Sprache verschlagen. Missverständnisse allüberall.

Meine Damen und Herren: Haushaltslöcher. Sind sie nun Thema oder sind sie Objekt? Was ist hier Hauptwort und was ist Nebenwort? Da macht es sich Annette Munk nicht leicht, wenn sie uns auch bei der Wortwahl ihres Ausstellungstitels auf den ersten Blick ins scheinbar Lapidare verführt. Das Lapidare – das Einfache. Haushaltslöcher – die kennen wir doch zu genüge. Meinen wir. Glauben wir. Es geht aber nicht um das Loch im Beutel, das uns die finanzielle Situation neu zu überdenken zwingt, nein. Dennoch – die Löcher, sie sind da, nicht zu übersehen. Sie sind prägend. So merkwürdig wie das klingt, aber sie halten etwas zusammen.

Aber zunächst einmal sind da Skulpturen, plastische Körper, die alle der Welt des gemeinen Haushalts entsprungen zu sein scheinen. Die Familie lässt grüßen. Und da sind wir mitten drin und haben sie direkt vor uns: „Ironman“, „Ladylike“, „Boy or Girl“. Diese Figurengruppen sind feste Größen und wirken wie Zitate. Es scheinen zwar alte Bekannte, aber Privatheit ist für Annette Munk kein zu bespielender Reigen. Wir haben es eher mit Archetypen zu tun. Doch vorsicht. Das Bügeleisen, flatiron, taucht hier vermittelt auf. Wir glaubten bislang es der weiblichen Welt zuschreiben zu können und erleben es hier als festen Bestandteil des Männlichen. So kann’s gehen. Es geht aber noch weiter. Der Ausschnitt des „Ironman“ wird zum umgekehrten Schild der Mitra, des Bischoffshutes. Und schließlich entsteht die Arbeit „Der Aufseher“. Das Feste, das Schwarze, das Finstere, schließlich das Konservative. Damit nicht genug. Um alles nun wieder zu öffnen, lesen wir ’Iron’ einmal deutsch und schon wird es zu Ironie. Alles ist in Bewegung. Nichts ist einfach. Das Einfache – das Schwere.

In der Ausstellung finden wir zahlreiche lebensmittelartige Dinge, Fruchtiges, Kekse, die Schnitte, die Steckdosen, schließlich Kreuzschraubenköpfe usw.. So konkret wie sie anmuten, kommen doch mittlerweile Zweifel auf, ob das so gemeint ist, wir es wirklich nur mit dem bloßen Abbild von etwas zu tun haben. Unsere Skepsis, die wir teilweise schon abgelegt haben weil wir uns in Bewegung gesetzt haben, weil uns etwas interessiert, wird schließlich durch die Verantwortung der Künstlerin überwunden. Bestenfalls ist das so in einer neuen Begegnung. Der Flickenteppich der von jedem einzelnen von uns natürlich unterschiedlich wahrgenommenen Realität treibt dann noch eigene Blüten. Wahrnehmung, Realität, Zweifel. Und dann auch noch das: je genauer wir etwas betrachten, desto weniger wissen wir darüber. Unschärfe.

Aber weiter. Da sind noch Nasen, Pferdestärken, die Wandzeitung. Da wir ja alle mal Wandzeitungsredakteure waren, wie Annette Munk kürzlich lachend sagte, wissen wir auch noch, dass und wie die Wandzeitung zu uns spricht. Eben, das tut sie auch hier. Aber erst die Farbe und die Löcher stoßen uns drauf, machen es möglich.

Löcher, Annette Munk spricht von frühesten Lochungen, von Figuren und Dingen, von Hohlkörpern, von aus der Fläche konstruierten Formen, schließlich einer Hülle um Nichts. Und das Loch, das auch auf das Innere oder ein Dahinter verweist, und dabei ein wenig in ein zunächst gar nicht aufgemachtes Geheimnis blicken lässt, ist nicht zuletzt Gestaltung, ist Ornament. Dabei zitiert sie manchmal geschickt bekannte Muster, setzt auch mal ein Klischee, dass uns verführt. Gelegentlich glauben wir Bescheid zu wissen.

Ist Annette Munk mit einer neuen Skulptur beschäftigt, haben zum Beispiel die absurden Seiten unserer Existenz, die Billigmärkte, die Wühltische, die so genannten ’praktikablen Lösungen’, ihr erneut Aberwitziges zugespült und ist damit eine Idee bereits in ihrem Kopf, ist die Umsetzung Reife- wie auch Findungsprozess. Die Suche nach dem richtigen Material ist gleichzeitig eine Suche nach Begriffen. Ein Spiel mit der Welt und ihren scheinbaren Bedeutungen. Ein Wörtlich-Nehmen. Ein Entdecken und gleichzeitiges Enträtseln. Ein permanentes Übersetzen nennt sie das. Sie kennen das ansatzweise auch. Unsere Sprache und unser Leben sind voll von solchen Verstrickungen. Da werden sie aufgefordert: „Streichen Sie mal die Fenster!“ Aber wehe sie tun es. Denn nur die Fensterrahmen sind gemeint.

Ich bin vor den Arbeiten der Künstlerin immer wieder irritiert. Irritation deutet das Irren an, schwächt es jedoch sogleich wieder ab. Da ist auch der Irrtum nicht weit und, natürlich, das Menschliche. Fallstricke sind dabei nicht ausgelegt, eher Handreichungen zur Überwindung der Distanz. Offenheit und Spaß. Das hat mich jedes Mal überzeugt.

Wie frau hier Zeitgeschichte und Zeitgenossenschaft miteinander verbindet – Achtung Stolperfalle! – ist schon einmalig. Die Installation „Wir hatten die Gleichberechtigung“ ist nicht nur eine Arbeit über ein Spezifikum in der DDR, sie ist schließlich eine hintergründige Installation über das Verhältnis der Geschlechter auch in der heutigen Gesellschaft. Wir sind aufgefordert nachzulesen, die Bücher in die Hand zu nehmen. Bitte tun sie das!

Dass es ihr gelingt, ihre Arbeit mit Humor zu verbinden, erleichtert den Zugang. Sie selbst sagt: „Verstehen ist möglich mit Lachen.“ Das wir dabei das Glatteis übersehen, auf dem wir uns – haste nich’ geseh’n – längst bewegen, ist eine raffinierte Methode, der selbst ich, der Redner heute hier, zu entkommen glaubte. Nix da. Mit gegangen mit gefangen. Aber, sich nämlich im Moment der irritierenden Erkenntnis neu Halt zu suchen, sich neu orientieren zu müssen, ohne in Deckung und damit auf Distanz zu gehen, ist der kreative Akt, der verlangt wird. Deshalb sind wir hier. Wir können reden und wir können fragen. Nichts einfacher als das?

Meine Damen und Herren, wie wir bewundernd feststellen, sind die Objekte, die Figuren und Dinge ausnahmslos hervorragend gemacht, großartig verarbeitet. Das Handwerkliche ist nicht zuletzt die Voraussetzung, um über alles weitere überhaupt erst ins Gespräch zu kommen. Dass das mit diesem Material, diesen Nadelfilzen, die so wenig zulassen und sich sperren, durchaus gelingt, wundert zuweilen Annette Munk selbst und damit entsteht die Erkenntnis, was doch alles so geht. Da wird auch Nudelteig zum skulpturalen Material. Ausgehend von dem Begriff der ’Teigtasche’, enthebt die Künstlerin die Bedeutung ihrem Umfeld und gelangt so zum Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Schöpfung. Das Wort trifft Material und wird zur Tasche im Kleinstformat. Das wird variantenreich vorexerziert und damit zum Alfabeth.

Dass Annette Munk bei ihrem Tun den Platz ihrer Arbeit in der Gesellschaft nicht aus den Augen verliert, ja ihn teilweise geradezu provoziert, ist mir ein nächster Vorzug. Diese Frage und dieses Suchen danach scheint mir im Übrigen auch etwas zu sein, dass sich durch die Arbeit Erik Stephans und des Jenaer Stadtmuseum geradezu verantwortungsbewusst zieht. Auch um den Spaß an der Kunst nicht zu verlieren. Als weithin leuchtendes Beispiel gewissermaßen.

Und schlussendlich geht es beim Aufstellen der Arbeiten in neuen Räumen, also auch hier, immer um das Finden von Zusammenhängen, auch neuen Zusammenhängen; bestenfalls auch für die Künstlerin. So gesehen, sind es immer auch einmalige Installationen.

Als ich vor gut einer Woche aus dem Atelier von Annette Munk kam und den Bahnsteig der nahe gelegenen U-Bahn-Station erreichte, klebten an den durchsichtigen und heilen Glasscheiben einer Doppeltür, die Löschgeräte und ähnliches zu schützen versuchte, zwei warnende Zettel mit der Aufschrift: Vorsicht – Frisch gestrichen. Ich sah mir die Szenerie noch einmal an, zog den Kugelschreiber und ergänzte: Eben nicht.

Uwe Warnke, Jena, 07.12.2007

gehalten in den Städtischen Kunstsammlungen Jena

Christoph Meyer – Von Linien, Strukturen und Farben in Büchern

Als ich Christoph Meyer vor etlichen Jahren kennen lernte, suchte er Kontakt zur Künstlerbuchszene. Es ging ihm um einen Austausch. Er wollte mit Kollegen reden und drängte dabei längst mit seinen Büchern auf den Markt. Das war auch nur folgerichtig, denn da waren im Stillen erstaunliche Bücher entstanden – Malerbücher, Künstlerbücher. Die Qualität war überzeugend. Ich nahm einiges mit auf die Buchmessen. Die Sammler waren positiv überrascht und schlugen zu. Arbeiten Christoph Meyers tauchten in meiner Künstlerzeitschrift Entwerter/Oder auf. Alles fügte sich und passte gut zueinander.

Ausgangspunkt der künstlerischen Arbeit ist bei Christoph Meyer immer der Strich. Dieser beschreibt bei ihm häufig eine Form, ist ein Spiel auf der leeren Fläche. Lockerheit in der Hand, geregelte Abläufe. Manchmal sind es auch Liniaturen, die das Blatt beherrschen. Da geht die Linie in die Fläche, sucht sie Halt an den Blattgrenzen, wird zur Struktur. Doch immer sind es Zeichnungen.

Über die Jahre hat sich eine Sparsamkeit der Linienführung durchgesetzt. Die Auseinander-setzung mit dem weißen, leeren Blatt, tägliche Arbeit und immer wieder Neubeginn, hat bei Meyer zu wunderbaren Lösungen geführt. Es ist durchaus auch mutig zu nennen und zeugt vom Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, der Leere auf der Fläche auch Raum zu geben, sie zuzulassen und auszuhalten.

Dabei spielt die Farbe keine geringe Rolle. Das beginnt bei der Farbigkeit des Papiers und seiner Struktur. Beides ist Teil der Lösung. Bei der Auswahl der Materialien ist nichts zufällig. Die Wahl der Farben greift nicht ins Pastose. Es sind kräftige Farben. Sie sind Engagement – ein Leuchten.

Die Arbeit führt Christoph Meyer immer auch zum Thema Buch. Er hat Lust, sich diesem zu widmen. Das Nachdenken über die Zwangsläufigkeiten von Buch, seinen Ordnungen, seinen Gesetz-mäßigleiten, seinem geschlossenen Charakter usw, wird immer wieder aufgenommen. Es hat fast etwas Serielles, hier immer wieder neu einen Anfang zu machen. So entsteht im unikaten Bereich Buch für Buch. Dabei werden einmal gefundene Lösungen variiert und weiter gesponnen, Ideen fortgeführt, neue Wege gesucht.

Dass Meyer irgendwann eine eigene kleine Presse gründet, war dann nur noch eine Frage der Zeit: CHRISTOPH MEYER ALIGATORPRESS. Eine Presse für von Christoph Meyer geschaffene wie verlegte Bücher. Unter diesem Label existiert dann noch die edition mote, unter dem ebenfalls von Meyer gestaltete und herausgegebene Bücher erscheinen. Dies deutet an, dass der Künstler hier auf mehreren Wegen unterwegs sein will. Da sind einerseits also die Malerbücher, die Perlen, die Einzelstücke, und andererseits die in der Edition in kleinen Stückzahlen hergestellten Titel. Auch bei diesen in Auflage erschienenen Büchern geht es Meyer um das Original, um die Zeichnung. Es sind hier zwar die Texte im Buchdruck auf ausgesuchte Papiere gedruckt worden, aber typografisch so in Szene gesetzt, dass genug Raum bleibt, um Zeichnungen mit der Hand zu ergänzen. Liegen die gedruckten Blätter vor, so ergänzt er 2 – 3 Exemplare langsam mit seinen Zeichnungen. Hier lässt er sich Zeit. Meyer hält das aus und der Markt muss warten.

Sich dabei auf die Arbeit von professionellen Handwerkern wie Buchdruckern und Buch-bindern verlassen zu können, ist für Meyer außerordentlich wichtig. Enttäuschungen werden an dieser Stelle nicht hingenommen, haben Konsequenzen. So sucht sich der Künstler sein Gegenüber. Gegenseitige Wertschätzung ist hier eine der Voraussetzungen für sich ergänzende, qualitätvolle Arbeit.

Es entstehen fadengeheftete, großformatige, unikate Künstlerbücher, gern auch mal in Halbleder, die durchgängig bemalt, übermalt, beschrieben, gestaltet sind. Deckel, Vorsatz, alle Innenseiten, gelegentlich auch mit Schuber. Es sind häufig Malerbücher die sich als Ausgangspunkt immer großen Texten gestellt haben. Die Namensliste ist beeindruckend. Da finden sich Texte von Zeitgenossen wie Michel Houellebecq, Kenzaburo Oe, Karl Mickel, Bert Papenfuß, Durs Grünbein, Uwe Kolbe ebenso wie von Laotse, Hugo von Hofmannsthal, Charles Baudelaire, Arthur Rimbaud, Friedrich Nietzsche, James Joyce, Ossip Mandelstam, Sergej Jessenin, Daniel Charms, Walter Benjamin, Paul Celan, Ezra Pound, Bertolt Brecht und Nelly Sachs. Es kann auch mal ein Text von Bob Dylan oder Tom Waits sein.

Die Ergebnisse sind anerkannt und treffen ganz offensichtlich auf Gegenliebe. Seine Bücher haben mittlerweile in zahlreiche europäische und außereuropäische Sammlungen Eingang gefunden. Qualität und Ideenreichtum werden auf diese Weise anerkannt.

Wir hoffen, dass das weiter geht und sind durchaus gespannt.

Uwe Warnke                                                                        Berlin, den 17.12.2008

Helmut Löhr – Confronting Stillness

Kommunikation, meine Damen und Herren, ist etwas, das auch gern mal der Kunst abgesprochen wird. Kürzlich wurde in einer der alljährlich stattfindenden Berliner Lektionen, einer Vorlesungsreihe alten Formats vor gutbetuchtem bürgerlichen Publikum zur Erheiterung am Sonntagvormittag, gar behauptet, das Kunstwerk käme mit sich allein ganz gut aus, brauche uns Menschen nicht. Da wird dann sehr viel durcheinander gebracht, wie immer legitimierend Beuys als Ahnherr missverstanden zitiert und vor allem sich selbst positioniert. Das hat natürlich eine Folie. Übrig bleibt dann nämlich das Genie, der Einzige, der Künstler – auf dem Podest versteht sich. Der Erwählte, der dann noch in aller Peinlichkeit vorgibt, genau dies nicht sein zu wollen. Fast entschuldigend mit der Geste: Na gut, wenn ihr es so wollt!

Meine Damen und Herren, genau das ist Kommunikation nicht. Ja, dies schließt sie fast aus. Das Ganze wird zur Mission, wird zur Einbahnstraße: One Way.

Als ich Helmut Löhr kennen lernte, hatten wir beide es noch mit ganz anderen Rahmenbedingungen zu tun. Zwei Gesellschaftssysteme standen sich in ihrer scheinbaren Alternativlosigkeit und Dualität gegenüber und waren sich in Berlin am nahesten. Ein Westberliner Freund versorgte mich in den 80er Jahren im Osten Berlins fast regelmäßig mit dem Westberliner Kunstblatt, einem Periodikum Westberliner Galeristen; und in einer der Ausgaben annoncierte die Galerie Horst Dietrich eine Ausstellung mit Arbeiten von Helmut Löhr: Visual Poetry. Ich erbat die Zusendung des abgebildeten Plakats, welches mich auch umgehend erreichte, und der erste Kontakt zu Helmut Löhr war gegeben. Löhr lebte zu dieser Zeit schon in New York und unterhielt in Düsseldorf noch sein schönes, großes und preiswertes Atelier auf einem Hinterhof. Zur Ausstellungseröffnung kam er angereist und passierte besuchsweise die Grenze. Was hier zunächst ganz handfest geschah ist aber auch etwas, das für ihn stehen kann. Ein Grenzgänger ist er, bei allen scheinbaren Systemauflösungen, immer geblieben.

Wo leben wir? Wie arbeiten wir? Was prägt uns? Was ist Kunst? Was ist mit dieser Welt? Welche Rolle spielen wir in ihr? Wovon sind wir ein Teil? Das waren die Themen und Fragen, die wir von Anfang an diskutierten. Da wurde vor allem zugehört. Und dies, meine Damen und Herren, einander. Die Kunst Helmut Löhrs, Visuelle Poesie, Bildende Kunst, Buchkunst, Performances, gern auch grenzenüberschreitend installiert, folgt diesem Dialog. Sie ist bei Löhr immer Ergebnis einer Annäherung. Da wundert es auch nicht, dass der nächste Schritt, nämlich die daraus erwachsende Zusammenarbeit etwas für ihn ganz Vollgerichtiges und sehr Prägendes ist. Am intensivsten ist dies vielleicht ablesbar in den gemeinsamen Installationen mit Harriet Bart aus Minneapolis oder an seinem langjährigem Projekt The International Library, einem dialogischen Buchkunstprojekt mit Künstlern aus aller Welt.

Löhrs Bildfindungen, aus gedruckten Zeichen, Schrift wie auch Notationen, schließlich ganz eigene, neue Strukturen entstehen zu lassen und mit diesen zu arbeiten, heißt doch auch, sich von einem eingebrannten Code zu trennen, Manifestes aufzulösen und sich in Richtung einer universalen Sprache zu bewegen. Offen sein, um zu transformieren. Die Freiheit, die sich Löhr hier nimmt, ist ritualfreies Spiel, ist schließlich Aufforderung, es ihm gleich zu tun, sich in einem gemeinsamen Kosmos einzuschwingen, sich mit gelernten Beschneidungen nicht abzufinden – also mutig zu sein.

Dabei entstehen, wie er selbst sagt, aus Strukturen Frequenzen. Ja natürlich. Haben nicht auch Farben Frequenzen und ist Licht nicht Frequenz? Da ist der Weg zum Sound, zum Klang, auch er eine Schwingung pro Zeiteinheit, nicht mehr weit. Vielleicht ist in dieser Auffassung, in dieser Wechselbeziehung das stets große Interesse von Musikern und Komponisten zu suchen, eben diese Strukturen als Ausgangspunkt eigener Arbeiten zu wählen, oder Löhrs Arbeiten tatsächlich erklingen zu lassen. Dabei spielt die Erkenntnis und die Freiheit eine Rolle, dass die Musik mehr ist, als der notierbare Anteil uns vermittelt.

Und nun fragen sie zu Recht: Wie darf ich mir das vorstellen? Gibt es bei dieser Arbeit Einflussnahmen? Gibt es doppelte Böden? Wird das Resultat kontrolliert und wenn ja wie? Wird gemeinsam abgenommen? Meine Damen und Herren, sie merken schon, solche Fragen entstehen immer dann, wenn jemand kontrollieren will, wenn also kein Vertrauen da ist. Zusammenarbeit ist aber immer nur dann gegeben, wenn das Vertrauen an oberster Stelle steht, dass heißt vor allem, dass man sich ernst nimmt. Die Kommunikation, der Dialog, das Miteinander sind dann eben die Voraussetzungen. Sie sind, so Löhr, der spannende Prozess, der einzig für ihn interessant ist. Dabei kann Helmut Löhr keine Noten lesen und kein Instrument spielen. So entsteht ein vertrauensvolles, ein freundschaftliches Spiel. Das ist die Freiheit der Kunst. Keine Erwartungshaltungen. Ein Ergebnis entsteht zwangsläufig. Es ist nicht selten passiert, dass zu Löhrs Ausstellungseröffnungen ein solches Musikstück zum ersten Mal erklang. Für das Publikum wie für Löhr neu. Für beide eine Premiere. Und bitte glauben sie mir, welch ein großartiges Gefühl, wenn das Vertrauen dann so eindrucksvoll belohnt wird. Diesen Moment beschreibt Helmut Löhr als ganz großes Geschenk.

Zeit ist die Größe, die Musik von der bildenden Kunst unterscheidet. Und dies sehr deutlich. Da gibt es einen Verlauf von einem Anfang zu einem Ende, einen Rhythmus, einen zumeist hinreichend klar definierten Ablauf. Alles ist hier durch Zeit bestimmt. Selbst der erzeugte Ton ist endlich, verhallt, hat seine Zeit. Und wir, wenn wir nicht vor Ort sind, haben es verpasst. Es, nicht sie. Denn da gehört neben der Notation noch sehr viel mehr und anderes dazu, was wir uns nicht immer eingestehen wollen. Musik ist Aktion. Sie bedarf einiger Voraussetzungen. Sie braucht einen Raum. Musik ist lebendig. Sie ist immer Interpretation. Dies ist Teil ihrer Freiheit. Auch Fehler gehören dazu, sind Teil der Aufführungspraxis. Sie hat damit mehr mit dem Schauspiel zu tun. Die Oper vereint schließlich beide und integriert noch die bildende Kunst. Das Gesamtkunstwerk war immer so gemeint.

Die Speicherung und damit Wiederholung jeglicher Musik ist zwar möglich geworden, dennoch ist das technische Wiederholen etwas ziemlich anderes. Sie kann nur eine Ahnung geben. Selbst die Aufführung des gleichen Stückes unter anderen Bedingungen aber gleichem Aufwand, an anderem Ort, Zeit und Raum stellt bereits etwas ganz anderes dar. Es ist nur das gleiche und nicht dasselbe und damit immer wieder auch für den Künstler, den Komponisten und für die Aufführenden jedes Mal absolut neu. Daher auch die Spannung. Da wird noch auf der Bühne oder im Orchestergraben richtig gestorben. Die Musiker und Dirigenten können ein Lied davon singen.

Helmut Löhr ist bei allem was er tut ständig auf der Suche nach vollkommener Harmonie. Liebe ist dabei nur ein Synonym. Diese Suche um Einklang hat er nie aufgegeben. Er ist da nicht etwa ein Unverbesserlicher, nein, er hat sie erlebt. Er weiß, wovon er spricht. Dafür hat er sich in New Mexiko seinen Ort geschaffen. In gesuchter Einsamkeit, ohne allein zu sein, lebt er nun schon fast 20 Jahre, gut verknüpft in die Netzwerke menschlicher Beziehungen und die aktueller Kunst. Wir könnten glauben, hier hält sich einer aus der Welt heraus. Merkwürdigerweise werden sie aber im Umgang mit ihm unvermeidlich immer mal wieder den Satz aus seinem Mund hören: „Ich bin die ganze Zeit unterwegs gewesen.“ Mittlerweile ist für ihn längst die Zeit gereift, aus den Ausstellungsangeboten auszuwählen und nur noch punktuell Herausforderungen zu suchen. Dem Kunstspektakel wird dabei ohnehin stark misstraut, dies wird nicht bedient. Die heiße Luft des Kunstbetriebs ist ihm wirklich kein Interesse wert. Dennoch hat Helmut Löhr an der Kunst festgehalten. Er sagt: „Kunst ist das letzte Refugium von Freiheit. Dies gilt es ästhetisch zu verteidigen.“

Da wir heute noch ein Stück von Markus Zaja, einem ebenfalls langjährigen Freund und musikalischen Wegbegleiter Helmut Löhrs, auf der Silbermann-Orgel hören werden, nämlich seine „Symphonie for corresponded souls“, basierend auf einer Arbeit Löhrs die während einer Jemen-Reise entstanden ist, gestatten sie mir einen kurzen Rechercheexkurs zu Silbermann und dieser Orgel vor Ort.

Ein Feuerball mit weißem Schweif erscheint am Himmel, Halley berechnet seine Bahn und gibt ihm seinen Namen; gleichzeitig entdeckt Isaak Newton das Gravitationsgesetz und im kleinen sächsischen Dörfchen Kleinbobritzsch an der ‚Silberstraße‘ bei Frauenstein, wurde am 14. Januar 1683 Gottfried Silbermann geboren, jener Silbermann, der im sächsischen Raum mehr als 40 Orgeln bauen und während der Arbeiten an seinem Opus Magnum, der Orgel der Hofkirche zu Dresden, 1753, siebzigjährig, sterben wird. Bleivergiftung, das Los der Orgelbauer seinerzeit.

Während eines durch Silbermann auszuführenden Orgelbaus ganz in der Nähe, nämlich in Greiz 1739, wird durch den Reußen Heinrich III. der Bau einer Orgel für die Schlosskapelle auf dem hoch über der Saale gelegenen Schloss Burgk gemeinsam mit Silbermann beschlossen. Durch die erfolgte Erweiterung der Kapelle sollte die Orgel, die vom Orgelbauer Kerll im Jahre 1639 erbaute wurde, ersetzt werden.

Meine Damen und Herren, Ostern vor 265 Jahren, nämlich 1743, wurde diese fünftletzte Orgel Silbermanns, der im Januar desselben Jahres 60 Jahre alt geworden war, eingeweiht. „O Silber-Klang!“ begeisterte sich der die Orgel abnehmende Greizer Organist Johann Gottfried Donati später in seiner Schrift zur Burgker Orgel. Die Orgel, ausgestattet mit 1Manual, Pedal und 12 Stimmen, besitzt noch die originale Klaviatur und ist noch im Chorton gestimmt (einen Halbton höher als der heutige Stimmton (Kammerton 440 Hz)). Ihre zunächst ungleichschwebende Temperatur war jedoch Anlass der Kritik. Heute hat die Orgel die temperierte Stimmung erhalten. 1982 wurde die Orgel umfassend, 2006/2007 ihr Herz, die Windlade, restauriert. Der Originalzustand ist weitestgehend bewahrt.

Klang ist etwas womit alles anfing. Klang und Licht. Und damit wird es auch aufhören.

Ich wünsche uns allen einen wunderbaren Abend. Vielen Dank

Uwe Warnke, anlässlich der Eröffnung der Ausstellung Helmut Löhr Confronting Stillness im Museum Schloss Burgk, Karfreitag, den 21.03.2008.

Frank Herrmann – Das Öffnen der Briefe

Ein Tableau von Frank Herrmann in der Alten Feuerwache Loschwitz, Dresden

Reichspost, Staatspost, Bundespost, Behördenpost, Landespost, Stadtpost, Inlandspost, Auslandspost, Morgenpost, Mittagpost, Abendpost, Spätpost, Nachtpost, Überlandpost, Dienstpost, Geschäftspost, Verwaltungspost, Wirtschaftspost, Privatpost, Bahnpost, Flugpost, Brieftaubenpost oder auch Taubenpost, Luftpost, Ballonpost, Kraftpost, Schiffspost, Rohrpost, Anschlusspost, Eilpost, Zubringerpost, Feldpost, Dienstpost, Kurierpost, im Mittelalter auch schon mal Metzgerpost, oder die Post des Deutschen Ritterordens, Fahrpost, Reitpost, Schnellpost, auch Schneckenpost, Extrapost, Flaschenpost, Paketpost, Hiobspost, Kontrapost – und nicht zuletzt Freudenpost. Wo? In der Hauptpost, selbstverständlich.

Oder ganz allgemein Briefpost; nicht zu vergessen Kompost. Natürlich.

Auf der Website der Deutschen Post heißt es: „Der Brief ist nach wie vor das wichtigste Kommunikationsinstrument – ob privat oder geschäftlich. …“. Ob dies mittlerweile mehr Wunschdenken denn realistische Einschätzung ist? Ist da nicht längst eine ganze Menge abgelöst worden durch zuerst das Fernschreiben, dann das Telefongespräch, das Telefax und schließlich die E-Mail? Und sollten wir nicht sagen: glücklicherweise? Auf der anderen Seite und allerdings erfüllt die Form und Materialität eines Briefes gewisse justiziable Qualitäten und Kriterien. Jemanden Brief und Siegel geben. Eben.

Auf der Webside der Deutschen Post heißt es: „Der Brief ist nach wie vor das wichtigste Kommunikationsinstrument – ob privat oder geschäftlich. …“. Ob dies mittlerweile mehr Wunschdenken denn realistische Einschätzung ist? Ist da nicht längst eine ganze Menge abgelöst worden durch zuerst das Fernschreiben, dann das Telefongespräch, das Telefax und schließlich die E-Mail? Und sollten wir nicht sagen: glücklicherweise? Auf der anderen Seite und allerdings erfüllt die Form und Materialität eines Briefes gewisse justiziable Qualitäten und Kriterien. Jemanden Brief und Siegel geben. Eben.

Da hat sich nichts geändert: Der Brief ist die an einen Abwesenden gerichtete Mitteilung. Er besteht heute meist aus einem Briefumschlag und dem Inhalt. Es hat seine Geschichte, dass dieser Inhalt, zumeist ein Schreiben, auch für sich stehend Brief genannt werden kann.

Ein Briefumschlag (Briefhülle, auch: Kuvert) ist die Versandverpackung eines Briefes. Auch gern mit C geschriebenen heißt dies zwar immer noch Couvert, bedeutet aber neben dem uns Interessierenden auch den im Französischen üblichen Wäschebezug für Steppdecken mit an der Oberseite ausgeschnittenen Öffnungen.

Doch zwei Schritte zurück. Ursprünglich wurden Briefe nicht separat verpackt, sondern durch Aufrollen und Versiegeln vor unberechtigtem Zugriff geschützt. Erst als das Pergament durch das Papier abgelöst wurde, ein deutlich billigeres aber immer noch wertvolles und teures Material, kommt man auf die Idee, das Schriftstück auch zu falten. Allerdings fehlt anfangs auch hier noch der Umschlag. Man bedurfte seiner nicht. Man faltete und siegelte einen Brief so, dass der Inhalt hinreichend geschützt und gleichzeitig die Einsicht durch fremde Blicke verwehrt wurde. Auf der einen Seite war man es noch so gewohnt, auf der anderen das Papier durchaus kostbar, so dass auf diese Weise auch gespart wurde. Später war dieser Vorgang aufwändiger (aus betriebswirt­schaftlicher Sicht kostenintensiver) als ein fertig konfektionierter Umschlag zum Einstecken und Verschließen des Schreibens. Die Einheit von Umschlag und Inhalt zum Brief war gleichzeitig die Trennung derselben und lässt sofort mehrere neue Sammelgebiete entstehen.

Doch lassen Sie uns das zur Rede stehende ein wenig genauer, auch technischer betrachten.* Es wird Sie nicht wundern, dass alles den Briefumschlag betreffende genormt ist. Es sind z.B. in der ISO 269 und DIN 678 die Ordnungen für Briefumschlaggrößen zu finden. Die Briefumschlagfenster und die richtige Stellung auf den entsprechenden Briefbögen definiert die DIN 5008. Dazu erhebt die Post dann noch Gebühren für ihren Service. Dass diese seit Jahren steigen, kennen Sie. ** Wie Sie vielleicht wissen, war das nicht immer so. Als das Postsystem aufgebaut wurde, zahlte noch der Empfänger. Das ließ sich nicht durchalten. Zumindest dies ist gut gelaufen. Der Erfolg dieses schon damals monopolisierten Postsystems war so gewaltig, dass der Spruch, etwas aus der Portokasse zu bezahlen, übrigens im Holsteinischen Krieg des Königreichs Dänemark gegen Preußen, zumindest für letztere zutreffend und überliefert, seine konkrete, historische Anwendung fand.

Die meisten Menschen werfen die Umschläge und nach einer gewissen Zeit auch die Briefe selbst weg. Uns interessiert hier nur ersteres. Dabei gibt es beim Umgang mit Brief­umschlägen quasi zwei Stufen der Entwertung zu beobachten. Verbirgt der Umschlag im geschlossenen Zustand in den meisten Fällen noch ein Geheimnis, so findet der erste Akt seiner Wertminderung im Öffnen einer seiner Seiten statt. Gänzlich hingemacht und dem Verfall, mehr noch Abfall, preisgegeben ist er, wenn wir seinem auch in diesem Zustand noch vorhandenen Dokumentcharakter schließlich noch das Dokumentarische nehmen. Kommt also die Trennung von Inhalt und Umschlag schon einer Entwaffnung gleich, so ist das Ausreißen der Briefmarke samt Stempel der Todesstoß. Keine Gnade in diesem Fall. Niemand hebt so etwas Entstelltes, Wertloses auf. Nicht einmal Frank Herrmann.

Als ich vor knapp zwanzig Jahren in einem Kreiskulturhaus am Wasaplatz die erste Ausstellung Frank Herrmanns eröffnete, hätte dieses Thema, „Das Öffnen der Briefe“, einen ganz anderen Klang gehabt. Wir können wohl davon ausgehen, dass es zu einer Ausstellung dieses Themas damals nicht gekommen wäre. An sich schon: Möglicherweise als Lehrgang für Spezialisten ansässiger Geheimdienste, intern versteht sich. Das Üben im Briefeöffnen mit Wasserdampf usw. Das war’s dann aber auch schon. Der Klang des Unerlaubten, nicht Zulässigen, die Unterstellung, hier würde jemand das sogenannte Postgeheimnis verletzen, hätte zu sehr mitgeschwungen. Also hätte es nicht stattgefunden, wäre uns wahrscheinlich nicht einmal eingefallen. Vielleicht hätten wir dabei auch ungern zeigen wollen, mit wem wir so alles in Kontakt stehen. Es hätte übrigens vor 20 Jahren auch viel länger gedauert, diese Menge von Briefumschlägen, auch noch adressiert an ein und dieselbe Person, zusammen­zutragen. Unvergleichlich länger.

Apropos Krieg. Feldpost. Das sind lange Zeit nur Postkarten. Das ist der Zensur geschuldet. Man tut also erst gar nicht so, als würde alles wie immer laufen und heimlich in der Etappe Briefe aufdampfen. Nein, es ist Krieg. Alles ist anders. Das Kriegsministerium behält die Hoheit der Kriegsberichterstattung. Der embedded journalist erzählt noch heute davon. Aber machen wir uns nichts vor, wenn die Staatsräson es erfordert, gibt es, was das Postgeheimnis betrifft, auch heute kein Halten.

Da wir gerade beim Brieföffnen sind: Ein Brieföffner ist nicht nur eine Berufsbezeichnung sondern ein aus Griff und stumpfer Klinge bestehendes messerähnliches Gerät zum glatten Öffnen (Aufschlitzen oder früher auch Siegelablösen) von geschlossenen Briefumschlägen. Darüber hinaus gibt es aber auch elektrisch betriebene Geräte, die Briefe automatisch öffnen. Sie haben den Vorteil, dass sie große Mengen an Umschlägen in kürzester Zeit aufschlitzen können, ihr Nachteil ist allerdings, dass die Schneide dieses Brieföffners den Inhalt beschädigen könnte.

Ich sehe die getrockneten Bananenschalen von Frank Herrmann an einer Wand zu einer Installation geordnet in Reih und Glied hängen und frage mich, welche Beziehung zwischen dieser älteren Arbeit und der Installation hier besteht? Etwas wird nicht weggeworfen und später zur Installation. Absurdität und Verdichtung. Ein Fingerzeig schon, aber eben nicht der gehobene Zeigefinger. Wobei wir uns ein Stück weit unwohl fühlen und zumindest nicht meinungslos an diesen Arbeiten vorbeikommen.

Zuerst einmal wird ins Blaue hinein gesammelt und aufgehoben. So ein vage Vermutung, ein unklares Gefühl mag den Ausschlag gegeben haben. Eine Klarstellung sei erlaubt: diese Arbeit hier verweist nicht auf einen Messi. Auch der Begriff des Briefbeschwerers erhält hier einen ganz neuen Klang, da es sich in der Mehrheit wohl um Briefe handelte, die gar nicht erst beantwortet werden wollten. Wer beschwert hier wen und womit?

Das, womit wir es hier zu tun haben, was Frank Herrmann uns vorführt, ist ein Vernichtungsprozess. Ein Vernichtungsprozess von Ideen, Ressourcen und Lebenszeit. Das dabei auch unsere Lebensgrundlage und Lebenswirklichkeit vernichtet wird, steht außer Frage und ist den Verursachern, den Vernutzern wahrscheinlich völlig gleichgültig. So sei eben die Welt. Da kann man eh nichts machen, höre ich da schon. Frank Herrmann macht das lesbar, in dem er durch die vorgeführte Quantität uns genau diese Qualität erst sichtbar macht. Dass es hierbei hoch ästhetisch zu geht wundert ja nicht. Wir befinden uns hier auf dem Feld der Kunst und nicht auf dem der Post. Der Betriebswirtschaftler fällt andere Entscheidungen. Zitat: „Wenn Sie an einem Tag mehrere Briefe von uns erhalten, so ist dies kostengünstiger als seine Sortierung.“, ist da zu lesen. Ich habe gar nichts gegen mehrere Briefe aus einem Haus an mich an ein und demselben Tag. Der Betriebswirt meint hier aber mehrere Briefe gleichen Inhalts. Ist ihm das schon hier so unangenehm, dass er es sich nicht einmal korrekt zu benennen traut? Immerhin steht es so auf Millionen von Briefumschlägen. Und dann sollen wir noch, wie es dann in der Formulierung weiter heißt, für den Akt wie für dieses den Sachverhalt verschleiernde und falsche Deutsch „Verständnis haben“? Dafür bedankt man sich dann schlussendlich. Was können wir da noch machen?

Wie hieß es oben: „Der Brief ist die an einen Abwesenden gerichtete Mitteilung.“ Schon hier wird nicht gefragt, ob der Abwesende, der Adressat, an der Mitteilung interessiert ist. Das ist eben keine Voraussetzung für einen Brief. Die Pervertierung genau dieser Erkenntnis macht die Briefflut erst möglich und nutzt zu dem noch erbarmungslos sozioökonomische Abhängigkeiten. Der Erbärmlichkeit des Zustellers, der vor lauter Hoffnungslosigkeit einen Job annimmt, dessen Aufgabe es ist, etwas zuzustellen, das niemand haben will, er selbst naturgemäß auch nicht, ist nichts hinzuzufügen. Diese Verrichtung ist also sinnlos. Die meisten, die so etwas gezwungen sind zu tun, ahnen dies. Auch das nenne ich schließlich Verzweiflung.

Uwe Warnke, Berlin

Der Text wurde zur Eröffnung der Ausstellung Frank Herrmann Das Öffnen der Briefe am 02.04. 2007 um 20 Uhr in der Alten Feuerwache Loschwitz, Dresden von Uwe Warnke vorgetragen.

Cornelia Groß – Komplexe Wirklichkeiten

Vor den Arbeiten von Cornelia Groß sind wir berührt und irritiert, erfreuen uns und sind zum Mitdenken aufgefordert, lesen in der Erfahrungswelt einer Künstlerin, erkennen aber zugleich uns: die vermaledeiten Illusionen, unsere Bedingtheiten, Ängste. Ein Stück weit ist es eine aufklärerische Geste, die ihr bei der künstlerischen Bewältigung der Welt zum Vorschein kommt, auf die sei es vordergründig nicht anlegt, die ihr schlicht passiert. Ein Resultat, dem wir folgen können, wenn sich Denken mit Genießen verbindet.

So geschieht es wohl immer, wenn etwas von Belang ist. Einfacher wird es nicht. Die Dinge sind komplex.

Eine Bewegung durch unsere Welt. Zwischenstopps an wechselnden Schauplätzen. Bewusst gewählt und nicht zufällig. Kein Bebildern von Tagespolitik. Die Zusammenhänge zeigen die Vielfalt im Widerspruch. Das ist das Leben.

„Warum bin ich nicht darauf gekommen?“ oder „Ach, diese Birken!“ Solche und ähnliche Sätze können schon mal beim Durchblättern eines oder mehrerer neuer Malerbücher von Cornelia Groß, anerkennend und durchaus neidvoll, von Malerkollegen, auch älteren, fallen. Dies geschieht meistens bei mir zu hause in Vorbereitung einer anstehenden Messe. Ich soll die Bücher an den Mann oder an die Frau bringen, gern auch in einer Sammlung platzieren – natürlich. So landen die großen und kleinen Bücher einer ausgewählten Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern bei mir. Selten, dass sich die Künstler dabei begegnen, dafür aber umso mehr und stellvertretend ihre Bücher. So nimmt man Entwicklungen zur Kenntnis, erfreut sich an den Lösungen der anderen, erfährt aber auch die Anerkennung und den Respekt der Kollegen. Denn solche Sätze verhallen nicht wie ungesagt in privaten Räumen: „Wie macht sie das nur?“

Einzeller, Mehrzeller, Bakterien, Insekten, Kriechtiere – gehören diese nicht zu Jenem, was uns immer wieder erstaunen lässt? Was wir zu kennen glauben, dem wir aber, aufs Neue verblüfft und fast in Versenkung, unsere Aufmerksamkeit schenken? Warum ist das so? Was interessiert uns an primitivem Leben. Moment, finden wir da nicht hochgradige Spezialisierung, also Anpassung? Was ist in jener moralfreien Welt komplex und was primitiv? Klaus Staeck, der Präsident der Akademie der Künste, sagte Montagnacht in einem Fernsehinterview, dass er in solchem Tun Ruhe fände, also im Wald beim Beobachten z.B. eines Käfers; es brächte ihm auch das Einordnen unserer ach so wichtigen Tagesprobleme ins notwendige Maß. Der eigene auch bescheidene Platz würde dann wieder deutlicher. So Staeck.

Die Welt der Bücher Cornelia Groß’ und auch die ihrer zahlreichen Bilder zeigt uns häufig eine verletzte, nicht mehr ganz zusammen passende, aus den Fugen geratene Welt. Da gibt es diese mosaikartigen Gebilde, die ein Nebeneinander von Welten zeigen, auch das Disparate, das Nicht-zusammen-Gehörende, das die Künstlerin nicht kaschiert, sondern wie an Fäden noch gerade zusammen hält. So, als gäbe es noch eine Chance, als wäre Erste Hilfe noch möglich. Auf der anderen Seite ist da die Methode mit Mitteln des Fragmentarischen zu arbeiten. — Ist das Unfertige schon das Eingeständnis, dass es nicht mehr lohne? Etwas nicht endgültig auszuführen bedeutet aber auch, etwas offen zu lassen – auf einen ungewissen eventuell aber auch positiven Ausgang hin. Auszuschließen ist das nicht.

Dabei sind die verwendeten Materialien ihr alle gleich wert, gleich wichtig. Da wird mit Acryl und Tusche gemalt, es kann aber auch mal Alkydharz auftauchen, Buntstifte, Bleistifte, Faserschreiber – alles geht. Spontaneität in der Mittelwahl, die nicht vordergründig auf einen Effekt aus ist. Es ist ihr alles gleichberechtigt. Da wird mit Pappen überklebt, werden Folien angetuckert. Schließlich beginnen Teile sich zu bewegen, werden benutzbar, herausnehmbar usw. Die Fläche scheint ihr da nicht mehr zu reichen. Das dann nebenher auch Objekte entstehen, ist nur noch folgerichtig. Mit dem Schritt in die dritte Dimension taucht bei ihr so etwas wie Satire auf. Sie selber spricht von Szenen. Dort gibt es etwas zu entdecken, durchaus auch etwas zu schmunzeln. Wer über sich selber lachen kann, findet hier vielleicht sein Gegenüber. Selbstironie als eine mögliche Welthaltung.

Kontemplation, das wundert uns nun nicht mehr, ist der Künstlerin zu wenig. Ein Nur-versenken entspräche nicht ihrer Haltung, wird absichtsvoll nicht bedient, ist hier nicht zu haben. Gesucht wird eine Auseinandersetzung, gelegentlich auch Konfrontation. Dabei bleibt sie immer einem Realismus verpflichtet.

Nicht selten holt sie sich, aus Lust und Freude am Kennen lernen und Ausdeuten aber auch zur Unterstützung eigener Positionen, Texte von zeitgenössischen Dichterinnen und Dichtern ins Bild, ins Buch, ins Objekt. Damit gibt es dann für uns Betrachter kein Ausweichen mehr. Der Text erweitert auf der einen Seite den Kosmos des Bildes und der Bildbetrachtung, nimmt uns aber auch an die Hand, führt uns ein wenig; zumindest ein Stück. Doch denken und genießen müssen wir selbst.

Uwe Warnke, Berlin 2010