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Ottfried Zielke – Zielke & Konsorten

Meine Damen und Herren, lieber Ottfried Zielke!

Das Museum Schloss Burgk ehrt mit der hier zu eröffnenden Ausstellung Zielke & Konsorten das Werk und die Persönlichkeit Ottfried Zielkes aus Anlass seines 70ten Geburtstages. Das Museum hat sich bereits in den vergangenen Jahren für Arbeiten des Künstlers interessiert. Es befinden sich einige Bücher Zielkes in der hiesigen Sammlung. Die Zielke-Ausstellung von 1998 dokumentierte das eindrucksvoll.

Was ist aber heute anders? Sabine Schemmrich, Museum Schloss Burgk, und Uwe Warnke, Autor und Kunstbuchverleger aus Berlin, haben seit dem Winterhalbjahr gemeinsam am Konzept und an der Realisierung einer ganz anderen Ausstellung gearbeitet. Wir verfolg­ten dabei die Idee, Künstlerinnen und Künstler hierfür einzuladen, die dem Werk Zielkes mit Respekt, Anerkennung oder auch Verehrung gegenüberstehen. Wir hofften eine Vielfalt künstlerischer Positionen und Arbeiten zusammentragen zu können, in denen diese Zielke hier ihre Referenz erweisen würden. Die außerordentlich große Resonanz bei so vielen Künstlerinnen und Künstlern hat uns recht gegeben. Es sind nun Arbeiten von 51  (Zielke + 50) Künstler­innen und Künstlern aus Deutschland, Frankreich und den USA in den Räumen der Neuen Galerie, des Pirckheimer Kabinetts, des Grafik-Kabinett sowie in großen Teilen des Ritter­saalganges zu sehen, die subjektiv, mannigfaltig und mit Witz den Dialog mit Zielke auf­nehmen. Eigene Arbeiten von Zielke selbst stehen dabei im Mittelpunkt. Ich möchte wenigs­tens einmal alle Namen hier nennen und mich auch im Namen von Sabine Schemmrich und des Museums Schloss Burgk für die aktive Mitarbeit und für ihr heutiges Kommen bei allen bedanken:

Hartmut Andryczuk, Claus Bach, Micha Brendel, Kurt Buchwald, Klaus Peter Dencker, Gerhild Ebel, Waltraut Fischer, Felix Martin Furtwängler, Ilse Garnier, Pierre Garnier, John Gerard, Cornelia Groß, Thomas Günther, Wolfgang Henne, Thomas Henniges, Peter Huckauf, Alain Jadot, Reiko Kammer, Jürgen Kierspel, Harald Alexander Klimek, Jörg Kowalski, Anja Krüger, Hendrik Liersch, Helmut Löhr, Ruth Loibl, Christoph Meyer, Franz Mon, Anette Munk, W.W. Neumann, Susanne Nickel, Wolfgang Nieblich, Martin Noll, Jürgen O. Olbrich, PLG Friesländer, Andreas Prüstel, Karla Sachse, Kai Selbar, Frank Siewert, Reiner Slotta, Hartmut Sörgel, Katrin Stangl, Ulrich Tarlatt, Susanne Uhl, Uwe Warnke, Franz Zauleck, Helmut Zielke, Klaus Zylla und natürlich bei Ottfried Zielke.

Seit gut 15 Jahren arbeite ich mit Ottfried Zielke künstlerisch und verlegerisch zusammen. Auf dem Feld der Visuellen Poesie begegneten wir uns zuerst. Ende der achtziger Jahre in Ostberlin gewann ich ihn dann für mein illegales Zeitschriftenprojekt ENTWERTER/ODER. Die Zusammenarbeit wurde intensiver, als wir beide Anfang der 90er in dem Kunstprojekt KUNST STATT WERBUNG mitarbeiteten. In dieser Zeit wagten wir uns an die ersten unikaten Künstlerbücher und verkauften auf der Frankfurter Buchmesse sofort alles. Das sollte bis heute anhalten. Meine telefonische Erfolgsnachricht darüber erwiderte Ottfried häufig mit den Worten: „Da freut sich aber die Ratte.“ Dies hieß auch immer, dass dieser Erfolg nicht selbstverständlich war und Ottfried vor allem sich selbst wiederholt zu warnen versuchte, sich nicht hiermit zu begnügen und damit allzu gefällig zu werden. Dies zu umschiffen ist ihm über die Jahre gut gelungen. Texte, formale Vorgaben, die Verwendung auf den ersten Blick buchfremder Materialien oder die Beteiligung befreundeter Künstler­innen und Künstler waren für ihn immer Herausforderungen, bewusst als Aufgabe begriffen, auch um genau einem Gleichlauf, einer Wiederholung zu entgehen. Die etwa 60 großen Malerbücher, die seit dieser Zeit entstanden sind, mittlerweile bereichern sie große private und staatliche Sammlungen Deutschlands, der Niederlande, Südkoreas, Luxembourgs und der USA, können darüber beredt Zeugnis ablegen. Eine Wiederbegegnung mit ihnen ist immer wieder spannend und schön. Das kann hier in Burgk ebenso passieren wie z.B. in Greiz, wo das bisher größte, nur von zwei Personen geöffnet zu haltende, zu bewundern ist.

Und dabei gibt es thematisch wie ästhetisch so unterschiedliche Bücher, dass es auch für Ottfried immer wieder aufregend ist, wenn er, zumeist vor einer Buchmesse, zu mir kommt und die neuesten Bücher zeigt und übergibt. Nach Waltraut Fischer, seiner Lebensgefährtin, habe ich das Privileg, als zweiter die Objekte sehen zu dürfen. Nicht nur ich, auch die Sammler sind häufig überrascht und dennoch überzeugt worden von den Ergebnissen und schließlich mit Leidenschaft drangeblieben. Und das verblüffende dabei ist: bei aller Verschiedenheit haben sie eine gemeinsame Identität und sind immer als Zielkes zu erkennen. Neben Auflagenbüchern, auch dem Wunsch der Sammler entgegenkommend, nicht nur rare Einzel­stücke anzubieten, haben bis heute immer weitere einzigartige Kunstobjekte das Licht der Welt erblickt.

Zielkes Strich gilt vielen als unverwechselbar. In einer Welt, die immer glatter gemacht wird, die fast nur noch auf Oberfläche setzt, wo deren Macher Perfektion einsetzen und uns dabei ihre Seele absichtsvoll vorenthalten, wirkt die Sprödigkeit des Strichs Zielkes einfach, ehrlich und direkt. Seinen hintergründigen Humor und seinen durchaus politischen Biss hat er dabei in den letzten Jahren nicht verloren. Dafür gibt es bis heute auch keinen Anlass. Nicht einmal am Horizont ist so etwas wie Uneigennützigkeit als politische Folie auch nur zu erahnen. So liegen seine Themen gewissermaßen auf der Straße, vor seinem Fenster.

Und dabei wirkt vieles wie skizziert, spontan, so leicht, dass wir genau darüber, weil es uns aber doch wie fertig und abgeschlossen erscheint, immer wieder ins Staunen geraten. Sein Bruder Helmut, ebenfalls Künstler, gestand mir mal, er wisse nicht wie Ottfried das mache. Er selbst würde sich den halben Tag über ein Blatt beugen, dabei Linie an Linie setzen und an dem Ergebnis feilen – und dann kommt mit der Post so eine scheinbar hingehauene Postkarte von Ottfried und verdammt noch mal – die stimme einfach. Und diese Karten sind legendär, meine Damen und Herren, werden gesammelt und glücklich der, der sie im Brief­kasten hatte.

Ottfried sitzt an seinem Arbeitstisch in seinem Haus am Rande des Oderbruchs, schaut gen Osten und entrüstet sich über eine Welt, die kaum das Resultat von Vernunft und eben auch zunehmend die verpflichtende Haltung der Aufklärung verlassen zu haben scheint. Er kratzt das Ergebnis seiner Einsichten aber auch seiner Wut mit den einzigartigen Mitteln seines Humors auf das Blatt, auf das Blech, in oder auf das Holz, das Acryl. Da wird gezeich­net und gemalt, gestempelt, geklebt, gerissen, gesägt und geschraubt, sogar gelötet. Am Ende kommt neben Zeichnungen und Malerei aber immer ein Buch heraus. Nicht wie bei Natascha Wolprynowna, wie ein Witz aus den 80ern erzählte, Arbeiterin in einer sowjetischen Samowar-Fabrik, die jeden Tag ein Einzelteil ihrer Fließbandarbeit heimlich mit nach Hause nahm, und dort zusammenzubauen versuchte und dabei, wie sie es auch anstellte, immer eine Kalaschnikow herausbekam.

Nun wäre ich wohl ein schlechter Verleger, wären wir nicht im Umfeld diese Jubiläums herausgeberisch tätig geworden. Auf der einen Seite haben Ottfried und ich die Sonderausgabe Tagesthemen von E/O in 33er Auflage mit 16 Siebdrucken und zwei Zeichnungen samt handbemalten Umschlag herausgegeben. Zum anderen haben 30 an dieser Ausstellung beteiligte Künstlerinnen und Künstler eine Edition in 50er Auflage, ebenfalls als Sonderausgabe bei ENTWERTER/ODER, zusammengestellt, von der Ottfried noch gar nichts weiß. Sie ist ausdrücklich dir und deinem 70ten Geburtstag gewidmet. Ich möchte sie dir im Namen der hieran beteiligten Künstler überreichen. Wir wünschen dir alles gute und möchten hiermit vor allem DANKE sagen!

Uwe Warnke in Burgk, 15. Juli 2006, anlässlich der Eröffnung von

ZIELKE & KONSORTEN im Museum Schloss Burgk.

Ottfried Zielke verstarb am 17. September 2016 im Alter von 80 Jahren.

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