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Micha Brendel

Uwe Warnke: Alles lebt. Narben. Ein Schadensbericht

Haut, die 1. <Körperhaut> [eine] feine, weiche, samtene, sametweiche, harte, runzlige, zarte, rosige, weiße, braune, gebräunte, gelbe, [un]reine, fleckige, blasse, trockene, fettige, empfindliche, verbrannte, die nackte Haut.

Meine Damen und Herren, wir sind hier heute eingeladen, und ich sage das mit aller Vorsicht, ein Spiel aufzunehmen, das an der Haut, letztere ist durchlässiger denn je geworden, nicht Halt macht. Eben dies anzunehmen und gerade nicht sich auszuliefern, wie ich auch beinah geschrieben hätte, jedoch schien mir dieses Verb in die falsche, weil kontemplative Richtung zu zeigen und dieser hat sich Brendel, solange ich ihn kenne, immer verweigert. Schon die Wahl der Mittel zeigt an, er kann nicht anders. Er kann da nicht aus seiner Haut. „Ein wenig Glanz muss allerdings sein“, hört man dann gelegentlich, als Vorwurf und Forderung formuliert. Von mir aus. Warum nicht. Ich sehe überhaupt keinen Widerspruch. Natürlich müssen Sie mit den Narben leben können, denn nichts wird hier ausgespart. Und wie wir bereits wissen, wird’s sehr konkret. Was dabei mitgedacht werden muss: wir altern, unsere Körper verfallen, ich traue mich kaum, dies noch anzufügen: unser Leben ist endlich. Dies sind Plattheiten, gewiss, doch immer wieder habe ich mit Reaktionen zu tun, die nur daher rühren können, Letzteres für Neuigkeiten zu halten.

Lassen Sie mich eine Episode aus der Rubrik „seine Haut zu Markte tragen“ anfügen. Ein Wort zum Problem der Erwartungen. Ich komme von der Literatur her, sehe sie nicht isoliert, beschäftige mich also auch mit Kunst, Wissenschaft und Geschichte, habe viel mit Büchern zu tun, komme aus der Künstlerbuchszene. Als ich vor einem Jahr das große Buch „paraschwarte – schaut auf diese haut“ von Micha Brendel mit dem eigens für dieses Projekt geschriebenen Text Ulf Stolterfohts auf der Frankfurter Buchmesse erstmals vorstellte, waren die Reaktionen voller Anerkennung und positiv auch da, wo ich es nicht erwartet hatte, beim auch zum Gefälligen neigenden Kunstbuchsammler. Vom unglaublichen Buchkörper (das ist in unserem Zusammenhang hier interessant. Ich hörte tatsächlich das Wort „Buch-Körper“) war die Rede, vom beeindruckenden Werk. Die Amerikaner waren noch aufgeschlossener, weil begeisterungsfähiger fürs Ungewöhnliche, auch wenn sie merkwürdigerweise ein Jahr brauchten, es wahrzunehmen. They were very impressed. „It’s quite fabulous!“

Eine Künstlerbuchhändlerin und –galeristin aus Tübingen, seit vielen Jahren vertraut mit der Materie des Künstlerbuches und international unterwegs, diese in die großen Sammlungen von Tate, London, bis Albertina, Wien, zu vermitteln, überraschte mich doch nachhaltig. Ich hatte über die Jahre bei ihr immer wieder mich beeindruckende Bücher und Mappen gesehen, die sie aktiv vertrat. Dabei war auch das Werk eines süddeutschen Künstlers, welches sich mit Sicherheitssystemen und der Überwachungsarchitektur deutscher Konzentrationslager der Nazizeit künstlerisch auseinandersetzte. Formal, versteht sich, mittels Grundrissen und auf handgeschöpftem Papier. Doch: erschreckend, technizistisch, modern. Das gerade diese Galeristin es war, und eben auch die einzige übrigens, die sich bei der Präsentation unseres Buches dahingehend äußerte, dass man aber einen guten Magen habe müsse, wenn man sich dieses Buch anschaue, etwas das sie genaugenommen als Vorwurf einbrachte und das sie auf ihre Bücher natürlich nicht bezogen wissen wollte, zeigt nur allzu deutlich, welche Distanz zwischen Kunst und Leben offensichtlich gepflegt, welche Differenz vom Konkreten dabei eingefordert wird und welche Rolle hierbei das Formale oder auch das Rhetorische spielt. Kunst in der Isolation, wie ich es deutlicher in den letzten Jahren kaum gehört und zu spüren bekommen habe.

Es war zum aus der Haut fahren. Wenn nicht dies, dann geht es mir doch bis heute  nachhaltig unter die Haut.

Die Haut rötet sich, schält sich, schilfert ab, ist rissig, faltig. … mir brennt die Haut, mir springt die Haut, mir spannt die Haut.

Den Weg allen Fleisches, meine Damen und Herren, geht dies hier nicht. Wobei historisch gesehen schon, wie letztendlich alles eben, nur nicht in den gewohnten Bahnen, den beschränkten Horizonten eines Menschenlebens, oder noch kruder, eines Tierlebens. Zurschaustellung, wo man es vielleicht nicht erwartet.

Doch: ruhig Blut.

Ein Stück Haut entfernen, abziehen, abschneiden; die Haut zurückschieben; –

Vorhaut, w. 2; – siehe auch Rituale.

Doch erinnern wir uns: Pergament. Wir Mitteleuropäer leben nicht die Tradition des Papyrus, also des aus der Papyrusstaude hergestellten Schreibmaterials. Das war im alten Ägypten und nur dort wusste man aus dem hohen afrikanischen Riedgras eine papierähnliche Unterlage herzustellen. Uns hier in Mitteleuropa fehlten wie immer die klimatischen wie technologischen Voraussetzungen und, seien wir ehrlich, über viele Jahrhunderte auch noch die Notwendigkeit und im übrigen so etwas Grundsätzliches wie eine Schrift. Dennoch haben auch unsere Vorfahren nicht nur auf der faulen Haut gelegen, sondern übernahmen wahrscheinlich von einfallenden Nomadenvölkern das Pergament, die Nutzbarmachung der Kalbs-, Lamm- und feiner noch der Ziegenhaut als Informationsträger, Schreib- und Zeichenunterlage. Besonders fein das sogenannte Velinpergament, auch Jungfernpergament genannt, das zwar auch feinstes Druckpergament war, aber später gekonnt den Wechsel vom Material des Buchinnenlebens zur Außenhaut desselben hinlegte und für kostbarste Bucheinbände Verwendung fand. Natürlich bis heute. Sie glauben gar nicht, wie oft das erinnert werden muss und wie ich im Kontext des Werkes Micha Brendels erklärend auf diesen Punkt immer wieder zu sprechen komme.

Gestatten Sie mir auch diesen kleinen Seitenpfad. Wir wissen, dass durch die Nutzbarmachung des Holzschliffs, also den Resten des handwerklichen Holzgewerbes, der Sägemühlen usw., auf deutschem Gebiet, gewissermaßen tragischerweise eine Art Papier entwickelt wurde. Sein Erfinder Friedrich Gottlob Keller fand in dem Ort Krippen in der Sächsischen Schweiz seine letzte Ruhe. Das Papier war billig und damit breiten Bevölkerungsschichten zugänglich, sicher, aber viel zu sauer. Das hat sich stetig selbst aufgelöst und ist bis heute den Konservatoren ein Graus, die sich gern an die Zeiten des Pergaments erinnern. Den Spruch „Papier sei geduldig“ müssen wir gelegentlich ergänzen mit: Unter Umständen.

Das geht auf keine Kuhhaut!

Ich habe mir die Haut [ein wenig] abgeschürft, auf- und eingerissen.

Die Haut pflegen, reinigen, straffen, frottieren, bürsten, massieren, geschmeidig machen, [mit Creme] einreiben; … , wie mein Wörterbuch mich lehrt.

2. <tierischer Rohstoff> Häute [und Felle] aufkaufen, gerben  ­–

mehr ist beim Nachschlagen nicht zu erfahren.

Und das mit den Narben?

Mein Synonymwörterbuch führt dazu aus: Narbe, die: Wundmal, Schmarre, Schmitz, (umg)Schmiss … und … eine tiefe, kleine, sichtbare, rote, blasse, Narbe; meine Narben brennen, schmerzen; die Wunde hat fast keine Narben hinterlassen, es ist keine, eine Narbe [zurück]geblieben.

Hinterlässt nicht alles was wir tun Spuren? Und sind diese nicht, von sehr verschiedenen Standpunkten aus gesehen, immer auch Narben. Und ist nicht genau die Existenz dieser der Nachweis von Leben. Letztendlich auch dem Euphemismus gehorchend, Leben, meine Damen und Herren, schade der Gesundheit. Was dabei und heute Gesundheit ist, wollen wir hier nicht erörtern. Aber die Narben, von denen wir im übrigen die wenigsten zu Gesicht bekommen, selbst bei bestem Willen nicht, die Spuren also, sind innere und äußere Zeichen. Wohl dem, der sie zu lesen versteht. Doch eines verbindet sie: sie alle, wenn Sie so wollen, erzählen. Und zwar Bände, meine Damen und Herren, Bände.

Um vom Mal 2 s. 1 oder s. 4 Zeichen, Fleck; weiterhin zu schweigen. Es beschreibt oder  verrät das Individuum, wertet die Haut auf oder lässt sie uns verwerfen. Die Aufmerksamkeit dem Mal gegenüber ist so ungeteilt wie gleichgültig. Ganz nach Geschichte und Einstellung zu dieser. Verwirrung auch hier. Wie’s passt! Heiligtum oder Abfall. Es interssiert uns oder interessiert uns eben nicht. Oder wie man heute sagt: „Nicht wirklich.“

3. <biegsame Oberflächenschicht>  die Haut [auf] der Milch || auf der Suppe

das führt jetzt vielleicht zu weit …

Und wo Narben sind, waren vorher Wunden.

Nicht: zeigt her eure Füße, sondern zeigt her eure Wunden. Reden wir darüber! Oder besser nicht?

Das Wundenlecken ist eine Erfahrung des Alterns. Nach getaner Arbeit, ein wenig rechthaberisch vielleicht, aber immerhin ohne den Vorwurf gegen sich selbst, etwas nicht probiert, unversucht oder ausgelassen zu haben. Im Grunde ist es ein genießerischer Vorgang. Das sollten wir dabei nicht vergessen.

Mein Wörterbuch zum deutschen Sprachgebrauch sagt zum Thema Haut noch dies:

4. <Person>  die [gute] alte Haut! (umg);  sie ist eine alte, ehrliche, gute, wunderliche Haut (umg) 

Lassen Sie mich schließen mit der Strophe VII aus

Ulf Stolterfohts „paraschwarte – schaut auf diese haut“.

Bereits in der ersten Strophe gibt es einen Verweis auf diese, nämlich:

„ … narbenplatzer. art schadensbericht. …“

narbenplatzer. narbenplatzer sind sprengungen der lederober-

fläche hervorgerufen durch bizarre inanspruchnahme der haut.

so was passiert. besonders flechte entwertet die decke. auch for-

kenstiche. heckenrisse. die eingewachsenen ketten der fresser.

schlimmer noch wirkt dungbehang. dies alles passiert bzw. ist

schon passiert. manchmal hängt feinstes schnitzel vom tier. wert-

mindernde zipfel gelangen über eine falleinrichtung in die fänge

eines häutehändlers. es gibt ihn. und jeder im dorf hat ihn gern.

Rede, gehalten zur Eröffnung der Ausstellung „eine Schicht tiefer“ von Micha Brendel in Berlin, am 29.10.2005, im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité, im Museum für Sepulkralkultur, Kassel 2006, und dem Phyletisches Museum, Jena 2006.

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