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John Gerard

NUMERALIEN  oder  Wie ein Buch entsteht

Es war ein sehr warmes Frühlingswochenende in Mainz. Unter den Zelten, die für die Mainzer Minipressenmesse am Ufer des Rheins aufgestellt waren, war es schwül warm. Jeder Windzug eine Erholung. Am Rande dieser Messe im Jahr 1991 sollte ich John Gerard kennenlernen. Wir hatten auch damals schon beide Ein-Mann-Unternehmen und das bedeutete, man präsentierte sich selbst und ist möglicherweise den ganzen Tag mehr oder weniger tief in Gespräche verwickelt, zeigt seine Produkte, erklärt Techniken, verabredet Ausstellungen, redet über Künstler, die nächsten Projekte und, auch deshalb war man ja gekommen, verkauft dieses oder jenes Buch. Es ist klar, viel mehr als die nähere Umgebung seines Standes wird man selbst auf so einer kleinen Messe nicht wahrnehmen. Wir bedurften des Zufalls, uns kennenzulernen.

Ich sah John Gerard das erste Mal auf der Mattscheibe eines Monitors im Mainzer SAT.1 Studio. John muß es ähnlich mit mir gegangen sein. Wir waren beide zu einer Live-Nachmittagssendung jenes Senders eingeladen und zwischen Autorennen, Wetterbericht und Hundeproblemen sahen wir uns, für jeweils viereinhalb Minuten, Bücher bzw. Papiere hochhalten und darüber reden. John redete über die von ihm aufgebaute Berliner  Papierwerkstatt und seine, nur aus handgeschöpftem Papier bestehenden, Bücher und Mappen. Ich sprach über ein Buch aus Packpapier. So waren die Leinen gelegt, und John mußte geahnt haben, wenn jemand ein Buch mit Packpapier macht, so steht er zwar auf der anderen Seite der Skala der Papierherstellung, muß sich aber durchaus schon mal Gedanken über das Medium Papier gemacht haben. John hatte recht. Er lud mich ein, am nächsten Messetag doch mal an seinem Stand im Messezelt vorbeizukommen.

Ich sah mir die Papiere und Bücher Gerards an und war verunsichert über eine hier vorgefundene Archaik. Es leuchtete mir sofort ein, daß hier, gekoppelt mit dieser Konsequenz, Einmaliges entstand. Ein Rückzug oder besser ein Festhalten und wenn auch dies nicht greift – ein Wiederentdecken eines Handwerks und einer damit auf ewig verwobenen Ästhetik. Kunst also. Ich war bald überzeugt und dann begeistert. Seitdem habe ich für mich eine neues Medium entdeckt: Handgeschöpftes Papier.

John Gerard, der Bücher und Papierarbeiten  mit Helge Leiberg, A.R. Penck, Frank Badur, Shinkichi Tajiri und anderen gemacht hatte, lud mich ein, für seine Reihe der Ein-Text-Edition Vorschläge aus meinen Manuskripten zu machen. Unveröffentlicht und neu sollte der Text sein. Diese besondere Reihe unter den Büchern Gerards sah vor, daß ein zeitgenössischer Dichter mit einem Text, jeweils auf eigens hierfür von Gerard gestaltetem Papier gedruckt und in ebensolchem Papier als interessante Faltung, Mappe oder Leporello eingefaßt, die Möglichkeit erhielt, in dieser ausgesprochen würdigen Form sich zu präsentieren.

Ich gehörte im Osten Deutschlands zu einer Gruppe von Autorinnen und Autoren, die unter der Überschrift VISUELLE POESIE gemeinsam auftraten, ausstellten und edierten. Experimentelle Poesie also, die Lautpoesie, Found Poetry, Serielle Texte und weiteres mehr einschloß. John würde sich damit auseinandersetzen müssen. Darauf war ich gespannt.

Wir wohnten beide in Berlin, noch vor gar nicht langer Zeit getrennt durch Fluß und Mauer, in den einander angrenzenden Stadtbezirken Kreuzberg und Friedrichshain. Dennoch sollten ein paar Wochen vergehen, die Messe war zu Hause nachzubereiten, auch war andere Arbeit aufgelaufen, die erledigt werden mußte, bis John und ich im Künstlerhaus Bethanien wieder zusammentrafen. Mich hatten Skrupel ergriffen, ob die Texte dem Medium standhalten könnten und daß wir uns tatsächlich auf einen würden einigen können. Es war wohl auch Ehrfurcht vor seinen bisherigen Arbeiten.

Ich traf John in seiner Werkstatt. Die von Heizungsrohren durchzogenen Kellerräume des ehemaligen Krankenhauses waren zu Künstlerwerkstätten umgebaut worden. John arbeitete etwas beengt in zwei Räumen ohne Fenster und damit ohne Tageslicht. Ich sah nicht sehr viel bei diesem ersten Mal. Was ich wahrnahm, war Arbeit. Große Tröge, Tische, Pressen und unterschwellig im Hintergrund ein Motorengeräusch, daß wohl immer dazu gehörte. Erst viel später nennte ich diese Arbeitsgeräte beim Namen und ordnete ihnen Geräusche zu. Aber dies war nicht das Anliegen meines „Antrittsbesuches“. Ein sehr fleißiger und lernbegieriger Eleve und Adlatus, Gangolf Ulbricht, ging ihm zur Hand. John hatte in Gangolf jemanden gefunden, dem er Fähigkeiten und Fertigkeiten weitergeben konnte, der mit der Energie des begeister-ten Schülers Eigenes einbrachte und der in dieser Zusammenarbeit zum Kollegen und Freund wurde.

Ich überließ John ein Manuskript mit Texten, von denen ich glaubte, sie würden im Kontext handgeschöpften Papiers ihren Platz einnehmen können. Hier „vor Ort“ und ohne das John die Texte mehr als flüchtig wahrgenommen hatte, wollten wir nicht über sie reden. Es wurde ein Termin ausgemacht, denn anrufen konnte man mich nicht. Ich kam aus dem Osten und hatte natürlich noch kein Telefon.

Eine Woche später war ich wieder in der Werkstatt. Johns Blick auf meine Texte war für mich ausgesprochen widersprüchlich und vielleicht gerade deshalb hoch interessant. Selbst in einem sehr abstrakten Text glaubte er allzu Vergangenes wieder zuerkennen und nannte ihn einen „DDR-Text“, der ihn nicht sonderlich interessierte. Ich glaubte zunächst, dies auf gewisse, für John als Fremdsprachler nicht mehr nachvollziehbare, sprachliche Abstraktionen schlechthin zurückzuführen, merkte dann aber, daß er aufgrund seiner Geschichte und seiner anderen Entwicklung im Westen einen auch für mich anregend nüchternen Kommentar auf meine Texte und deren Geschichte hatte. Wider Erwarten war sein Interesse geweckt. Das wir nun schon nicht mehr über die Ein-Text-Edition sprachen, merkten wir, als sich einige längere Texte als für John interessant herausschälten. Ich war natürlich erfreut über diese Entwicklung und stimmte der Auswahl zu.

Unter anderem sollte also ein Buch entstehen. Diese eher strengen seriellen Texte waren für John ein  gewisses Neuland, aber offensichtlich hatte er, neben dem Wahr-nehmen konsequenter und logischer, fast mathematischer Textabläufe, Spaß am Verfolgen von Wort- und Zahlenserien und am Entdecken innerhalb dieser. Die Verbindung von Ziffern und Buchstaben in diesem Text gaben den Weg vor, auf dem ein Titel gefunden werden sollte. NUMERALIEN – der Name des Buches war schon wenige Tage später gefunden. Mit einem Text und dem dazugehörigen Titel ist die Idee von einem Kunstbuch ersteinmal nur in greifbare Nähe gerückt. Zu dem Text eine konsequente Gestaltungsidee zu finden, war das „muß“ jener nächsten Tage. Da der Text in 10 Blöcken, fortlaufend mit den Ziffern „0“ bis „9“ gegliedert war und die Textmenge je Textblock eher von „1“ bis „9“ abnahm, setzten wir den kleinsten Textblock, den mit der Ziffer „0“, ans Ende. So war eine erste Ordnung geschaffen. Als wir dann darangingen Schriftgrößen auszuwählen und ausrechneten, wieviel Platz welcher Schriftgrad einnehmen würde, umbrachen wir den Text zufälligerweise und schufen damit Spalten. Die Anzahl der Spalten war abhängig von der Textmenge. So wie die Textmenge von Seite zu Seite abnahm, nahm ebenfalls die Zahl der Spalten auf jeder Seite um eine ab. Begannen wir mit zehn Spalten, so trug die letzte Seite, die mit der Ziffer “0“, also nur noch eine Spalte. Das letzte Wort dieser Spalte und damit das letzte des gesamten Textes, merkten wir nun, war das Wort „Nullpunkt“. Das paßte ja als Schlußwort hervorragend. Ein weiteres Ordnungsprinzip im Text war wie durch Zufall gefunden. So ergab sich auch fast zwangsläufig ein Papierformat, das ein sehr langes Querformat wurde und dem Text auf dem Blatt im Fall der größten und kleinsten Textmenge einen ästhetischen Rahmen setzte.

Dieser „logische“ Text brauchte eine serifenlose Schrift, eine Grotesk also. Die Druckwerkstatt im Künstlerhaus Bethanien hatte ein interessantes Konvolut an Handsatzschriften und arbeitete darüber hinaus, wenn größere Textmengen anfielen, mit der  Maschinensetzerei Peter von Maikowski zusammen. Dort fanden wir eine 14 Punkt Neuzeit für unsere Zwecke passend und gaben den Satz in Auftrag.

John hatte mit Fasern sowie Papieren experimentiert und schlug vor, nachdem er sich für ein Papier aus Manila Hanf, Baumwolle und Jute entschieden hatten, im Vorfeld kleine Bogen Papiers hieraus zu schöpfen, sie mit Ziffern von „0“ bis „9“ zu bedrucken, aufzulösen und dann dem Papierbrei wieder beizugeben. Dies hätte den Effekt, daß unser noch zu schöpfendes querformatiges Papier Einsprengsel, von durch den Druckprozeß und die fettige Druckfarbe noch zusammengehaltenen Ziffern, aufweisen würde. Damit wäre ein weiterer inhaltlicher Hinweis auf den Textzusammenhang gegeben. So machten wir es. Der Plural ist an dieser Stelle übertrieben. Die Arbeit an und mit dem Papier machte John Gerard allein. Ich konnte Entscheidungshilfe leisten und an anderer Stelle lediglich Hilfestellungen geben.

Das Papier war zunächst einfarbig und trug in sich beschriebene Einsprengsel. Dies konnte nur Teil einer ästhetischen Lösung sein. Eines Tages brachte John einen Bogen desselben Papiers mit diversen Farbaufträgen. John hatte nach dem Schöpfen, während es also feucht auf dem Filz lag, Ziffernschablonen auf das feuchte Papier gelegt, um darüber mit verschiedenfarbigem Papierbrei und mittels mehrerer großer Pipetten (turkey basters) Papierbrei zu gießen. Sodann wurden die Schablonen entfernt und die Bogen gepreßt. Im Trockenprozeß verfilzten die verschiedenen Fasern, und auf dem hellen Untergrund unseres Papiers standen negativ Ziffern im farbigen Auftrag. Die Farben würden im Buch von Blatt zu Blatt wechseln und so eine weitere Facette in unserer Gestaltung ergeben.

Als nächsten Schritt, noch bevor der Satz geliefert wurde, konnte John nun daran gehen, die Menge des nötigen Papiers zu schöpfen. Dafür würden zwei Monate Zeit in Anspruch genommen werden und ich würde ab und zu Hilfsdienste leisten. Wir verschoben dies nicht, sondern gingen sehr bald an die Arbeit.

Jetzt lernte ich, Begriffe des Papierschöpferhandwerks den einzelnen Geräten und Handlungen zuzuordnen. Das sehr laute Motorengeräusch gehörte also einer „Holländer“ genannten Maschine, die verschiedene Fasermassen zerkleinert. Der Trog, in dem sich der angerichtete Faserbrei befand, war die Bütte; die Filze trennten folglich die einzelnen geschöpften, noch sehr fragilen Blätter vor und während des Pressens voneinander, die riesige Presse wird die geschöpften Blätter zusammenpres-sen, um das Wasser aus ihnen herauszubekommen. An jener Hängevorrichtung werden dann also die feuchten Blätter trocknen usw. usf..

Und überall Wasser, Wasser, Wasser. Jetzt verstand ich den Hinweis:„Bitte, Uwe zieh´ dir festes Schuhwerk an!“

Alle diese Arbeiten wurden in einem engen tageslichtlosen Raum ausgeführt. Nicht einmal Kellerfenster eröffneten einen Schein in die Tageswirklichkeit. Dies hielt John bereits fünf Jahre aus. Eines Tages, so man ihm von Seiten der Druckwerkstatt im Künstlerhaus Bethanien nichts besseres wird anbieten können, ist er hier verschwunden. Das war klar.

Wir trafen uns um neun Uhr, um mit der Arbeit zu beginnen. Irgendeiner von uns brachte Kuchen mit für den Nachmittag. John war schon eine Stunde früher hier und hatte alles vorbereitet. Die Arbeit ging gut von der Hand. Es wurden immer ein paar Blätter mehr geschöpft als wir benötigten. Dies war für das Einrichten der Andruck-presse und den Andruck wichtig. Wir hatten Spaß und wußten wofür wir dies taten. In dieser Zeit waren wir den ganzen Tag in der Werkstatt. Gangolf und ich halfen John, so gut wir konnten. Hin und wieder schauten befreundete Künstler herein. Sie holten ihr bestelltes Papier ab oder die mittlerweile getrockneten Papierarbeiten, die sie gemeinsam mit John in den Tagen zuvor hier unten angefertigt hatten. Auch Sammler ließen sich hier mal blicken. Sie sahen nach neuen, fertiggestellten Produkten und erkundigten sich nach dem Fortgang der aktuellen neuen Arbeit.

Neben der Pause am Mittag, in der wir tatsächlich auch etwas Warmes aßen, gab es noch eine Kaffeepause, für die der am Morgen mitgebrachte Kuchen gedacht war. Immer wenn es ans Kaffeemachen ging, stellte sich, nachdem ich beim ersten Mal mehr oder weniger heftig enttäuscht war von dem, was John Kaffee nannte, ein Problem ein. John bestritt, daß er immer noch dieses warme Getränk kochen würde, das in Amerika Kaffee genannt wird und dessen trüber Schein offensichtlich daher rühre, daß man dort durch heißes Wasser eine oder zwei Kaffeebohnen zieht. Er erklärte, er hätte gerade an diesem Beispiel bereits enorme Anpassungsleistungen vollzogen. Dennoch, unsere Meinungen darüber, was Kaffee sei, gingen auseinander und so kochten wir ihn eben zweimal.

Da alle an diesem Buch verwendeten Papiere handgeschöpft sein sollten, mußten neben den Inhaltsseiten, die aus Titelblatt, Text- und Impressumseite bestanden, die Blätter für die Vorsatz- sowie Bezugspapiere ebenfalls geschöpft werden. Die Inhaltsseiten und die Vorsatzpapiere hatten in etwa eine Stärke (ca. 200 g). Die Bezugspapiere mußten dünner werden, damit sie bei der Herstellung des Bucheinbandes noch gut verarbeitet werden konnten. Für John war das kein Problem. Sein Gefühl sagte ihm, wie schwer ein Blatt ungefähr wird, während er das Sieb nach dem Schöpfen in den Händen hielt und  das Wasser davon in die Bütte zurückfloß. Auch was die Bütte noch hergab, wie hoch der Anteil des Faserbreies in ihr zu sein hatte, ob sie gut aufgemischt war u.v.m., über all dies fällte John ganz subjektiv Entschei-dungen, die Ergebnisse langjähriger Erfahrungen waren. Vieles war für mich schwer nachvollziehbar – für John war es das Natürlichste von der Welt. Etwas von Johns Freude an dieser Arbeit und damit auch ein Stück von seinem Wesen verstand ich, nachdem er mir auch von seinem Spieltrieb beim Umgang mit Wasser erzählt hatte. „Ich plansche halt gern!“ Und dann habe ich ihn gesehen, wie er mit beiden Armen tief in der Bütte, mit der Kraft des ganzen Körpers, den Brei im Wasser aufwirbelt, mischt. Da kam eine Kraft zum Vorschein, die ich ihm eigentlich nicht zugetraut hatte. Spätestens jetzt war es klar: dies war sein Element.

Die Blätter waren geschöpft, der Satz geliefert und Korrektur gelesen, ein Termin in der Druckwerkstatt des Künstlerhauses ausgemacht. Wir wollten bis auf die Bindung alles selber machen. Es würde nicht einfach werden, darauf hatte mich John vorbereitet, handgeschöpfte Papiere,  die einseitig aufgetragene unterschiedlich farbige Papiergüsse trugen und damit für verschiedene Papierdicken sorgten, zu bedrucken. John positionierte den Satz auf der Maschine. Mit überzähligen Bogen wurde angedruckt. Der Text wurde vorsichtshalber auf dem Andruckbogen noch einmal Korrektur gelesen. Unter Umständen wurde der Stand korrigiert, auf dem Farbwerk der Andruckpresse mehr oder weniger Farbe aufgetragen und dann, wenn alles in Ordnung war, die Auflage gedruckt. Hierfür benötigten wir ganz Woche.

Einmal, nachdem die Auflage einer Seite vollständig gedruckt war, stellten wir einen Setzfehler fest, den wir trotz mehrerer Kontrollen übersehen hatten. Ich neigte dazu, zumal ich glaubte, wir würden das Papier so schnell nicht noch einmal neu herstellen können, diesen einen Fehler uns ruhig zuzugestehen. Würde unser Produkt darunter leiden? Hätte es dann einen Makel? Eine Entscheidung, wie wir verfahren würden, verschoben wir auf den nächsten Tag.

Als ich am darauffolgenden Morgen in die Druckwerkstatt kam, lag ein vollständig neugeschöpfter Satz Blätter der von uns verdruckten Seite bereit. John hatte über Nacht den Brei angesetzt, geschöpft, gegossen, gepreßt und die Blätter getrocknet. Normalerweise brauchten die Blätter aber zwei bis drei Tage zum Trocknen. Er hätte, so antwortete er auf meine diesbezügliche Frage, gezaubert. Mehr erfuhr ich nicht darüber.

Die Auflage lag vollständig gedruckt vor uns. Die Druckfarbe war getrocknet. Jetzt konnte daraus ein Buch gebunden werden. Da wir einzelne Blätter gefertigt hatten und nicht Lagen, kam eine normale Fadenheftung nicht in Frage. Bei unserem extremen Querformat bot sich eine Schweizerische Bindung an, bei der alle Blätter des Buches am Rückendeckel vernäht werden konnten. Die sehr langen Seiten blieben nach dem Aufblättern trotzdem offen liegen und würden nicht durch die Zugkraft des Papiers zugeschlagen.

Es leuchtete mir ein, daß am gesamten Buch nur natürliche Materialien Verwendung finden sollten. Ich, beeindruckt vom Material und dem gesamten Prozeß, schlug Pergament oder Leder für den Buchrücken vor. So glaubte ich, könnten wir dem hochwertigen Material einen entsprechend würdigen Abschluß geben. Mein Irrtum bestand darin, daß ich pflanzliche und tierische Stoffe für gleichwertige natürliche Materialien hielt. John ließ sie jedoch nicht als gleichwertig in unserem Sinne gelten. Bei unserem Buch, welches in seiner Grundsubstanz vollkommen aus pflanzlichen Fasern bestand, kämen nur pflanzliche, dem Papier nahe Materialien zur Anwen-dung. Ich war, wie ich hier merkte, noch bei weitem nicht so eng verwoben mit einem Material, daß ich Anspruch hätte, mich in diesem Fall Purist nennen zu dürfen.

Das Buch wurde in der Druckwerkstatt des Künstlerhauses nach unseren Vorstel-lungen von Sabine Nerlinger handgebunden. Die Auflage betrug 20 Exemplare. Darüberhinaus gab es noch einige Künstlerexemplare, die, ebenso wie die Auflage gebunden vorlagen. Drei Exemplare wurden als lose Blattsammlung in einer Mappe gefertigt. Damit  hatten wir die Möglichkeit, einmal alle Blätter des Buches in einer Ausstellung auffächern zu können.

John Gerard und ich haben es bis heute nicht bereut, uns darauf eingelassen und über die Ein-Text-Edition (hier erschien wenig später mein Text EIN ZEHN) hinausgegangen und das Buchexperiment gewagt zu haben. Wir sind immer noch sehr stolz darauf. Der Erfolg in jurierten Ausstellungen und der Verkauf desselben scheint uns zu bestätigen. Dies war der Beginn einer anhaltenden Zusammenarbeit, in der wir beide lernten und uns bis heute entwickeln, aus der eine Freundschaft, in ständig kritischer Begleitung und Auseinandersetzung erwuchs.

Uwe Warnke,  Berlin 1991

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