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Helmut Löhr – Confronting Stillness

Kommunikation, meine Damen und Herren, ist etwas, das auch gern mal der Kunst abgesprochen wird. Kürzlich wurde in einer der alljährlich stattfindenden Berliner Lektionen, einer Vorlesungsreihe alten Formats vor gutbetuchtem bürgerlichen Publikum zur Erheiterung am Sonntagvormittag, gar behauptet, das Kunstwerk käme mit sich allein ganz gut aus, brauche uns Menschen nicht. Da wird dann sehr viel durcheinander gebracht, wie immer legitimierend Beuys als Ahnherr missverstanden zitiert und vor allem sich selbst positioniert. Das hat natürlich eine Folie. Übrig bleibt dann nämlich das Genie, der Einzige, der Künstler – auf dem Podest versteht sich. Der Erwählte, der dann noch in aller Peinlichkeit vorgibt, genau dies nicht sein zu wollen. Fast entschuldigend mit der Geste: Na gut, wenn ihr es so wollt!

Meine Damen und Herren, genau das ist Kommunikation nicht. Ja, dies schließt sie fast aus. Das Ganze wird zur Mission, wird zur Einbahnstraße: One Way.

Als ich Helmut Löhr kennen lernte, hatten wir beide es noch mit ganz anderen Rahmenbedingungen zu tun. Zwei Gesellschaftssysteme standen sich in ihrer scheinbaren Alternativlosigkeit und Dualität gegenüber und waren sich in Berlin am nahesten. Ein Westberliner Freund versorgte mich in den 80er Jahren im Osten Berlins fast regelmäßig mit dem Westberliner Kunstblatt, einem Periodikum Westberliner Galeristen; und in einer der Ausgaben annoncierte die Galerie Horst Dietrich eine Ausstellung mit Arbeiten von Helmut Löhr: Visual Poetry. Ich erbat die Zusendung des abgebildeten Plakats, welches mich auch umgehend erreichte, und der erste Kontakt zu Helmut Löhr war gegeben. Löhr lebte zu dieser Zeit schon in New York und unterhielt in Düsseldorf noch sein schönes, großes und preiswertes Atelier auf einem Hinterhof. Zur Ausstellungseröffnung kam er angereist und passierte besuchsweise die Grenze. Was hier zunächst ganz handfest geschah ist aber auch etwas, das für ihn stehen kann. Ein Grenzgänger ist er, bei allen scheinbaren Systemauflösungen, immer geblieben.

Wo leben wir? Wie arbeiten wir? Was prägt uns? Was ist Kunst? Was ist mit dieser Welt? Welche Rolle spielen wir in ihr? Wovon sind wir ein Teil? Das waren die Themen und Fragen, die wir von Anfang an diskutierten. Da wurde vor allem zugehört. Und dies, meine Damen und Herren, einander. Die Kunst Helmut Löhrs, Visuelle Poesie, Bildende Kunst, Buchkunst, Performances, gern auch grenzenüberschreitend installiert, folgt diesem Dialog. Sie ist bei Löhr immer Ergebnis einer Annäherung. Da wundert es auch nicht, dass der nächste Schritt, nämlich die daraus erwachsende Zusammenarbeit etwas für ihn ganz Vollgerichtiges und sehr Prägendes ist. Am intensivsten ist dies vielleicht ablesbar in den gemeinsamen Installationen mit Harriet Bart aus Minneapolis oder an seinem langjährigem Projekt The International Library, einem dialogischen Buchkunstprojekt mit Künstlern aus aller Welt.

Löhrs Bildfindungen, aus gedruckten Zeichen, Schrift wie auch Notationen, schließlich ganz eigene, neue Strukturen entstehen zu lassen und mit diesen zu arbeiten, heißt doch auch, sich von einem eingebrannten Code zu trennen, Manifestes aufzulösen und sich in Richtung einer universalen Sprache zu bewegen. Offen sein, um zu transformieren. Die Freiheit, die sich Löhr hier nimmt, ist ritualfreies Spiel, ist schließlich Aufforderung, es ihm gleich zu tun, sich in einem gemeinsamen Kosmos einzuschwingen, sich mit gelernten Beschneidungen nicht abzufinden – also mutig zu sein.

Dabei entstehen, wie er selbst sagt, aus Strukturen Frequenzen. Ja natürlich. Haben nicht auch Farben Frequenzen und ist Licht nicht Frequenz? Da ist der Weg zum Sound, zum Klang, auch er eine Schwingung pro Zeiteinheit, nicht mehr weit. Vielleicht ist in dieser Auffassung, in dieser Wechselbeziehung das stets große Interesse von Musikern und Komponisten zu suchen, eben diese Strukturen als Ausgangspunkt eigener Arbeiten zu wählen, oder Löhrs Arbeiten tatsächlich erklingen zu lassen. Dabei spielt die Erkenntnis und die Freiheit eine Rolle, dass die Musik mehr ist, als der notierbare Anteil uns vermittelt.

Und nun fragen sie zu Recht: Wie darf ich mir das vorstellen? Gibt es bei dieser Arbeit Einflussnahmen? Gibt es doppelte Böden? Wird das Resultat kontrolliert und wenn ja wie? Wird gemeinsam abgenommen? Meine Damen und Herren, sie merken schon, solche Fragen entstehen immer dann, wenn jemand kontrollieren will, wenn also kein Vertrauen da ist. Zusammenarbeit ist aber immer nur dann gegeben, wenn das Vertrauen an oberster Stelle steht, dass heißt vor allem, dass man sich ernst nimmt. Die Kommunikation, der Dialog, das Miteinander sind dann eben die Voraussetzungen. Sie sind, so Löhr, der spannende Prozess, der einzig für ihn interessant ist. Dabei kann Helmut Löhr keine Noten lesen und kein Instrument spielen. So entsteht ein vertrauensvolles, ein freundschaftliches Spiel. Das ist die Freiheit der Kunst. Keine Erwartungshaltungen. Ein Ergebnis entsteht zwangsläufig. Es ist nicht selten passiert, dass zu Löhrs Ausstellungseröffnungen ein solches Musikstück zum ersten Mal erklang. Für das Publikum wie für Löhr neu. Für beide eine Premiere. Und bitte glauben sie mir, welch ein großartiges Gefühl, wenn das Vertrauen dann so eindrucksvoll belohnt wird. Diesen Moment beschreibt Helmut Löhr als ganz großes Geschenk.

Zeit ist die Größe, die Musik von der bildenden Kunst unterscheidet. Und dies sehr deutlich. Da gibt es einen Verlauf von einem Anfang zu einem Ende, einen Rhythmus, einen zumeist hinreichend klar definierten Ablauf. Alles ist hier durch Zeit bestimmt. Selbst der erzeugte Ton ist endlich, verhallt, hat seine Zeit. Und wir, wenn wir nicht vor Ort sind, haben es verpasst. Es, nicht sie. Denn da gehört neben der Notation noch sehr viel mehr und anderes dazu, was wir uns nicht immer eingestehen wollen. Musik ist Aktion. Sie bedarf einiger Voraussetzungen. Sie braucht einen Raum. Musik ist lebendig. Sie ist immer Interpretation. Dies ist Teil ihrer Freiheit. Auch Fehler gehören dazu, sind Teil der Aufführungspraxis. Sie hat damit mehr mit dem Schauspiel zu tun. Die Oper vereint schließlich beide und integriert noch die bildende Kunst. Das Gesamtkunstwerk war immer so gemeint.

Die Speicherung und damit Wiederholung jeglicher Musik ist zwar möglich geworden, dennoch ist das technische Wiederholen etwas ziemlich anderes. Sie kann nur eine Ahnung geben. Selbst die Aufführung des gleichen Stückes unter anderen Bedingungen aber gleichem Aufwand, an anderem Ort, Zeit und Raum stellt bereits etwas ganz anderes dar. Es ist nur das gleiche und nicht dasselbe und damit immer wieder auch für den Künstler, den Komponisten und für die Aufführenden jedes Mal absolut neu. Daher auch die Spannung. Da wird noch auf der Bühne oder im Orchestergraben richtig gestorben. Die Musiker und Dirigenten können ein Lied davon singen.

Helmut Löhr ist bei allem was er tut ständig auf der Suche nach vollkommener Harmonie. Liebe ist dabei nur ein Synonym. Diese Suche um Einklang hat er nie aufgegeben. Er ist da nicht etwa ein Unverbesserlicher, nein, er hat sie erlebt. Er weiß, wovon er spricht. Dafür hat er sich in New Mexiko seinen Ort geschaffen. In gesuchter Einsamkeit, ohne allein zu sein, lebt er nun schon fast 20 Jahre, gut verknüpft in die Netzwerke menschlicher Beziehungen und die aktueller Kunst. Wir könnten glauben, hier hält sich einer aus der Welt heraus. Merkwürdigerweise werden sie aber im Umgang mit ihm unvermeidlich immer mal wieder den Satz aus seinem Mund hören: „Ich bin die ganze Zeit unterwegs gewesen.“ Mittlerweile ist für ihn längst die Zeit gereift, aus den Ausstellungsangeboten auszuwählen und nur noch punktuell Herausforderungen zu suchen. Dem Kunstspektakel wird dabei ohnehin stark misstraut, dies wird nicht bedient. Die heiße Luft des Kunstbetriebs ist ihm wirklich kein Interesse wert. Dennoch hat Helmut Löhr an der Kunst festgehalten. Er sagt: „Kunst ist das letzte Refugium von Freiheit. Dies gilt es ästhetisch zu verteidigen.“

Da wir heute noch ein Stück von Markus Zaja, einem ebenfalls langjährigen Freund und musikalischen Wegbegleiter Helmut Löhrs, auf der Silbermann-Orgel hören werden, nämlich seine „Symphonie for corresponded souls“, basierend auf einer Arbeit Löhrs die während einer Jemen-Reise entstanden ist, gestatten sie mir einen kurzen Rechercheexkurs zu Silbermann und dieser Orgel vor Ort.

Ein Feuerball mit weißem Schweif erscheint am Himmel, Halley berechnet seine Bahn und gibt ihm seinen Namen; gleichzeitig entdeckt Isaak Newton das Gravitationsgesetz und im kleinen sächsischen Dörfchen Kleinbobritzsch an der ‚Silberstraße‘ bei Frauenstein, wurde am 14. Januar 1683 Gottfried Silbermann geboren, jener Silbermann, der im sächsischen Raum mehr als 40 Orgeln bauen und während der Arbeiten an seinem Opus Magnum, der Orgel der Hofkirche zu Dresden, 1753, siebzigjährig, sterben wird. Bleivergiftung, das Los der Orgelbauer seinerzeit.

Während eines durch Silbermann auszuführenden Orgelbaus ganz in der Nähe, nämlich in Greiz 1739, wird durch den Reußen Heinrich III. der Bau einer Orgel für die Schlosskapelle auf dem hoch über der Saale gelegenen Schloss Burgk gemeinsam mit Silbermann beschlossen. Durch die erfolgte Erweiterung der Kapelle sollte die Orgel, die vom Orgelbauer Kerll im Jahre 1639 erbaute wurde, ersetzt werden.

Meine Damen und Herren, Ostern vor 265 Jahren, nämlich 1743, wurde diese fünftletzte Orgel Silbermanns, der im Januar desselben Jahres 60 Jahre alt geworden war, eingeweiht. „O Silber-Klang!“ begeisterte sich der die Orgel abnehmende Greizer Organist Johann Gottfried Donati später in seiner Schrift zur Burgker Orgel. Die Orgel, ausgestattet mit 1Manual, Pedal und 12 Stimmen, besitzt noch die originale Klaviatur und ist noch im Chorton gestimmt (einen Halbton höher als der heutige Stimmton (Kammerton 440 Hz)). Ihre zunächst ungleichschwebende Temperatur war jedoch Anlass der Kritik. Heute hat die Orgel die temperierte Stimmung erhalten. 1982 wurde die Orgel umfassend, 2006/2007 ihr Herz, die Windlade, restauriert. Der Originalzustand ist weitestgehend bewahrt.

Klang ist etwas womit alles anfing. Klang und Licht. Und damit wird es auch aufhören.

Ich wünsche uns allen einen wunderbaren Abend. Vielen Dank

Uwe Warnke, anlässlich der Eröffnung der Ausstellung Helmut Löhr Confronting Stillness im Museum Schloss Burgk, Karfreitag, den 21.03.2008.

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