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Frank Herrmann – Das Öffnen der Briefe

Ein Tableau von Frank Herrmann in der Alten Feuerwache Loschwitz, Dresden

Reichspost, Staatspost, Bundespost, Behördenpost, Landespost, Stadtpost, Inlandspost, Auslandspost, Morgenpost, Mittagpost, Abendpost, Spätpost, Nachtpost, Überlandpost, Dienstpost, Geschäftspost, Verwaltungspost, Wirtschaftspost, Privatpost, Bahnpost, Flugpost, Brieftaubenpost oder auch Taubenpost, Luftpost, Ballonpost, Kraftpost, Schiffspost, Rohrpost, Anschlusspost, Eilpost, Zubringerpost, Feldpost, Dienstpost, Kurierpost, im Mittelalter auch schon mal Metzgerpost, oder die Post des Deutschen Ritterordens, Fahrpost, Reitpost, Schnellpost, auch Schneckenpost, Extrapost, Flaschenpost, Paketpost, Hiobspost, Kontrapost – und nicht zuletzt Freudenpost. Wo? In der Hauptpost, selbstverständlich.

Oder ganz allgemein Briefpost; nicht zu vergessen Kompost. Natürlich.

Auf der Website der Deutschen Post heißt es: „Der Brief ist nach wie vor das wichtigste Kommunikationsinstrument – ob privat oder geschäftlich. …“. Ob dies mittlerweile mehr Wunschdenken denn realistische Einschätzung ist? Ist da nicht längst eine ganze Menge abgelöst worden durch zuerst das Fernschreiben, dann das Telefongespräch, das Telefax und schließlich die E-Mail? Und sollten wir nicht sagen: glücklicherweise? Auf der anderen Seite und allerdings erfüllt die Form und Materialität eines Briefes gewisse justiziable Qualitäten und Kriterien. Jemanden Brief und Siegel geben. Eben.

Auf der Webside der Deutschen Post heißt es: „Der Brief ist nach wie vor das wichtigste Kommunikationsinstrument – ob privat oder geschäftlich. …“. Ob dies mittlerweile mehr Wunschdenken denn realistische Einschätzung ist? Ist da nicht längst eine ganze Menge abgelöst worden durch zuerst das Fernschreiben, dann das Telefongespräch, das Telefax und schließlich die E-Mail? Und sollten wir nicht sagen: glücklicherweise? Auf der anderen Seite und allerdings erfüllt die Form und Materialität eines Briefes gewisse justiziable Qualitäten und Kriterien. Jemanden Brief und Siegel geben. Eben.

Da hat sich nichts geändert: Der Brief ist die an einen Abwesenden gerichtete Mitteilung. Er besteht heute meist aus einem Briefumschlag und dem Inhalt. Es hat seine Geschichte, dass dieser Inhalt, zumeist ein Schreiben, auch für sich stehend Brief genannt werden kann.

Ein Briefumschlag (Briefhülle, auch: Kuvert) ist die Versandverpackung eines Briefes. Auch gern mit C geschriebenen heißt dies zwar immer noch Couvert, bedeutet aber neben dem uns Interessierenden auch den im Französischen üblichen Wäschebezug für Steppdecken mit an der Oberseite ausgeschnittenen Öffnungen.

Doch zwei Schritte zurück. Ursprünglich wurden Briefe nicht separat verpackt, sondern durch Aufrollen und Versiegeln vor unberechtigtem Zugriff geschützt. Erst als das Pergament durch das Papier abgelöst wurde, ein deutlich billigeres aber immer noch wertvolles und teures Material, kommt man auf die Idee, das Schriftstück auch zu falten. Allerdings fehlt anfangs auch hier noch der Umschlag. Man bedurfte seiner nicht. Man faltete und siegelte einen Brief so, dass der Inhalt hinreichend geschützt und gleichzeitig die Einsicht durch fremde Blicke verwehrt wurde. Auf der einen Seite war man es noch so gewohnt, auf der anderen das Papier durchaus kostbar, so dass auf diese Weise auch gespart wurde. Später war dieser Vorgang aufwändiger (aus betriebswirt­schaftlicher Sicht kostenintensiver) als ein fertig konfektionierter Umschlag zum Einstecken und Verschließen des Schreibens. Die Einheit von Umschlag und Inhalt zum Brief war gleichzeitig die Trennung derselben und lässt sofort mehrere neue Sammelgebiete entstehen.

Doch lassen Sie uns das zur Rede stehende ein wenig genauer, auch technischer betrachten.* Es wird Sie nicht wundern, dass alles den Briefumschlag betreffende genormt ist. Es sind z.B. in der ISO 269 und DIN 678 die Ordnungen für Briefumschlaggrößen zu finden. Die Briefumschlagfenster und die richtige Stellung auf den entsprechenden Briefbögen definiert die DIN 5008. Dazu erhebt die Post dann noch Gebühren für ihren Service. Dass diese seit Jahren steigen, kennen Sie. ** Wie Sie vielleicht wissen, war das nicht immer so. Als das Postsystem aufgebaut wurde, zahlte noch der Empfänger. Das ließ sich nicht durchalten. Zumindest dies ist gut gelaufen. Der Erfolg dieses schon damals monopolisierten Postsystems war so gewaltig, dass der Spruch, etwas aus der Portokasse zu bezahlen, übrigens im Holsteinischen Krieg des Königreichs Dänemark gegen Preußen, zumindest für letztere zutreffend und überliefert, seine konkrete, historische Anwendung fand.

Die meisten Menschen werfen die Umschläge und nach einer gewissen Zeit auch die Briefe selbst weg. Uns interessiert hier nur ersteres. Dabei gibt es beim Umgang mit Brief­umschlägen quasi zwei Stufen der Entwertung zu beobachten. Verbirgt der Umschlag im geschlossenen Zustand in den meisten Fällen noch ein Geheimnis, so findet der erste Akt seiner Wertminderung im Öffnen einer seiner Seiten statt. Gänzlich hingemacht und dem Verfall, mehr noch Abfall, preisgegeben ist er, wenn wir seinem auch in diesem Zustand noch vorhandenen Dokumentcharakter schließlich noch das Dokumentarische nehmen. Kommt also die Trennung von Inhalt und Umschlag schon einer Entwaffnung gleich, so ist das Ausreißen der Briefmarke samt Stempel der Todesstoß. Keine Gnade in diesem Fall. Niemand hebt so etwas Entstelltes, Wertloses auf. Nicht einmal Frank Herrmann.

Als ich vor knapp zwanzig Jahren in einem Kreiskulturhaus am Wasaplatz die erste Ausstellung Frank Herrmanns eröffnete, hätte dieses Thema, „Das Öffnen der Briefe“, einen ganz anderen Klang gehabt. Wir können wohl davon ausgehen, dass es zu einer Ausstellung dieses Themas damals nicht gekommen wäre. An sich schon: Möglicherweise als Lehrgang für Spezialisten ansässiger Geheimdienste, intern versteht sich. Das Üben im Briefeöffnen mit Wasserdampf usw. Das war’s dann aber auch schon. Der Klang des Unerlaubten, nicht Zulässigen, die Unterstellung, hier würde jemand das sogenannte Postgeheimnis verletzen, hätte zu sehr mitgeschwungen. Also hätte es nicht stattgefunden, wäre uns wahrscheinlich nicht einmal eingefallen. Vielleicht hätten wir dabei auch ungern zeigen wollen, mit wem wir so alles in Kontakt stehen. Es hätte übrigens vor 20 Jahren auch viel länger gedauert, diese Menge von Briefumschlägen, auch noch adressiert an ein und dieselbe Person, zusammen­zutragen. Unvergleichlich länger.

Apropos Krieg. Feldpost. Das sind lange Zeit nur Postkarten. Das ist der Zensur geschuldet. Man tut also erst gar nicht so, als würde alles wie immer laufen und heimlich in der Etappe Briefe aufdampfen. Nein, es ist Krieg. Alles ist anders. Das Kriegsministerium behält die Hoheit der Kriegsberichterstattung. Der embedded journalist erzählt noch heute davon. Aber machen wir uns nichts vor, wenn die Staatsräson es erfordert, gibt es, was das Postgeheimnis betrifft, auch heute kein Halten.

Da wir gerade beim Brieföffnen sind: Ein Brieföffner ist nicht nur eine Berufsbezeichnung sondern ein aus Griff und stumpfer Klinge bestehendes messerähnliches Gerät zum glatten Öffnen (Aufschlitzen oder früher auch Siegelablösen) von geschlossenen Briefumschlägen. Darüber hinaus gibt es aber auch elektrisch betriebene Geräte, die Briefe automatisch öffnen. Sie haben den Vorteil, dass sie große Mengen an Umschlägen in kürzester Zeit aufschlitzen können, ihr Nachteil ist allerdings, dass die Schneide dieses Brieföffners den Inhalt beschädigen könnte.

Ich sehe die getrockneten Bananenschalen von Frank Herrmann an einer Wand zu einer Installation geordnet in Reih und Glied hängen und frage mich, welche Beziehung zwischen dieser älteren Arbeit und der Installation hier besteht? Etwas wird nicht weggeworfen und später zur Installation. Absurdität und Verdichtung. Ein Fingerzeig schon, aber eben nicht der gehobene Zeigefinger. Wobei wir uns ein Stück weit unwohl fühlen und zumindest nicht meinungslos an diesen Arbeiten vorbeikommen.

Zuerst einmal wird ins Blaue hinein gesammelt und aufgehoben. So ein vage Vermutung, ein unklares Gefühl mag den Ausschlag gegeben haben. Eine Klarstellung sei erlaubt: diese Arbeit hier verweist nicht auf einen Messi. Auch der Begriff des Briefbeschwerers erhält hier einen ganz neuen Klang, da es sich in der Mehrheit wohl um Briefe handelte, die gar nicht erst beantwortet werden wollten. Wer beschwert hier wen und womit?

Das, womit wir es hier zu tun haben, was Frank Herrmann uns vorführt, ist ein Vernichtungsprozess. Ein Vernichtungsprozess von Ideen, Ressourcen und Lebenszeit. Das dabei auch unsere Lebensgrundlage und Lebenswirklichkeit vernichtet wird, steht außer Frage und ist den Verursachern, den Vernutzern wahrscheinlich völlig gleichgültig. So sei eben die Welt. Da kann man eh nichts machen, höre ich da schon. Frank Herrmann macht das lesbar, in dem er durch die vorgeführte Quantität uns genau diese Qualität erst sichtbar macht. Dass es hierbei hoch ästhetisch zu geht wundert ja nicht. Wir befinden uns hier auf dem Feld der Kunst und nicht auf dem der Post. Der Betriebswirtschaftler fällt andere Entscheidungen. Zitat: „Wenn Sie an einem Tag mehrere Briefe von uns erhalten, so ist dies kostengünstiger als seine Sortierung.“, ist da zu lesen. Ich habe gar nichts gegen mehrere Briefe aus einem Haus an mich an ein und demselben Tag. Der Betriebswirt meint hier aber mehrere Briefe gleichen Inhalts. Ist ihm das schon hier so unangenehm, dass er es sich nicht einmal korrekt zu benennen traut? Immerhin steht es so auf Millionen von Briefumschlägen. Und dann sollen wir noch, wie es dann in der Formulierung weiter heißt, für den Akt wie für dieses den Sachverhalt verschleiernde und falsche Deutsch „Verständnis haben“? Dafür bedankt man sich dann schlussendlich. Was können wir da noch machen?

Wie hieß es oben: „Der Brief ist die an einen Abwesenden gerichtete Mitteilung.“ Schon hier wird nicht gefragt, ob der Abwesende, der Adressat, an der Mitteilung interessiert ist. Das ist eben keine Voraussetzung für einen Brief. Die Pervertierung genau dieser Erkenntnis macht die Briefflut erst möglich und nutzt zu dem noch erbarmungslos sozioökonomische Abhängigkeiten. Der Erbärmlichkeit des Zustellers, der vor lauter Hoffnungslosigkeit einen Job annimmt, dessen Aufgabe es ist, etwas zuzustellen, das niemand haben will, er selbst naturgemäß auch nicht, ist nichts hinzuzufügen. Diese Verrichtung ist also sinnlos. Die meisten, die so etwas gezwungen sind zu tun, ahnen dies. Auch das nenne ich schließlich Verzweiflung.

Uwe Warnke, Berlin

Der Text wurde zur Eröffnung der Ausstellung Frank Herrmann Das Öffnen der Briefe am 02.04. 2007 um 20 Uhr in der Alten Feuerwache Loschwitz, Dresden von Uwe Warnke vorgetragen.

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