Das Beispiel

Auszüge aus den Vortragsmanuskripten der Autoren zu Text Total III, Kultur am Nauener Platz e.V., Berlin-Wedding, 11.12.2003:

DIE ZEIT Nr. 43, 2003 Rubrik Das Gedicht

Robert Schindel

Lieblied 18
(Zauberhafte Nacht)

Zauberhafte Nacht. Zwillinge
Über der Frankfurter Skyline. Ich
Eingewickelt im eigenen Atem
Suche in deinen Augenblicken
Mein fremdes Antlitz, doch es weht
Dein Atem vom Norden her
Verfängt sich unterm Hemd und
Zaubewrhafte Nacht

Kantor und Pollux
Eingestirnt in den Ewigkeiten. Wir aber

Aber wir. Ach wir. Wir beide
Zuluste und zuleide

 

Robert Schindel: Zwischen dir und mir wächst tief das Paradies
Liebesgedichte; Vorwort von André Heller; Insel Verlag, Frankfurt a. M./Leipzig 2003; 78 S., 12, 80 €

dhm: Oh Lullaby-Liebling, Loveable Darling, Lieblied No. 18 — Mit Liebliedern verhält es sich genauso wie mit Schlafliedern. Man singt sie, um einen gewünschten Zustand herbeizuführen: Dies wird uns durch die Art des hier verwendeten Kompositums signalisiert, das ohne ein den Genitivus Obiectivus anzeigendes Fugenelement auskommt, wie es etwa bei ‚Liebe-s-gedicht‘ oder ‚Alter-s-hymne‘ der Fall ist, mit denen man im übrigen bereits erreichte Zustände zu beschwören oder zu bewahren trachtet. Kommt schon ziemlich unverhohlen und hard core-romantisch daher, das Ansinnen des Dichters, aus der besungenen Nacht noch etwas machen zu wollen: Zauberhafte Nacht. Die Zwillinge / Über der Frankfurter Skyline. Ich / Eingewickelt im eigenen Atem / Suche in deinen Augenblicken / Mein fremdes Antlitz, doch es weht / Dein Atem vom Norden her / Verfängt sich unterm Hemd und /Zauberhafte Nacht. /…/

rbk: kalte stadt das. herr schindel wohlverpackt im weihnachtsmanngewölle seines odems, eine stehende welle wasserdampf, eine eigen-inhalation. da heraus das suchen nach der betrachtung durch jene, von der wir annehmen dürfen dass es ein mädel sei, gefährtin oder bekanntschaft, womöglich eine sich anvertrauende jungdichterin an den wolkigen lippen /…/: fahren Sie mal nach frankfurt am main und sehen sich dort die messemiezen an, werden Sie sehen. ob eine solche bei schindel steht? von kastor und pollux zu reden könnte freilich höher zielen als auf kleine tode unter freiem himmel /…/ – nein, zunächst scheint auf in deinen Augenblicken mein fremdes Antlitz, also doch im anderen, dem sterblichen im göttersagenbild, sich selbst wieder-erkennen wollend, durch den nebel von selbst hindurch. nicht aber nur sich, sondern sich als einen anderen, Sie erinnern diese denkfigur, dieses kasperl der sonderung, /…/ also die sich-selbstfremde dichtschindel mit sich in den augen einer anderen im kalten effeffem, umgeben von der selbstgehauchten nebellinse unter den sternen, die ihm richtung zu weisen vermögen, denn es weht Dein Atem von Norden her, /…/ – ein klimatisches rätsel, oder mag sein dass die andere spricht, was zu sagen versucht, ins suchen des schindeldichters von fremdem selbst hinein, kommt ja gerne vor dass eine was sagt & er nur augen für die augen hat, mal wieder nicht hören will sondern was fühlen, und schon Verfängt sich das unterm Hemd und / zeilenwechsel / Zauberhafte Nacht, ach je, wie kommt der atem unters hemd wenn schindel da doch eingepackt steht, hoffentlich nicht nur ins dünne hemd seines atems? sollte ers sich aus der hose gezogen haben, oder im akt des hosenherunterlassens sich der atmende mund der anderen auf jene höhe hinab begeben haben, um von da her sich zu verfangen, was allerdings eine zauberhafte nacht ergäbe, blowjob vor der frankfurter skyline, ins unendliche gedehnter schreibstifterlmoment vor den fragilen geldtürmen, magic erection vor dem cashflow den bach runter, ganz bei sich im lyrischen nebel, mit mama leda als gütigem sprachmütterlein… Kastor und Pollux Eingesternt in den Ewigkeiten. wir haben nachgesehen, wann herr schindel das gedicht geschrieben haben mag, es entstammt einem gedichtband namens lyrik. ein feuerchen im hintennach, der die 1986-1991 verfassten gedichte des autors versammelt. seine wiederverwendung im in der ZEIT adressierten gedichtband mit dem vorwort andré hellers ist also verbringung in ein zwischenlager, nicht notwendig die endlagerung im fallfesten kastorkasten. diese zeitverortung ist insofern von belang, als zwischen dem hbf f.a.m. und dem messe-gelände das sogenannte forum frankfurt errichtet worden ist, bestehend aus den einander zugewandten bürohochhäusern mit welchen namen wohl? kastor und pollux naturgemäss, errichtet von 1994 bis 1997, was wieder mal belegen hilft wie einflussreich die dichtung ist: kaum kommt schindel unter sternen bauen sie zur erinnerung doppelhaushälften, wohin der samen gefallen wäre er nicht im atem geblieben. der sterbliche kastor 130 meter hoch den unsterblichen pollux von gerademal 95 metern überragend auf den ehemaligen ebert-anlagen, die heute allerdings platz der einheit 1+2 als adresse angeben, was uns die dioskuren auf deutschdeutsche ebene hebt, dahin also schindel sein fremdes antlitz leuchten lässt durch den stossnebel um seinen leib, & auf der einheitswiese, entnehmen wir den homepages der türmchen, „wird mit dem Licht-Kunstwerk „Synergie“ des Schweizer Künstlers Christian Herdeg innerhalb der öffentlichen Grün- und Brunnenanlagen die Verbindung zwischen den beiden Gebäuden sym-bolisiert,“ das wird eine immer buntere szenerie: da atmet ein österreicher, dort flackert ein schweizer, und zwei büroanlagen machen in deutscher trauerarbeit, denn dass die komplett vermietet sind muss nicht vermutet werden. so pendelt pollux im shuttle eternity zwischen dem hades & der geselligkeit auf dem olymp für bruderliebe, ein feuerchen & im hintennach lyrik drüber. /…/

uw: Lieber Robert, ist dir eigentlich bewusst, dass Castor und Pollux, das Sternbild der Zwillinge, realiterweise gar keine gewesen sein durften, die Dioskuren? Schon Ledas Söhne, aber von verschiedenen Vätern. Nun, in der Antike war vieles möglich. Zeus als Vater von Pollux und, Tyndaros, wir erinnern uns, der eigentliche Mann Ledas, Vater von Kastor. Letzterer daher sterblich und starb auch, nach unzertrennlichen gemeinsamen Jahren mit seinem Bruder, nach den üblichen Raubzügen, Entführungen und Schlachten und hektoliterweise Griechen- und Barbarenblut, letztendlich durch die Hand Idas’, des Verlobten einer der Töchter des Leukippos und der Phoibe, deren Töchter sie allesamt zu rauben gedachten. Pollux war’s, der schneller zog und den Gefährten des Idas tötete, während Idas den Kastor erlegte. Aber alles halb so schlimm. Zeus erlaubte ihnen daraufhin gemeinsam und abwechselnd auf dem Olymp oder in der Unterwelt zu leben. Immer schon verehrt galten sie als Nothelfer in Schlachten, halfen aber auch gelegentlich aus Seenot. Ihre Darstellung erfolgte gern mit einem Pilos, einem spitzen Filzhut, und mit Pferden. Wusstest du das, Robert? /…/ Kastor und Pollux Eingesternt in den Ewigkeiten…

dhm: Entmythologisieren wir ihm dies Verhältnis zumindest für einen Moment: Castor, der zweithellste Stern im Sternbild der Zwillinge, auch bezeichnet als alpha-Gemini, ist zwar das einzig bisher bekannte Sechsfachsystem in unserer Milchstraße, so in meinem DUDEN-Lexikon von 1966, aber für sich genommen auch nichts anderes als nur ein Weißer Riese der Klasse V in der Hauptreihe, wohingegen Pendant Pollux, auch beta-Gemini genannt, aus eben jener Helligkeitsreihe tanzt, noch heller, ein orangener Riese der Klasse III, und das eigentlich Besondere an Pollux ist, daß die Ewigkeit, die ihm hier angedichtet wird, in kosmischen Ausmaßen gedacht, nur lächerliche 13 Parsec von der Erde entfernt liegt. Na eben. /…/

uw: Wir aber / Aber wir. Ach wir. Wir beide / Zuluste und zuleide. Lieber Robert, dein Lied, so ein Lied, funktioniert doch schlussendlich, ist doch immer wieder, schneidet doch ab wie ein Schlüpferstürmer, oder. Findest du nicht? Ich will dir nicht dein Spiel verderben, schließlich hat es ja andauernd und anhaltend gut funktioniert, 18, 19, 20, aber wer sind die, die so angesprochen werden wollen, Robert? Die gäbe es genug, höre ich dich und ahne ich still – und nummerierst du gleichwohl vor. Schindels Liste? /…/ Nochmal: Es ist von einer anderen Person schon noch die Rede, sie bleibt aber, wenn auch als kurzweilig Angebetete/Angebeteter so doch das Opfer, das Gejagte, das Reh, die Nummer 18. Natürlich suchst du, Robert, nur in den Augenblicken des oder der Fremden dein Antlitz. Ich übersetze: Dein Spiegelbild im Augapfel des/der Fremden. Nur schön an der Oberfläche bleiben und spiegeln, Robert. Ein Blick in die Augen wäre dann auch zuviel. Das Höchste was du nun setzt ist dein gönnerhaftes Wir. Aber vorsichtig, du kennst dich, Wir aber, sagst du, geschickt gefolgt von Aber wir. Jetzt gehst du über dich hinaus, beinahe wäre dir doch ein ’du’ herausgerutscht, während du endest mit Ach wir. Wir beide. Posaunen, Robert. Das war weit über dich hinaus.

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