Archiv des Autors: entwerter

Über entwerter

Autor, Verleger, Herausgeber, Kurator, Auktionator

Uwe Warnke: Vortrag in den USA, 2019

Künstlerzeitschriften aus dem ostdeutschen Untergrund der 1980er Jahre unter besonderer Berücksichtigung von ENTWERTER/ODER und den Sonderausgaben

Kurzversion

Die illegal publizierten original-grafischen Künstlerzeitschriften waren ein Sammelbecken für junge Kunst und literarische Experimente. Sie waren das Kommunikationsmittel einer Szene, die sich jenseits staatlicher Strukturen zu organisieren begann.

Uwe Warnke, Gründer und langjähriger Herausgeber der ersten original-grafischen Künstlerzeitschrift im DDR-Untergrund beschreibt anhand umfangreichen Bildmaterials die Bedingungen, Anlässe, Ausdruckweisen, Konkurrenzen und staatlichen Einflussnahmen dieses Stückes Kulturgeschichte.

 

Künstlerzeitschriften aus dem ostdeutschen Untergrund der 1980er Jahre unter besonderer Berücksichtigung von ENTWERTER/ODER und den Sonderausgaben

Langversion

Eine junge Szene bildender und darstellender Künstlerinnen und Künstlern, Autorinnen und Autoren, Musikerinnen und Musikern begann Anfang der 1980er Jahre sich jenseits staatlicher Strukturen zu organisieren. Der Ausstieg aus dem Dialog mit dem Staat war folgerichtig, da der Staat mit seinen Institutionen es nicht vermochte, die heranwachsende Künstlerschaft für seine Ziele zu interessieren und somit zu integrieren. Auf der Suche nach eigenen Möglichkeiten entstanden Künstlerzeitschriften, fanden Ausstellungen und Lesungen in Wohnungen, Hinterhöfen, auf Dachböden und in Kirchen statt. Auf der Suche nach Austausch und Dialog mit Gleichgesinnten entstanden erste Künstlerzeitschriften in kleinen Auflagen, selbst gedruckt, gebunden, herausgegeben und verteilt. Jeder der mitmachte erhielt ein Exemplar. Die Teilnehmerzahl war mit der Auflagenhöhe begrenzt. Diese illegal publizierten original-grafischen Künstlerzeitschriften waren ein Sammelbecken für junge Kunst und literarische Experimente. Sie waren das Kommunikationsmittel. Profis, Amateure und Laien fanden hier mit ihren Arbeiten Zugang und nebeneinander Publikationsmöglichkeiten. Das Besondere: es gab keine kommerziellen Interessen!

ENTWERTER/ODER (E/O) war die erste original-grafischen Künstlerzeitschrift im DDR-Untergrund. Die ersten 20 Ausgaben erschienen ohne spezielle Vorgaben. Auf der Suche nach größerem inhaltlichem Zusammenhalt pro Ausgabe wechselten sich thematische und nicht-thematische Ausgaben ab. Eine Spezialisierung auf den bildkünstlerischen und literarischen Bereich der Visuellen Poesie setzte durch das Interesse des Herausgebers ein. E/O zeichnete insbesondere aus, dass sie sowohl in der Form wie auch den Inhalten jeglichen Experimenten weit offenstand.

Eine weitere neue Qualität bei der Herausgabe stellten ab 1984 die Sonderausgaben dar. Sie boten die Möglichkeit, sich einem Ereignis, einer Künstlergruppe oder einer einzelnen Kunstform speziell zu widmen. Die Fotografie spielte von Anfang an eine feste Rolle. Fotografie findet sich als Informationsträger einer nicht-öffentlichen Wirklichkeit als auch in allen Formen künstlerisch-subjektiver Äußerungen (subjektive Fotografie, Konzeptuelle Fotografie, Experiment usw.). So darf es nicht wundern, wenn ab 1987 Sonderausgaben (gemeinsam herausgegeben mit Kurt Buchwald (Fotograf)) zur Fotografie erschienen (bis 1990 vier Ausgaben).

Vielfach stellte für die Teilnehmende eine Mitarbeit an der Künstlerzeitschrift auch die Weichen für spätere Buchkunstprojekte.

Der Einfluss der Künstlerzeitschriften ging weit über die Herausgeber und Mitmacher hinaus. Sie wurden unter den Initiatoren getauscht (so entstanden nebenbei kleine Sammlungen), von den Teilnehmenden ausgeliehen und weitergegeben.

Alfred Döblins Bemerkung zu den Kunstzeitschriften der 1920er Jahre in Berlin, deren Einfluss (Zitat) „über vier Häuserblocks nicht hinaus ging“, kann in den 1980er Jahren zumindest auf 100 Häuserblocks erweitert werden.

Uwe Warnke, Gründer und langjähriger Herausgeber der ersten original-grafischen Künstlerzeitschrift im DDR-Untergrund beschreibt anhand umfangreichen Bildmaterials die Bedingungen, Anlässe, Ausdruckweisen, Konkurrenzen und staatlichen Einflussnahmen dieses Stückes Kulturgeschichte.

German Studies Association – Forty-Third Annual Conference 2019

CFP: GSA Panel (Portland, OR, October 3-6)

DDR 1980-1989: Structure, sequence, dynamics, and mediality of 1980s East German artists books
In the 1980s, the last decade of the German Democratic Republic, East German art witnessed an extensive production of artists books (Künstlerbücher) and unofficial magazines made throughout polycentric artistic networks, collaboratively and across media. Disrupting the conventional illustrated book distinction between image and text, these artist groups were highly interdisciplinary, combining printmaking, poetry, photography, and collage in innovative and dynamic ways. Ranging from high-end limited editions to the forerunners of today’s zines, these groups‘ experimental publications were produced mostly by small independent presses (Eigenverlage) working beneath the surface of the official artistic canon, but were ultimately canonized by book scholars such as Jens Henkel, whose bibliography DDR 1980-1989: Künstlerbücher und originalgrafische Zeitschriften im Eigenverlag is now one of the most authoritative reference works on the genre.

According to Johanna Drucker’s The Century of Artists’ Books (2004), 20th-century artists books fall into categories such as auratic objects, verbal explorations, narratives/non-narratives, agents of social change, conceptual spaces, documents, or democratic multiples, among others. Building on Drucker’s methodology, this panel will begin to tackle these fascinating yet understudied cultural artifacts by investigating what might constitute an artist book with regard to its structure, sequence, dynamics, and mediality. In addition, it will examine how these highly collaborative and interdisciplinary East German works may or may not fit within the categories established by Drucker for the genre of 20th-century artists books in a broader transnational context on either side of the Iron Curtain.

Who were the artists, publishers, printers, distributors, and audiences who played a major role in the flourishing of this genre in 1980s East Germany? How can the sequential narrative in these books be interpreted? What kind of distance did these authors and artists assume in relation to state power? How did they engage with past and contemporaneous cultural currents, including the avantgarde and dissident cultural movements across the political spectrum? Was the interdisciplinary, collaborative approach to this genre unique to the GDR? If so, what political, economic, and cultural circumstances might explain this? And if not, what transnational resonances exist between these artifacts and analogous enterprises abroad?

This interdisciplinary panel aims to convene scholars who have studied these Eigenverlag Künstlerbücher/originalgrafische Zeitschriften from varied yet intersecting perspectives, individually or collectively; it also seeks to bring the Eigenverlag Künstlerbücher und Zeitschriften of the Getty Research Institute (Los Angeles, CA) into dialogue with the holdings in other collections/archives across the Atlantic. Topics may focus on poetry and literature, graphic/visual arts, printmaking, photography, alternative art spaces, printing presses, galleries, and artists books production, all of which should be discussed in relation to the GDR and/or its transnational contexts.

Organizers:
Anna Horakova, College of William & Mary
Isotta Poggi, Getty Research Institute
Further information about the GSA conference can be found here: www.thegsa.org/conference/current-conference
PS. If you cannot connect to the hyperlink above for the Eigenverlag holdings of the Getty Research Institute, please copy and paste in the browser the link below (or contact us):
http://primo.getty.edu/primo_library/libweb/action/search.do?srt=title&srtChange=true&frbg=&rfnGrpCounter=1&vl(96033584UI1)=all_items&fn=search&indx=1&dscnt=0&vl(1UIStartWith0)=contains&scp.scps=scope%3A(GETTY_EAD2)%2Cscope%3A(GETTY_NEWBOOKS)%2Cscope%3A(GETTY_ROSETTA)%2Cscope%3A(GETTY_ALMA)&vl(21781791UI0)=any&vid=GRI&mode=Basic&fctV=GRI%20Special%20Collections&ct=facet&rfnGrp=1&srt=lso01&tab=all_gri&fctN=facet_local2&vl(freeText0)=henkel%20ddr%20&dum=true&dstmp=1546102347524

1. Staffel 2014/2015

In einem anderen Land     1. Staffel 2014/2015

Transformationsprozesse an Beispielen zeitgenössischer bildender Kunst in Deutschland

Ein Interviewprojekt von Gabriele Muschter und Uwe Warnke, 2014 – 2015
Wir gingen der Frage  nach, welchen Einfluss gesellschaftliche Umbrüche auf das künstlerische Werk und die Biografie haben.
Es wurden Interviews mit 26 Künstlerinnen und Künstlern, Kunstvermittlern, Kunstwissenschaftlerinnen und Kunstwissenschaftlern geführt.

Gedreht in FullHD
Technische Betreuung: Olaf Voigtländer

Eine Chance für die Avantgarde gibt es immer
Gunar Barthel, Galerist, Berlin, 28:41 min.

Der Zeit entsprechen, in der ich lebe
Horst Bartnig, Maler/Grafiker/Plastiker, Berlin, 34:43 min.

Es gibt mehrere Weltbilder nebeneinander
Rainer Beck, Kunsthistoriker, Dresden, 45:19 min.

An Geschichtsprozessen teilnehmen
Kornelia von Berswordt-Wallrabe, Kunsthistorikerin, Schwerin, 52:21 min.

Man hatte unerhörte Konflikte
Lothar Böhme, Maler, Berlin, 35:25 min.

Fotografieren verboten
Kurt Buchwald, Fotograf/Aktionskünstler, Berlin, 39:18 min.

Beheimatet bei Dix
Hubertus Giebe, Maler/Grafiker, Dresden, 37:34 min.

Ich denke über künstlerische Freiheit nie nach
Moritz Götze, Maler, Grafiker, Halle/Saale, 48:35 min.

Hineinbegeben in Spannungsfelder
Johannes Heisig, Maler/Grafiker, Berlin, 39:10 min.

Neu nachdenken über die eigene Sichtweise
Michael Jastram, Bildhauer, Berlin, 28:02 min.

Es war immer spannend, wenn du im Osten bliebst
Gregor-Torsten Kozik, Maler/Grafiker, Chemnitz, 38:06 min.

In meinem näheren Umfeld finde ich meine Themen
Oskar Manigk, Maler/Grafiker, Ückeritz/Usedom

Als Mensch war ich eingemauert – im Kopf war ich frei
Michael Morgner, Maler/Grafiker, Chemnitz, 42:25 min.

Ich habe keine Erwartungen
Osmar Osten, Maler/Grafiker, Chemnitz, 41:14 min.

Man konnte sich vor Irrtümern bewahren
Ronald Paris, Maler/Grafiker, Rangsdorf b. Berlin, 55:27 min.

Freiheiten, die man sich genommen hat
Helga Paris, Fotografin, Berlin, 29:32 min.

Vielleicht haben wir ein bisschen Wahrheit ins Land gebracht
Thomas Ranft, Grafiker, Chemnitz, 39:33 min.

Ich möchte in meine Bilder hineingehen
Dagmar Ranft-Schinke, Malerin/Grafikerin, Chemnitz, 47:02 min.

Es war eine absurde Situation
Rudolf Schäfer, Fotograf, Halle/Saale, 54:13 min.

Glas ließ meine Malerei räumlich werden
Gerd Sonntag, Maler/Zeichner, Glasskulpteur, Berlin, 30:22 min.

Ich bin ein Mann für ausweglose Fälle
Klaus Staeck, Grafiker/Plakatkünstler, Heidelberg und Berlin, 45:00 min.

Die figürliche Malerei war mir fremd
Erika Stürmer-Alex, Malerin/Bildhauerin, Lietzen b. Frankfurt/Oder, 38:40 min.

Das Individuum muss sich jeden Tag behaupten
Steffen Volmer, Maler/Grafiker, Chemnitz, 36:20 min.

Wir müssen das Bild unserer Zeit finden
Matthias Wegehaupt, Maler und Schriftsteller, Ückeritz/Usedom

Der Künstler wird erst existent, wenn er den kleinen Umkreis verlässt
Claus Weidensdorfer, Maler/Grafiker, Radebeul b. Dresden, 27:27 min.

Ich habe mich nie als Sammler bezeichnet
Gerhard Wolf, Schriftsteller und Verleger, Berlin, 59:07 min.

 

Diese Filme sind Forschungsmaterial. Sie sind archiviert in der SLUB Dresden, dem Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig, dem Bundesfilmarchiv.

Eine zweite Staffel mit Interviews ist in Arbeit. Ende 2016 werden ca. 50 Interviews vorliegen.

2. Staffel 2015/2016

In einem anderen Land     2. Staffel 2015/2016

Transformationsprozesse an Beispielen zeitgenössischer bildender Kunst in Deutschland

Ein Interviewprojekt Teil 2 von Gabriele Muschter und Uwe Warnke, 2015 – 2016
Wir gingen erneut der Frage  nach, welchen Einfluss gesellschaftliche Umbrüche auf das künstlerische Werk und die Biografie haben.
Es wurden Interviews mit 25 Künstlerinnen, Künstlern und Kunstwissenschaftlern geführt.

Gedreht in FullHD
Technische Betreuung: Olaf Voigtländer

 

Im Zeitraum 2015/2016 haben wir untenstehende Interviews abgedreht. Im Herbst 2016 wurden sie in eine Rohschnittfassung gebracht und an die Archive sowie an die Künstlerinnen und Künstler übergeben.

Die nationale Zugehörigkeit spielt keine Rolle mehr
Karl-Heinz Adler, Maler/Grafiker und Konzeptkünstler, Dresden, Länge: 38 Minuten

Künstlerische Freiheit liegt tief in einem selbst
Tina Bara, Fotografin, Berlin & Leipzig, Länge: 38 Minuten

Das Dilemma der Avantgarde sind die Sackgassen
Eduard Beaucamp, Kunstkritiker, Frankfurt/M., Länge: 51 Minuten

Man sollte die ungleichen Brüder nicht ungleich lassen
Albrecht von Bodecker, Gebrauchsgrafiker, Berlin, Länge: 45 Minuten

Wenn was nicht bezahlbar ist, ist es nicht machbar
Manfred Butzmann, Grafiker, Potsdam-Bornim, Länge: 48 Minuten

Am Ende kann auch der Gescheiterte Sieger sein
Hartwig Ebersbach, Maler/Grafiker, Leipzig, Länge: 56 Minuten

Ich finde es wichtig, dass man die Seele des Werkes erwischt
Achim Freyer, Regisseur, Bühnenbildner und Maler, Berlin, Länge: 42 Minuten

Wir wollten weder Multimillionäre noch Bettler hier haben
Sighard Gille, Maler/Grafiker, Leipzig, Länge: 59 Minuten

Die Stasi-Akten vergiften alles
Eckhart Gillen, Kunsthistoriker und Kurator, Berlin, Länge: 59 Minuten

Ich wollte dieses Anderssein für mich haben
Hans-Hendrik Grimmling, Maler/Grafiker, Berlin, Länge: 60 Minuten

Es war eine neue Situation
Annette Gundermann, Malerin/Grafikerin, Berlin, Länge: 26 Minuten

Ohne Kunst sind wir gar nichts
Sabina Grzimek, Bildhauerin, Berlin, Länge: 26 Minuten

Man hatte am Anfang das Gefühl: Jetzt geht’s los!
Angela Hampel, Malerin/Grafikerin, Dresden, Länge: 45 Minuten

Das Wirklichkeitserlebnis ist mir wichtig
Friedrich B. Henkel, Bildhauer, Berlin, Länge: 33 Minuten

Weltgeschichte ging durch uns hindurch
Sabine Herrmann, Malerin/Grafikerin, Berlin, Länge: 32 Minuten

Ich mache bis heute nichts, was ich nicht schon in der DDR gelernt habe
Peter Pachnicke, Ausstellungskurator und Publizist, Berlin, Länge: 69 Minuten

Die Bilder sind sehr viel stärker ideologisiert als früher
Manfred Paul, Fotograf, Berlin, Länge: 46 Minuten

Kunst ist schön in ihrem tieferen Sinn
Christian Rothmann, Maler/Grafiker und Fotograf, Berlin, Länge: 37 Minuten

Es gibt immer noch eine gläserne Decke
Hans Scheuerecker, Maler/Grafiker, Cottbus, Länge: 27 Minuten

Ohne soziale Absicherung gibt es keine Freiheit
Robert Schmidt-Matt, Bildhauer, Berlin, Länge: 39 Minuten

Meine Haltung zur DDR-Kunst war immer problematisch
Jürgen Schweinebraden Freiherr von Wichmann-Eichhorn, Galerist und Publizist, Niedenstein/Hessen, Länge: 37 Minuten

Man muss Kunstgeschichte als Individualgeschichte betrachten
Christoph Tannert, Kunsthistoriker/Kurator, Berlin, Länge: 44 Minuten

Ich glaube, dass die Malerei einige Auferstehungen erlebt hat
Max Uhlig, Maler/Grafiker, Dresden, Länge: 62 Minuten

Ich bleibe bei der analogen Fotografie
Karin Wieckhorst, Fotografin, Leipzig, Länge: 38 Minuten

Die Verunsicherung macht produktiv
Berndt Wilde, Bildhauer, Berlin, Länge: 34 Minuten

Gefördert von der Bundsstiftung Aufarbeitung

Auch diese Filme sind Forschungsmaterial. Sie werden archiviert in der SLUB Dresden, dem Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig, dem Bundesfilmarchiv.

Frank Eißner

25 Jahre Frank Eißner Handpresse

Frank Eißner in Berlin. Da denken wir mal die Pleiße zur Spree. Egal. So oder so: Ostsozialisationen wohin man schaut. Letzteres macht erfinderisch. Geduld hat man da eh im Gepäck, auch wenn Leipzig und Berlin nicht zwingend deckungsgleich zu kriegen sind, aber tun wir mal so.
Da kommt nun glücklicherweise Kunst ins Spiel, und zwar solche, die in Büchern stattfindet, oder besser noch, die aus Büchern Kunstwerke macht. Und da, genau da, begegnen wir uns, der Leipziger und der Berliner. Verschiedene Formen der Selbstvermarktung sind es, die uns immer wieder mal gemeinsam auftreten lassen, nebeneinander, auf Sichtweite. So lernt man sich langsam kennen. Gelegentlich sitzen wir hinter für uns aufgestellten Tischen auf kleinen Kunstmessen und sehen den vorüber ziehenden Messebesuchern zu. Da vergeht Zeit, viel Zeit. Gut, in solchen sich dehnenden Stunden, in denen die Langeweile manchmal zu greifen ist, mit jemandem lachen zu können. Und etwas zu Lachen, gibt es bei den Begegnungen mit Frank Eißner, dem Sachsen, immer.
Wenn es so etwas wie die sächsische Romantik gäbe, wäre ich verführt, jetzt darüber zu reden. Aber, ist es Romantik, die gelegentlich in den Arbeiten Eißners Bild wird? Sie wissen ja, dass die der Romantik zuzurechnenden Künstler genaugenommen große Realisten waren. Diese Romantik meine ich. Vielleicht trifft aber auch der Begriff Sehnsucht die Sache besser. Weniger ein Bildwerden im Weltschmerz, mehr seine individuelle Variante. Mehr die Suche und Befriedigung eines oder mehrerer Grundbedürfnisse. So etwas wie menschliches Miteinander, die Frage nach seinen Bedingungen. – Und immer ist da Eißners Streben nach Harmonie zu erkennen, ist die Emotionalität seiner Herangehensweise unübersehbar, die gelungene Form ihm ein Mittel.
Wir reden von Holzschnitten. Es sind hier nicht die in harten Kontrasten von Schwarz und Weiß expressionistisch ins Feld geführten Aufrüttelungen. Wir erleben eben nicht das sehr deutsche Fach desselben. Die Klasse Eißners zeigt sich in der Fort- oder Weiterführung der Idee von Holzschnitt und der Auslotung seiner technischen Möglichkeiten heute. Eine Voraussetzung dafür sind die großen technischen Fertigkeiten die der Künstler unter anderem an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig Ende der 1980er Jahre erlernt, angenommen und bis heute weitergepflegt hat. Er sagt selbst: „Der Sprung zum Holzschnitt war nicht sehr groß.“ Dass er, der Malereistudent, von Temperamalerei und dem Tafelbild kommend, nach dem Wechsel in die Grafikklasse zu Rolf Kuhrt diese flächigen und räumlichen Auffassungen sich bewahrt und in das neue Handwerkliche eingepflegt hat, können wir bis heute genießen. Daher kommt seine zweite Stärke: die Farbe. Hier sind es die Kombinationen von gesetzteren Pastell- bis zu gedeckten Umbratönen. Das funktioniert, wie wir sehen, wunderbar im Neben- und Übereinander.
Manchmal sind die Stöcke so fein gedruckt, dass , wenn man es nicht besser wüsste, man einen Augenblick lang an Lithografien zu denken versucht ist. Als wäre Eißner in seiner täglichen Arbeit herausgefordert zu beweisen, dass der Holzschnitt, jenseits von Härte und Aufschrei, zahllose Möglichkeiten hat. Seit Jahren nutzt er die zarte Maserung von Pappelholz. Sie kommt ihm beim flächigen grafischen Einsatz und der Subtilität der von ihm gewünschten Aussage sehr entgegen, unterstreicht die Feinheiten und das eben Nicht-Laute seiner Bildauffassung. Das geht Hand in Hand mit dem von ihm ausschließlich genutzten feinen Japanpapier. Das heißt nicht nur so, das ist auch von dort. Vielleicht ist dies auch ein kleiner Hinweis auf eine Tradition, die ihm nicht unwichtig ist.
Dabei sind seine Drucke immer über die Verlorene Form entstanden. Sie wissen was das ist? Vielleicht so viel: auf ein- und demselben Druckstock wird nach jedem Druck, also nach jeder einzelnen Farbe, weitergeschnitten, bis alle notwendigen Farben gedruckt sind und die Blätter fertig. Dabei hat sich der Druckstock Stück für Stück so verändert, dass er sich selbst zerstört hat. Neben der gründlichen vorbereitenden Überlegung, in welcher Reihenfolge zu schneiden und die Farben zu drucken sind, hat es den Effekt, dass ein Nachdruck der Blätter somit nicht möglich ist. Etwas, das von Sammlern sehr geschätzt wird.
Neben dem Zeichnerischen, dem Malerischen und der Farbe gibt es noch die Schrift, die Eißner nicht nur häufig in die Blätter integriert, nein, er schneidet sie auch selbst. Es handelt sich zumeist um einen Negativschnitt; seitenverkehrt herausgeschnitten aus dem Holz also. Diese anfänglich aus der Not geborene Lösung, in Ermangelung an Platz in seiner Leipziger Werkstatt für Schriften und Schriftkästen, ist längst aus der Grafik Eißners nicht mehr wegzudenken. Wir finden sie u. a. auf seinen original-grafischen Künstlerplakaten oder in seinen Büchern zu Paul Celan, Jeanne d’Arc,, Novalis (um nur einige zu nennen) und seinen jährlichen Grafikkalendern.
Jetzt, im 25sten Jahr der Eißnerschen Handpresse, ist auch der Leipziger Bibliophilen-Abend, ein Verein u. a. zur Pflege und Hebung der Buchkultur, auf ihn aufmerksam geworden und wird 2014 „Der goldene Topf“ von E.T.A. Hoffmann in der Gestaltung von Matthias Gubig mit 5 Farbholzschnitten von Frank Eißner herausgeben. Glückwunsch.
Doch bis dahin wartet noch die eine oder andere Buchmesse auf uns. Auch dort werden wir uns wahrscheinlich wieder begegnen. Aber erstmal freue ich mich über eine der eher seltenen Ausstellungen mit Arbeiten von Frank Eißner in Berlin. Viel Spaß beim Rundgang. Genießen Sie sie.

Uwe Warnke

Schmetterlingshorst, Berlin
10. August, 2014, 15 Uhr

Carlfriedrich Claus

guillermo deisler und ich waren, es muss etwa 1993 gewesen sein, zu einer lesung in annaberg-bucholz eingeladen, der stadt, in der auch carlfriedrich claus lebte und auf den wir zu treffen hofften. der anlass war eine ausstellung in der dortigen städtischen galerie an der wir beide beteiligt waren. wir waren gespannt, ob claus denn komme würde.

die galeristin, brigtte milde, erfreut über unser rechtzeitiges erscheinen in ihren räumen, beschrieb nach einigen unserer fragen auch die nach der lage clausscher wohnung. Ja, dort, schräg gegenüber, vielleicht einhundert meter von der galerie entfernt, wohne er. fast zeitgleich wurde uns von ihr auch eine postkarte überreicht, die auf dem amtlichen, nämlich dem postwege, die galerie taggenau erreicht hatte. eine postkarte von carlfriedrich claus, fast auf rufweite von hier geschrieben, an uns gerichtet mit der bitte um verständnis seines heutigen ausbleibens; dass er an einer größeren arbeit säße, diese nicht unterbrechen wolle und deshalb also auch am abend nicht kommen werde. er wünsche uns natürlich gutes gelingen …

 

Uwe Warnke

Kurt Buchwald

Kurt Buchwald und Claus Bach: STUNTS im Museum Junge Kunst, Frankfurt / Oder

Kurt Buchwald. Claus Bach. Stunts. Stunts? Im Museum? Warum? Was ist da so gefährlich? Und für wen? Sind die Künstler die Stuntmen oder haben dieselben um Unterstützung angesucht? Bei wem? Wer macht wem etwas vor? Sind wir die Zuschauer oder sind wir Akteure? Übernehmen wir, das Auditorium, eine Ersatzhandlung an Stelle der gesamten Öffentlichkeit? Ersatzhandlungen? Dazu vielleicht später mehr. Das Spiel ist offen und beide Künstler geben uns mit diesem Titel eine Handreichung doch nachzufragen, mit wem und womit wir es hier denn tatsächlich zu tun haben. Gibt es auch da mehrere Möglichkeiten? Claus Bach, woran erinnert Sie dieser Name? Noch dazu in einem Museum, welches an der Bach-Straße liegt und unweit eines großen Flusses? Richtig, an den Autor gleichen Namens der nicht vergessenen Bücher „Rugby verständlich gemacht.“ oder „SportRegeln: Rugby Die offiziellen Regeln.“ oder einfach „Rugby“ (alle 1992 erschienen). Und Buchwald? Vom Wald einmal abgesehen, welcher Sportsmann ist da gemeint? Oder doch das Café gleichen Namens in Berlin Tiergarten unweit der Spree mit dem hochgerühmten, nach Cottbuser Variante, schwerer als die Salzwedeler Art übrigens, seit 1852 hergestellten Baumkuchen? War das schon die erste Werbeunterbrechung? Hilft uns das weiter?

Zwei Fotografen, zwei Künstler, die sich aus den subkulturellen Zusammenhängen der 80er Jahre in der DDR kennen. Beide damals binnen kurzem auf der Suche nicht nur der Enge der Verhältnisse sondern auch dem scheinbar Festgefügten künstlerischer Vorstellungen der Altvorderen zu entkommen. Dabei gibt es große Schnittmengen. Beiden reicht schon bald das fotografische Einzelbild nicht mehr, Bildserien folgen. Deren logische Folgerungen und nächste Schritte sind, fast zwangsläufig, der Film, das Video. Objekte fallen an. Sie sind innehaltende Geste, Performancerest, dinggewordene Idee, Wegmarkierung. Mehr als Störfeld denn als Orientierungshilfe. Diese Logik heißt nicht, dass das Eine das Andere ablöst. Die Dinge behaupten sich und ihren Platz und zwar nebeneinander. Wahrnehmungen und Wahrnehmungsmuster werden untersucht. Das verbindet.

Wahrnehmung: Form der ideellen Widerspiegelung der objektiven Realität vermittels des Zentralnervensystems der Tiere und der Menschen. Da haben wir’s. Ohne sie kein Überleben. Sie ist dem Leben wesenseigen. Was übrigens ständig als bedingt reflektorischer Akt nach dem Prinzip der Rückkopplung in Teilen der Großhirnrinde passiert, als Synthese von Reizen aller Rezeptoren. Es steht also gar nicht die Frage im Raum, ob wir diese Mittel der Weltaneignung, die uns zur Verfügung stehen, einsetzen oder einzusetzen bereit sind. Wir tun es unablässig – es passiert.

Dennoch ist Täuschung möglich! Wie wir wissen, sind wir zumindest hinreichend genug geschützt, da unsere Wahrnehmung einen bewussten Charakter hat und diese mit den bereits erworbenen Erfahrungen korreliert. Wir schaffen so Abbilder der objektiven Realität, vermittelt durch die eigene subjektive Erkenntnistätigkeit. Sie sehen, es handelt sich um eine Einheit von Objektivem und Subjektivem. Das ist Wahrnehmung. Wir können ohne sie nur sehr eingeschränkt sein. Wir nehmen alle permanent wahr. Und zwar mit allen Sinnen. Ein Sonderfall ist diese Situation hier heute Vormittag in der wir alle vorgeben, an demselben wahrzunehmen bereit und interessiert zu sein. Deswegen sind wir ja schließlich hier. Das schöne daran ist nun, das die Ergebnisse dessen nicht dieselben, ja nicht einmal die gleichen sind, sich vielleicht nicht einmal ähneln. Sie sind genau so viele male verschieden, wie wir Besucher hier sind. So sind wir. So ist der Mensch. So ist die Welt.

Das bringt eine Menge Probleme mit sich, sorgt aber auch für Abwechslung. Wir sind immer wieder dabei dies erneut zu lernen. Unsere Mittel: Vertrauen, Geduld, Wiederholung, Kommunikation. Im Mittelpunkt dieser Ausstellung stehen Videos. Stehen? Sie stehen nicht, sie laufen, also die Bilder. Sie merken schon, es ist schwierig. Unsere Sprache läuft den Ereignissen hinterher. Ein Video muss wiederholt werden, damit es präsent bleibt. Es ist zur Wiederholung gezwungen. Dies scheint eines seiner Prinzipien zu sein. Weil sich in ihm Bilder aneinanderreihen, sie nacheinander entstehen und wieder verschwinden und dabei schließlich Zeit vergeht. Es hat dadurch mehr mit Musik zu tun, mit Theater auch. Das das Zeit braucht ist uns immer etwas unangenehm. Da wird uns etwa eine Verweildauer vorgeschrieben. Einem anderen Kunstwerk, einer Plastik, einem Bild würden wir die Wiederholung als inhärenten Bestandteil gar nicht unterstellen wollen, nicht wahr? Dabei vergeht doch bei der Wahrnehmung desselben ebenso Zeit. Nur, weil wir, was die von uns aufgewendete Zeit angeht, selbst entscheiden können, Zeit als Wahrnehmungsdauer nicht implantiert scheint, urteilen wir hier anders. Würde man diese Zeit allerdings auch solchen Kunstwerken zuschreiben, natürlich nach bestem Wissen und Gewissen eines Kurators oder vielleicht sogar nach einer Empfehlung des noch lebenden Künstlers, wie wären wir irritiert und würden von Anmaßung sprechen. Ein Beispiel? Vielleicht so: Peter Herrmann „James Ensor träumt Magritte“, 2006, 7 Minuten. Das wäre doch merkwürdig, oder. Man würde schnell Demokratie im Museum einfordern und von Freiheit reden usw.. Also: … Stunt, englisch. Wir schlagen nach: Bedeutung 1 – 1. hemmen (im Wachstum, in der Entwicklung etc.) 2. verkümmern lassen, verkrüppeln Und Stunt, englisch. Bedeutung 2 – 1. Kunststück, Glanzstück, Kraftakt; 2. Sensation a) Schaunummer, b) Bravourstück, c) Schlager Wie bekommen wir das zueinander? Nur zusammengenommen interessiert uns das. Ist es nicht so, dass unsere Fähigkeiten verkümmern, wenn uns alles abgenommen wird und wenn wir uns alles abnehmen lassen. Und dies zu dem, wenn uns dann von irgendwelchen Leuten genau dies vorgemacht wird, und zwar perfekt. Eine Stellvertreterhandlung die abschreckt. Eine Täuschung, die mit unserem Leben nichts zu tun hat. Eine Irritation, die ein Double erzeugt, das wir nicht brauchen, aber andere vielleicht benötigen, zumindest etwas schlaglichtartig deutlich macht. Also ein Spiel.

Buchwald ordnet ganze Werkgruppen unter einem „Kreis der Wahrnehmung“. Was wir hier sehen gehört ausnahmslos dazu. Die drei Kästen mit den Installationen, die jeweils nur das Hineinsehen einer Person zu lassen: – embryonaler Grund: rundes, grünes Unbekanntes. Wie ein Blick zurück in die Ursuppe. Erhalten wir hier Zeugnis vom Beginn des Lebens? – inkonto / Begegnung: Buchwald sucht Orte der Kindheit auf: Schatten auf einer Wiese, Spiegelung im Elbwasser, eine Hauskante, eine Brustwarze? Erinnerungsort? Sehnsuchtsfolie? – mundi circolare: scheinbare und reale Erdbeobachtungen / egal wo / erneut finden wir hier Hinweise auf Elementares, auf fremde Welten / verbrannte Böden 2 Objekte – Große Scheibe. Die in unsere Wirklichkeit gestellte große Blende eines Fotoapparates, die mehr verstellt als offen legt und doch durch den erzwungenen Ausschnitt uns zur Konzentration zwingt. Die Frage die sich dabei einstellt: Was leistet Fotografie und was eben nicht? – Der Hofstaat / Röhrenstaat: Müssen Sie auf der einen Seite nicht auch an die Dekadenz des grünen Gewölbes in Dresden und zwar an „Der Hofstaat des Großmoguls Aureng Zeb“ von Johann Melchior Dinglinger von 1701 – 1708 denken? Und auf der anderen Seite? Die gewollte, durch die Medien hergestellte Einschränkung unserer Wahrnehmungsfähigkeit.

Claus Bach zeigt uns hier einige seiner „Instant“ genannten Objekte. Ich schrieb dazu vor einiger Zeit folgendes: Der nächste Schritt beim Sezieren der die Menschen gestaltenden Verhältnisse, wurde beginnend mit der Serie „Instant“ vollzogen. Vom Lebendigen bleibt der Ein- oder auch Kleinzeller übrig. Begriffen als etwas Ursprüngliches, hängt er hier abgebildet auf Positivfilm zwischen Metallstangen, über denen sich „Nachrichten“ der als strategisches Weichziel begriffenen Kreatur Mensch im Kreise drehen. Das Lesen der Tafeln gelingt nicht. Die Kreisbewegung ist zu schnell, um den Text zu erfassen. Die Mühe darum wird nicht belohnt. Und nicht zuletzt das Video: Weimarer Stadtrundfahrt Wir sehen die Bilder der Fahrt einer Spezialkamera durch die Weimarer Kanalisation. Dabei hören wir die Stimme einer Weimarführerin, die uns links und rechts mit den weithin bekannten Immobilien der Weimarer Klassik bekannt zu machen glaubt. Die Weimarer Verhältnisse, dieser musealen Kruste, diesem verwalteten ewig rückwärtsgewandten Totenkult, so statisch wie statistisch auf diese Weise zu unter„wandern“ , bedurfte einer Ironie auch gegenüber der eigenen Herkunft und schuf so eine Parodie, die in Weimar für Aufregung sorgte und ansonsten für Übersetzungen ins Spanische, Englische und Italienische. Und aufgepasst: die Orte der Bilder im Untergrund sind mit den tatsächlichen Orten über diesem, von denen die Rede ist, in Kongruenz gebracht. Das ist im Übrigen ein Grundprinzip aller Arbeiten hier. Die Wechselwirkungen mit der Wirklichkeit treten offen zu Tage, und da, wo sie uns absurd und abseitig erscheinen, ist diese Absurdität nicht im Kunstwerk, sondern immer in der Wirklichkeit zu finden, die letztendlich durch nichts zu überbieten ist.
Uwe Warnke

Eröffnung am 03.06.2007, 11 Uhr, im Museum Junge Kunst Frankfurt/Oder.

Claus Bach

Bildbewegung        Drehmoment        Ständige Eingriffe

Die Bewegung durch Claus Bachs Bildwelten, als Sequenzen uns vorgegebener möglicher Bildfolgen, hat sich schon seit einiger Zeit selbständig gemacht. Die Entwicklung dahin war kleinschrittig, folgerichtig und befindet sich selbst nun in einer Kreisbewegung, dessen Drehmoment sich im Betrachter festhakt. Sich im Kreis zu drehen hieße ja, sich nicht von der Stelle zu bewegen. Hiervon kann meine Rede nicht sein.

Die frühen Arbeiten Claus Bachs bewegten sich durch eine provinzielle, ostdeutsche Popkultur. Diese war mehr Zitat als Ereignis. Die Beobachtungen jedoch waren detailgenau, witzig und verspielt. Sie spiegelten eine Sehnsucht nach den Vorbildern und reproduzierten dabei auch ständig die eigene Offenheit, die die nächsten möglichen Schritte ahnen ließ, welche im Kopf offensichtlich schon vorgezeichnet waren. Diese frühen Arbeiten waren während Ausstellungen in Studentenklubs, Cafés, privaten Wohnungsgalerien und in den original-grafischen Künstlerzeitschriften ENTWERTER/ODER (hier gibt es bis heute Kontakte), UND, REIZWOLF sowie den selbstverlegten Editionen des Trios Sabine Jahn, Thomas Günther, Claus Bach zu sehen. Interessant war in dieser Zeit die Auseinandersetzung von Bild und Text. In zahlreichen Fotoserien, die sich auch in Mappen heute noch auffinden lassen, hat Claus Bach Lösungen von Text im Bild vorgelegt. Die Zusammenarbeit mit dem Dichter Thomas Günther war diesbezüglich sehr fruchtbar. Hieraus kann, gerade wegen der Zuhilfenahme von bildfremdem Material, auch eine Nähe zu einer bestimmten Erzählhaltung vermutet werden. Ein Hinlenken auf den Gegenstand; ein Deutlichermachen von Zusammenhängen. Diese Vermutung findet ihre Bestätigung in jenen Arbeiten, die als Bildfolgen nun von Claus Bach vorgelegt wurden.

Ersteinmal gab es zusammenhängende Bildreihen mit einem immer wiederkehrenden Bildgegenstand. Daraus entstand die Idee, das Bild aus dem Bild entstehen zu lassen, es zum Bestandteil des folgenden zu machen. Picture on Picture. Diese Bildfolgen summierten sich zu sechs Bildern, die auch in kleinem Format als eine Reihe funktionierten. Diese Form zeigt erste konzeptionelle Überlegungen. Sie taucht später, dann allerdings gestraffter, wieder auf.

Als Spiel eines Eingriffs in das Bild und auch als formal neue Variation von Bild und Text, kann man die Arbeiten der „Lichtspuren“ lesen. Arbeit mit der Taschenlampe, einer Nachtsituation und Filmmaterial. Die Bildmanipulation wurde fortgeführt. In diesem Medium wurden auch die ersten Farbversuche unternommen. Das Aktionsfeld wurde erweitert.

„Kopfkörper“ – diese über mehrere Jahre Claus Bach beschäftigende streng konzeptionelle Serie, bündelte die von ihm unternommene Bildsuche und Erzählweisen der frühen 80er Jahre. In diesen Bildern ist das Erzählfeld reduziert, der Gegenstand der Mensch (einzeln, paarweise, in Gruppen), sein Kopf verschwunden hinter einer Projektionsfläche. Das Individuum wurde durch diese Methode jedoch nicht aufgehoben, ein wichtiger Teil ihm zwar genommen, doch wird dieser ersetzt durch die „Tafel“ des Künstlers, die es ihm nun erlaubte, sich erneut ins Spiel zu bringen. Anfangs erinnerte die Herangehensweise an eine Kossuth-Methode, löste sich jedoch schnell davon und die Bildidee wurde konsequent in Variationen durchgearbeitet. Die erste Serie entstand im realen Umfeld, in der Natur, in der Stadt, vor dem Haus usw. und wurde in schwarz/weiß realisiert. In den farbigen Arbeiten wurde der Rest des Individuums getilgt. Die Durchführung wurde ebenfalls aus dem Realen in den Kunstraum verlagert. Dieser Kunstraum wurde zur nächsten Additionsfläche Claus Bachs. Figuren agieren in weißen Kitteln vor einer Leinwand, die Bild und Filmleinwand zugleich ist. Die hier geschaffene Kunstwelt hat nur noch formale Berührungen mit dem Ursprung dieser Serie. Der Gegenstand Mensch ist fast verschwunden.

Die künstliche Welt wird von Claus Bach als große Möglichkeit begriffen und auch deutlich erweitert, die Serie der „Sprechenden Strukturen“ führte ihn jedoch wieder hinaus ins Feld und wieder ins Schwarz/Weiß. Kunstwelt und Natur im Gegenüber. Technische Strukturen, die ohne uns Menschen so nicht vorhanden wären, wurden auf quadratischem Bildformat abgezogen und als Kruzifix angeordnet in die Umwelt gestellt. Botschaft und Mahnung, Entfremdung und Konflikt symbolisierend.

Dieses Bauen von Figuren hat wieder einmal den Blickwinkel und die Möglichkeiten erweitert und führte zu den „Knallkörpern“. Scherenschnitt oder Comicfigur? Die Flächen der Figuren bestanden aus Fotomaterial, das wiederum aus dem Fundus der Strukturen stammte, aber angereichert wurde durch eine Vielzahl anderen Materials. Die Figur verdrängte die Strenge der Materialwahl. Wie mit einer Zackenschere ausgeschnitten ließ sie eine Ahnung von Schneiderwerkstatt wach werden. Sieben auf einen Streich? Erst als kleine Figuren vor die Kamera montiert und nun auf Motivsuche, verselbständigten sie sich, wurden sie zu überlebensgroßen Figuren. In Ausstellungen hingen sie von Decken und an Wänden, als Multiple rief sie zum Selbermachen und zur Nachahmung auf. Die Figuren begannen ihrerseits zu agieren. Die Bilder waren längst in Bewegung. Der Enge des quadratischen Fotoabzugs entkommen, durchschritten sie Zentren deutscher Städte. Der Kontakt zum Medium Video war bereits hergestellt – hier wurde es als ein entsprechendes eingesetzt. Der Videoclip wurde ein weiterer Bestandteil der Arbeit Claus Bachs. Ein erster Höhepunkt ist hierbei das Video „Entscheidungsreue“. Eine Vertreterlitanei, entnommen einem Lehrbuch für Handelsreisende und -vertreter, kommentiert scheinbar die Bewegungen der „Knallkörper“. Der Text wird vor diesen Bildern zum ironischen Kommentar eines allein an Verkauf orientierten Kunstmarktes, dessen Objekt eine Wertsteigerung verspricht und sich von einer Aktie nicht mehr unterscheidet.

Neuere Videoarbeiten, an denen Claus Bach nur, aber immerhin, konzeptionell Anteil hatte, scheinen mir in eine Sackgasse zu führen oder anders gesagt, sie befinden sich auf anderem Terrain. Sie sind balladesk, mit einer anrührenden, das vereinzelte Subjekt hilflos in seine Konditionen stellenden Optik, das sie mich an ostdeutsche 8- und 16-Millimeter-Filme der 80er Jahre erinnern lassen. Hier taucht ein den bachschen Arbeiten ansonsten fremdes Pathos auf, dem jeglicher Witz fehlt.

Der nächste Schritt beim Sezieren der die Menschen gestaltenden Verhältnisse, wurde beginnend 1994 mit der Serie „Instant“ vollzogen. Vom Lebendigen bleibt der Ein- oder auch Kleinzeller übrig. Begriffen als etwas Ursprüngliches, hängt er hier abgebildet auf Positivfilm zwischen Metallstangen, über denen sich „Nachrichten“ der als strategisches Weichziel begriffenen Kreatur Mensch im Kreise drehen. Das Lesen der Tafeln gelingt nicht mit einem Mal, die Kreisbewegung ist zu schnell, um den Text gleich zu erfassen. Die Mühe darum wird jedoch nicht belohnt. Da ist nur noch Langeweile und die Aggression aus ihr. Das gilt für viele Bilder unserer Konsumwelt ebenso. Die Bildflüchtigkeit ist Bestandteil und Ergebnis dieses Konsums. Es lohnt eben nicht mehr, Zeugnisse des „ex und hopp“ überhaupt wahrzunehmen. Auch die Medien, die dieses täglich tragen – es lohnt nicht der Mühe. Der Kreisel dreht sich immer schneller und nunmehr nur noch nach innen. Die Katastrophen sind übrig geblieben und stehen Schlange. Aber auch sie sind der Mühe nicht mehr wert.

Neben „Instant“ zählt das „London-Project“ zu den neuesten Arbeiten. Gemeinsam mit der Engländerin Elizabeth – Jane Grose, die das ACC-Stipendium in Weimar erhalten hatte und dort auf Claus Bach stieß, stellte er jüngst in der Galerie EIGEN & ART in Leipzig aus. Die Engländerin holte sich aus dem Spannungsfeld des Wörtlichnehmens von deutschen und englischen Idiomen sowie aus deren unterschiedlichen Bedeutungen in beiden Sprachen ihre Gestaltungslust. Da hing ein T-Shirt aus Teebeuteln neben einem Glockenrock, welcher aus Marmor gehauen war. Auf Farbfotos waren Brillen zu sehen, in denen anstelle der Gläser Feldfrüchte gestopft waren. Eine Variation zum Thema Feldstecher usw. .

Während der Vorweihnachtszeit 1994 waren beide in London gemeinsam über Flohmärkte gelaufen und hatten dort kleine leuchtende Gegenstände erworben. Kitschiger Zierat, eigentlich zu nichts nütze. Drapiert auf den Körper der beiden, wird er allerdings Bestandteil eines witzigen Spiels, das von Annahme, Identifikation und Fetischen erzählt. Wenn die Dinge es schon nicht zum Ornament schaffen, so wird das einzelne doch zum umworbenen Objekt. Kleinformatige, farbige Fotos legen darüber Zeugnis ab. Die Leuchtkörper bleiben dem body fremd. Die Libido hält sich in Grenzen. Es mußte ausprobiert werden. Das Spiel bleibt.

Die Arbeiten von Claus Bach waren in der ACC-Galerie, Weimar, den Brandenburgischen Kunstsammlungen, Cottbus, der Galerie EIGEN & ART, Leipzig, zu sehen und sind nun vom 03.06. bis 30.07.1991 in der Staatlichen Galerie Moritzburg, Halle, ausgestellt. Die Ausstellungen begleitet ein Katalog.

Kurt Buchwald und Claus Bach: STUNTS im Museum Junge Kunst, Frankfurt / Oder

Kurt Buchwald. Claus Bach. Stunts. Stunts? Im Museum? Warum? Was ist da so gefährlich? Und für wen? Sind die Künstler die Stuntmen oder haben dieselben um Unterstützung angesucht? Bei wem? Wer macht wem etwas vor? Sind wir die Zuschauer oder sind wir Akteure? Übernehmen wir, das Auditorium, eine Ersatzhandlung an Stelle der gesamten Öffentlichkeit? Ersatzhandlungen? Dazu vielleicht später mehr. Das Spiel ist offen und beide Künstler geben uns mit diesem Titel eine Handreichung doch nachzufragen, mit wem und womit wir es hier denn tatsächlich zu tun haben. Gibt es auch da mehrere Möglichkeiten? Claus Bach, woran erinnert Sie dieser Name? Noch dazu in einem Museum, welches an der Bach-Straße liegt und unweit eines großen Flusses? Richtig, an den Autor gleichen Namens der nicht vergessenen Bücher „Rugby verständlich gemacht.“ oder „SportRegeln: Rugby Die offiziellen Regeln.“ oder einfach „Rugby“ (alle 1992 erschienen). Und Buchwald? Vom Wald einmal abgesehen, welcher Sportsmann ist da gemeint? Oder doch das Café gleichen Namens in Berlin Tiergarten unweit der Spree mit dem hochgerühmten, nach Cottbuser Variante, schwerer als die Salzwedeler Art übrigens, seit 1852 hergestellten Baumkuchen? War das schon die erste Werbeunterbrechung? Hilft uns das weiter?

Zwei Fotografen, zwei Künstler, die sich aus den subkulturellen Zusammenhängen der 80er Jahre in der DDR kennen. Beide damals binnen kurzem auf der Suche nicht nur der Enge der Verhältnisse sondern auch dem scheinbar Festgefügten künstlerischer Vorstellungen der Altvorderen zu entkommen. Dabei gibt es große Schnittmengen. Beiden reicht schon bald das fotografische Einzelbild nicht mehr, Bildserien folgen. Deren logische Folgerungen und nächste Schritte sind, fast zwangsläufig, der Film, das Video. Objekte fallen an. Sie sind innehaltende Geste, Performancerest, dinggewordene Idee, Wegmarkierung. Mehr als Störfeld denn als Orientierungshilfe. Diese Logik heißt nicht, dass das Eine das Andere ablöst. Die Dinge behaupten sich und ihren Platz und zwar nebeneinander. Wahrnehmungen und Wahrnehmungsmuster werden untersucht. Das verbindet.

Wahrnehmung: Form der ideellen Widerspiegelung der objektiven Realität vermittels des Zentralnervensystems der Tiere und der Menschen. Da haben wir’s. Ohne sie kein Überleben. Sie ist dem Leben wesenseigen. Was übrigens ständig als bedingt reflektorischer Akt nach dem Prinzip der Rückkopplung in Teilen der Großhirnrinde passiert, als Synthese von Reizen aller Rezeptoren. Es steht also gar nicht die Frage im Raum, ob wir diese Mittel der Weltaneignung, die uns zur Verfügung stehen, einsetzen oder einzusetzen bereit sind. Wir tun es unablässig – es passiert.

Dennoch ist Täuschung möglich! Wie wir wissen, sind wir zumindest hinreichend genug geschützt, da unsere Wahrnehmung einen bewussten Charakter hat und diese mit den bereits erworbenen Erfahrungen korreliert. Wir schaffen so Abbilder der objektiven Realität, vermittelt durch die eigene subjektive Erkenntnistätigkeit. Sie sehen, es handelt sich um eine Einheit von Objektivem und Subjektivem. Das ist Wahrnehmung. Wir können ohne sie nur sehr eingeschränkt sein. Wir nehmen alle permanent wahr. Und zwar mit allen Sinnen. Ein Sonderfall ist diese Situation hier heute Vormittag in der wir alle vorgeben, an demselben wahrzunehmen bereit und interessiert zu sein. Deswegen sind wir ja schließlich hier. Das schöne daran ist nun, das die Ergebnisse dessen nicht dieselben, ja nicht einmal die gleichen sind, sich vielleicht nicht einmal ähneln. Sie sind genau so viele male verschieden, wie wir Besucher hier sind. So sind wir. So ist der Mensch. So ist die Welt.

Das bringt eine Menge Probleme mit sich, sorgt aber auch für Abwechslung. Wir sind immer wieder dabei dies erneut zu lernen. Unsere Mittel: Vertrauen, Geduld, Wiederholung, Kommunikation. Im Mittelpunkt dieser Ausstellung stehen Videos. Stehen? Sie stehen nicht, sie laufen, also die Bilder. Sie merken schon, es ist schwierig. Unsere Sprache läuft den Ereignissen hinterher. Ein Video muss wiederholt werden, damit es präsent bleibt. Es ist zur Wiederholung gezwungen. Dies scheint eines seiner Prinzipien zu sein. Weil sich in ihm Bilder aneinanderreihen, sie nacheinander entstehen und wieder verschwinden und dabei schließlich Zeit vergeht. Es hat dadurch mehr mit Musik zu tun, mit Theater auch. Das das Zeit braucht ist uns immer etwas unangenehm. Da wird uns etwa eine Verweildauer vorgeschrieben. Einem anderen Kunstwerk, einer Plastik, einem Bild würden wir die Wiederholung als inhärenten Bestandteil gar nicht unterstellen wollen, nicht wahr? Dabei vergeht doch bei der Wahrnehmung desselben ebenso Zeit. Nur, weil wir, was die von uns aufgewendete Zeit angeht, selbst entscheiden können, Zeit als Wahrnehmungsdauer nicht implantiert scheint, urteilen wir hier anders. Würde man diese Zeit allerdings auch solchen Kunstwerken zuschreiben, natürlich nach bestem Wissen und Gewissen eines Kurators oder vielleicht sogar nach einer Empfehlung des noch lebenden Künstlers, wie wären wir irritiert und würden von Anmaßung sprechen. Ein Beispiel? Vielleicht so: Peter Herrmann „James Ensor träumt Magritte“, 2006, 7 Minuten. Das wäre doch merkwürdig, oder. Man würde schnell Demokratie im Museum einfordern und von Freiheit reden usw.. Also: … Stunt, englisch. Wir schlagen nach: Bedeutung 1 – 1. hemmen (im Wachstum, in der Entwicklung etc.) 2. verkümmern lassen, verkrüppeln Und Stunt, englisch. Bedeutung 2 – 1. Kunststück, Glanzstück, Kraftakt; 2. Sensation a) Schaunummer, b) Bravourstück, c) Schlager Wie bekommen wir das zueinander? Nur zusammengenommen interessiert uns das. Ist es nicht so, dass unsere Fähigkeiten verkümmern, wenn uns alles abgenommen wird und wenn wir uns alles abnehmen lassen. Und dies zu dem, wenn uns dann von irgendwelchen Leuten genau dies vorgemacht wird, und zwar perfekt. Eine Stellvertreterhandlung die abschreckt. Eine Täuschung, die mit unserem Leben nichts zu tun hat. Eine Irritation, die ein Double erzeugt, das wir nicht brauchen, aber andere vielleicht benötigen, zumindest etwas schlaglichtartig deutlich macht. Also ein Spiel.

Buchwald ordnet ganze Werkgruppen unter einem „Kreis der Wahrnehmung“. Was wir hier sehen gehört ausnahmslos dazu. Die drei Kästen mit den Installationen, die jeweils nur das Hineinsehen einer Person zu lassen: – embryonaler Grund: rundes, grünes Unbekanntes. Wie ein Blick zurück in die Ursuppe. Erhalten wir hier Zeugnis vom Beginn des Lebens? – inkonto / Begegnung: Buchwald sucht Orte der Kindheit auf: Schatten auf einer Wiese, Spiegelung im Elbwasser, eine Hauskante, eine Brustwarze? Erinnerungsort? Sehnsuchtsfolie? – mundi circolare: scheinbare und reale Erdbeobachtungen / egal wo / erneut finden wir hier Hinweise auf Elementares, auf fremde Welten / verbrannte Böden 2 Objekte – Große Scheibe. Die in unsere Wirklichkeit gestellte große Blende eines Fotoapparates, die mehr verstellt als offen legt und doch durch den erzwungenen Ausschnitt uns zur Konzentration zwingt. Die Frage die sich dabei einstellt: Was leistet Fotografie und was eben nicht? – Der Hofstaat / Röhrenstaat: Müssen Sie auf der einen Seite nicht auch an die Dekadenz des grünen Gewölbes in Dresden und zwar an „Der Hofstaat des Großmoguls Aureng Zeb“ von Johann Melchior Dinglinger von 1701 – 1708 denken? Und auf der anderen Seite? Die gewollte, durch die Medien hergestellte Einschränkung unserer Wahrnehmungsfähigkeit.

Claus Bach zeigt uns hier einige seiner „Instant“ genannten Objekte. Ich schrieb dazu vor einiger Zeit folgendes: Der nächste Schritt beim Sezieren der die Menschen gestaltenden Verhältnisse, wurde beginnend mit der Serie „Instant“ vollzogen. Vom Lebendigen bleibt der Ein- oder auch Kleinzeller übrig. Begriffen als etwas Ursprüngliches, hängt er hier abgebildet auf Positivfilm zwischen Metallstangen, über denen sich „Nachrichten“ der als strategisches Weichziel begriffenen Kreatur Mensch im Kreise drehen. Das Lesen der Tafeln gelingt nicht. Die Kreisbewegung ist zu schnell, um den Text zu erfassen. Die Mühe darum wird nicht belohnt. Und nicht zuletzt das Video: Weimarer Stadtrundfahrt Wir sehen die Bilder der Fahrt einer Spezialkamera durch die Weimarer Kanalisation. Dabei hören wir die Stimme einer Weimarführerin, die uns links und rechts mit den weithin bekannten Immobilien der Weimarer Klassik bekannt zu machen glaubt. Die Weimarer Verhältnisse, dieser musealen Kruste, diesem verwalteten ewig rückwärtsgewandten Totenkult, so statisch wie statistisch auf diese Weise zu unter„wandern“ , bedurfte einer Ironie auch gegenüber der eigenen Herkunft und schuf so eine Parodie, die in Weimar für Aufregung sorgte und ansonsten für Übersetzungen ins Spanische, Englische und Italienische. Und aufgepasst: die Orte der Bilder im Untergrund sind mit den tatsächlichen Orten über diesem, von denen die Rede ist, in Kongruenz gebracht. Das ist im Übrigen ein Grundprinzip aller Arbeiten hier. Die Wechselwirkungen mit der Wirklichkeit treten offen zu Tage, und da, wo sie uns absurd und abseitig erscheinen, ist diese Absurdität nicht im Kunstwerk, sondern immer in der Wirklichkeit zu finden, die letztendlich durch nichts zu überbieten ist.
Uwe Warnke

Eröffnung am 03.06.2007, 11 Uhr, im Museum Junge Kunst Frankfurt/Oder.

Uwe Warnke