Ein Bild ist ein Bild ist ein Bild ist ein Bild

Zustandsbericht eines Kurators zu analogem und digitalem Fotografieren[1]

Uwe Warnke

Es werden heute sehr viel mehr Bilder gemacht als noch vor 30 Jahren. Menschen jeden Alters, sobald sie ein Smartphone halten können, machen Bilder. Wir kommunizieren mittels Bildern. Es ist von Bilderflut die Rede, eine Vervielfachung der Bildautorschaften damit die Folge. Die Erfindung sogenannter sozialer Plattformen hat das beschleunigt und alltäglich gemacht. Das Bild, das Foto, Manipulationen eingeschlossen, wurde zum schnellen Ausdrucksmittel für Jedermann.

Die Veränderungen stellen einen Prozess dar, der ein permanenter ist. Dabei hat die Entwicklung der Technik einen starken Einfluss auf die Fotografie. Der Vormarsch oder Durchmarsch des Digitalen hat sie bereits verändert.

„Die Digitalfotografie in den 1990er Jahren technologisch eingeleitet, ab den 2000er Jahren sich im professionellen Bereich, später auch bei Amateurfotografen adaptiert“, wie aktuell bei Wikipedia zu lesen ist, „veränderte die Fotografie nachhaltig. Sie veränderte als ein disruptiver Prozess die Fotoindustrie, die Bearbeitungskette und vor allem die Nutzung. Statt eines chemischen Films war nun ein Bildsensor Speicher der Fotografie. Digitale Bilder können nun beliebig auf den Computer übertragen und auch mit digitalen Bildbearbeitungsprogrammen bearbeitet (oder manipuliert) werden. Dies dürfte auch die Qualität der Bilder beeinflusst haben, denn Kamaraautomatik oder nachträgliche Bildbearbeitungen konnten nun Fehler beim Entstehen der Aufnahme ausgleichen.“[2]

Der Text hält fest, dass die Qualität der Bilder beeinflusst würde, stellt die Aussage aber in den Konjunktiv. Er sagt nicht, in welche Richtung und was genau darunter zu verstehen ist. Auf der Seite der Handhabung und der technischen Ausrüstung, ist dem sicher zuzustimmen, aber ob allein durch einen elektronischen Automatismus die Steigerung der Qualität der Bilder als subjektives Ausdrucksmittel einhergeht, mag an dieser Stellen bezweifelt werden.

Ein Nerd könnte einwenden, das digitale Bild sei nunmehr nur noch (oder neuerdings) eine Summe von Informationen, nämlich von 0 und 1. Falsch ist das nicht. Auf dem Speicherchip stellte es sich so dar. Aber beschreiben wir einen Barytabzug auf Silbergelatinebasis als Konglomerat von Molekülen, Reaktionen auslösende Lichtquanten; und dass die Silber-Ionen in den Silbersalzkristallen der Fotoemulsionsschicht zu metallischen Silberatomen reduziert, im Entwickler autokatalytisch vergrößert werden usw.? Hilft uns das hier weiter? Ich glaube, zumindest fürs Erste, nicht.

Besuchte ein Kurator bis weit in die 1990er Jahre Fotokünstlerinnen und Fotokünstler die schwarz-weiß fotografierten, so traf man auf ein Werk, dass in wunderbaren Silbergelatineabzügen[3], zumindest für den Teil, der für gültig gehalten wurde, vorlag. Möglicherweise sogar als Vintages[4] (gelegentlich wurden noch Arbeitsabzüge von Ausstellungsabzügen unterschieden). Das hatte natürlich Gründe. Wer schaut sich schon gern Kontaktabzüge oder gar Negative an (24 x 36 mm) und wer war in der Lage, darauf Qualitäten zu erkennen?. Wollte man also eine Schwarz-Weiß-Fotografie anschauen und/oder herzeigen, musste man sie vergrößern (vom Printen sprach man erst später). Das geschah in der Dunkelkammer. Stellte die Fotokünstler diesen Abzug, die Vergrößerung vom Negativ, in der Dunkelkammer selbst her, erfuhr das entstehende Bild dabei gewisse Bildbearbeitungen – Abwedeln, Nachbelichten, Gradationssplit, Bleichen, Verstärken, Tonen – , so entstand ein Handabzug. Von der Wahl des Films in der Kamera zuvor und des Papiers am Ende ganz zu schweigen.

Einer anderen Gruppe der professionell Fotografierenden geht es eher um die graduelle Auflösung des Films, die sie den Fähigkeiten des Chips vorzieht. Die entwickelten Negative werden dabei anschließend nicht mehr in der Dunkelkammer vergrößert, sondern eingescannt, um sie digital weiter zu verarbeiten. Das Endprodukt ist ein Hybrid. Hohe Auflösung und die unregelmäßige Struktur klassischen Filmmaterials werden in Verbindung mit der Möglichkeit elektronischer Weiterverarbeitung sowie schneller und komfortabler Speicherung sanktioniert.

Es lassen sich weitere Kombinationen aus beiden Welten vorstellen – und sie existieren. Es werden von den Fotokünstlerinnen und Fotokünstlern alle möglichen Wege beschritten, um zu einem gültigen Ergebnis zu kommen. Ob es Umwege sind, ist für das Resultat unerheblich. Es gibt dabei kein RICHTIG oder FALSCH.

Die Fotografie hatte und hat, so heißt es, die Aura eines individuellen Kunstwerkes. Ein Unikat kann entstehen. Das ist ein Punkt, der für einen Teil der analog Fotografierenden sicher wichtig ist: dieses Endprodukt. Der Versuch der Umsetzung eines solchen Anspruchs wird auch durch das Medium selbst provoziert; einem Medium, das am Beginn des 20. Jh. wie kein modernes andere, für seine Vervielfältigungsmöglichkeit stand. Walter Benjamin rekurriert in seinem berühmten Aufsatz nicht zuletzt auf die Fotografie, wenn er vom (Das) Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit[5] spricht. Hier ist allerdings von der Fotografie als reproduzierendes Medium die Rede; jenes, das durch seine Anwendung die Einmaligkeit des Kunstwerkes und damit seine Aura zerstöre.

Schauen wir auf den Arbeitsprozess einer Fotokünstlerin oder eines Fotokünstlers, zeigen sich im Vergleich analog versus digital vielleicht wesentliche Unterschiede.

Es ist augenscheinlich, dass in der journalistischen Fotografie das digitale Bild die Prozesse beschleunigt hat. Für einen Auftrag werden vor Ort Bilder gemacht, sofort kontrolliert, weitere Bilder gemacht, kontrolliert usw. Wenn es schnell gehen soll – und wann soll es mal nicht schnell gehen – können die Bilder umgehend elektronisch zum Beispiel in die Redaktion verschickt werden.

Aber wie ist das in der künstlerischer Fotografie? Die Konzentration auf das eine Bild, auf das hingearbeitet wird, das längst im Kopf der Fotokünstler ist, im Selbstauftrag versteht sich, wird hochgehalten. Dabei sind die Auswahl der Technik, eventuell des Films, das Aufstellen des Statives, das Präparieren der Kamera, das Wählen des Bildausschnittes, das Warten auf gewünschtes Licht, auf bestimmte Personenkonstellationen aufeinanderfolgende Schritte, die dem Entstehen des Bild vorausgehen. In der Dunkelkammer, Stunden später, wird zum ersten Mal das Resultat der Arbeit sichtbar. Entweder ist das Bild gelungen oder der Prozess muss von vorn beginnen.

Zum Beispiel hat Hans-Christian Schink bei der Serie  1h  mit der Möglichkeit echter Solarisation gearbeitet[6]. Da Negativfilm nur bis zu einem bestimmten Punkt belichtungsfähig ist, kehrt sich der fotochemische Prozess um, sobald die Belichtung danach weiter fortgesetzt wird. Die im Negativ dunkelsten Punkte werden wieder heller. Er fotografierte auf diese Weise eine Stunde gegen die Sonne. Die so belichteten Schwarz-Weiß-Filme hat er erst nach der Rückkehr, er war auf der Nord- und Südhalbkugel monatelang unterwegs, im heimischen Atelier entwickelt. Die Bilder waren somit kaum wiederholbar. Michael Wesely montierte Großformatkameras, mit Objektiven und Filtern versehen, gegenüber von Großbaustellen und ließ bei geöffnetem Verschluss und entsprechendem Film das Licht und die Welt ihre Arbeit machen. Prozesse, etwas was so nur Fotografie kann, wurden auf einem einzigen Bild festgehalten und damit sichtbar gemacht[7].

Dies könnte unterstellen, dass Fotografierende mit digitaler Ausrüstung dieser Konzentration nicht bedürfen oder dazu nicht in der Lage wären. Stimmt das?

Ein Fotokünstler, der mit Stativ und einer Großbildkamera analog fotografieren geht, hat vielleicht 10 Filmkassetten dabei, die er/sie belichten kann. Mehr kann er/sie nicht tragen. Das zwingt zur Konzentration. Der digital Fotografierende hat die Möglichkeit, neben der sofortigen Kontrolle, hunderte Bilder zu machen und zu speichern. Die Speicherkarte gibt das unter Umständen her. Auch früher wurde aus einer Reihe von Fotografien auf dem Film, meist bereits im Negativ, eine Entscheidung oder Auswahl für das eine Bild getroffen. Durch die große Zahl des zur Verfügung stehenden digitalen Bildmaterials, teilt sich der künstlerische Akt jedoch weiter und verlagert sich auch auf die Arbeit am Bildschirm, wo neben der Auswahl die Bildbearbeitung (und Manipulation) weitere kreative Prozesse sind. Es war zu hören, dass Fotokünstler gelegentlich eine extra kleine Speicherkarte in der Kamera nutzen, um der Versuchung, des ständigen Fotografierens, nicht zu unterliegen. Ein Versuch also, die Konzentration hoch zu halten.

Reden wir weiter von Schwarz-Weiß-Fotografie bleibt zu fragen, ob bei der Wahl der Mittel und des Endprodukts nicht auch der Blick auf die Sammler eine Rolle spielt. Der klassische Silbergelatine/Barytabzug wird hier immer noch und außerordentlich wertgeschätzt. Seine Haltbarkeit wird nicht infrage gestellt. Die technische Bildqualität ist sehr hoch, die Grauwertabstufungen inklusive eines tiefen Schwarz sind gegeben und es ließe sich eine Aura herleiten (Handabzug). Und – ja – es gibt sie, die Aura. Vintage-Prints[8], in kleiner Auflage, durch Nummerierung und Signatur autorisiert, begegnen uns in den Ausstellungen. Sie sind für uns und für den Augenblick einmalig. Wir bemessen der Fotografie eine Aura zu, können sie bewundern oder genießen und investieren dabei Zeit, mehr nicht. Auch wenn, wie zu lesen war[9], sich der kapitalistischen Logik folgend eine Aura, nach ihrer Zerstörung, erst durch ein fünf- oder sechsstelliges Auktionsergebnis herstellt.

Nicht unwichtig: Die Herstellung von Handabzügen auf Barytpapier ist schwieriger geworden. Im Überschwang des Digitalen, und im disruptiven Prozess der Veränderungen, drohte Anfang der 2000er Jahre die Herstellung notwendiger Chemikalien und Materialien gänzlich eingestellt zu werden. Mittlerweile gibt es sie wieder. In Deutschland, Tschechien und Großbritannien werden sie wieder hergestellt. Sie sind allerdings erheblich teurer geworden.

Bei der Farbfotografie sieht es etwas anders aus. In den Sammlungen verbleichen gerade die analog hergestellten Farbfotografien der 1970er bis 1990er Jahre. Und niemand kann etwas dagegen tun[10]. Auf diesem Feld hat die digitale Fotografie und insbesondere ihre Weiterverarbeitung, das Printen und die Verwendung haltbarer Tinten usw., für ein wenig mehr Sicherheit gesorgt. Es wird aktuell zumindest eine 75-jährige Haltbarkeit garantiert. Besucht man Fotokünstlerinnen und Fotokünstler, die auf diesem Feld unterwegs sind, zeigen sich andere Besonderheiten. Bilder werden am Bildschirm des Computers angeschaut oder auf kleineren Formaten nicht gar so hochwertiger Prints präsentiert. Dass die Farbbilder noch in der Dunkelkammer selbst hergestellt werden, gehört so gut wie der Vergangenheit an. Die Versuchung und Herausforderung, die Fotografien in großen Formaten printen zu lassen, ist groß; und es ist teuer. Es kommt immer häufiger vor, dass Bilder, erst wenn sich ein Verkauf anbahnt oder eine Ausstellung vorbereitet wird, geprintet werden. Das bindet sehr viel Geld und wird zur Investition, zur Spekulation. Der Künstler, die Künstlerin wird zum Investor. Kalkül zieht ein. Fine-Art Prints, Pigmentdrucke, Alu-Dibond unter Acryl usw. usf.  – Fotografien werden über diverse Druckverfahren auf Papier, Leinwände, Metallflächen, Leichtschaumplatten in hoher Qualität gebracht. Die Varianten werden eher weiter zunehmen. Die Spekulationen ebenso.

Zum Schluss: Die Kamera ist ein Instrument in der Hand des Fotografierenden. Eine Fotografie das Resultat.

Eine kleine Schar, vielleicht im Verhältnis von 10 zu 90 wird dem Analogen die Treue halten und dabei von ihren Erfahrungen und Überzeugungen getragen.

Beim Streit analog versus digital, der eigentlich keiner ist, geht es um technische Entwicklungen, Handhabungen, Empfindungen, Glaubenssätze, Sammlerbedürfnisse. Dabei ist der hohe Grad der sofortigen und weltweiten Distribution des Digitalen der viel entscheidendere und hier noch gar nicht genügend betrachtete Punkt.

Es steht schließlich die Frage im Raum, wer sich all die mit Bilddaten vollgepackten Festplattenspeicher in den Hinterlassenschaften von Fotokünstlerinnen und Fotokünstlern einmal ansehen wird (von printen ganz schweigen). Neu ist diese Frage aber nicht. Sie ist kein Phänomen des Digitalen. Die Kritik an der Vielfotografiererei ist so alt wie das Medium[11].


[1] Gespräch von Gabriele Muschter/Uwe Warnke mit Ulrich Domröse am 11.06.2020

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Fotografie#Der_Abzug, 15.06.2020

[3] Silbergelatine-Prints bzw. Handabzüge, bestenfalls auf Barytpapier

[4] Erste Abzüge, von Fotografen selbst hergestellt, unmittelbar nach dem die Fotografie entstanden ist

[5] L’œuvre d’art à l’époque de sa reproduction mécanisée, in: Zeitschrift für Sozialforschung, Paris 1936

[6] Die Arbeit 1h von Hans-Christian Schink, 1 Stunde gegen die Sonne fotografieren, dabei die sogenannten echte Solarisation ausnutzend, wäre 2008/09 digital gar nicht möglich gewesen. Die echte Solarisation benötigt einen Film

[7] Nach Auskunft des Fotografen geht das mittlerweile auch digital

[8] Siehe Fußnoten 4

[9] Sarah Pines, Die Aura des Kunstwerks ist tot. Es lebe der Reiz des Geldes, in: Neue Züricher Zeitung online, 19.06.2018

[10] Es gibt gerade eine erbitterte Diskussion, ob überhaupt und wenn ja wie in diesen Verfallsprozess eingegriffen werden soll. Mit den heute zur Verfügung stehenden Mitteln reproduzieren oder nicht?

[11] Z.B. hinterließ Henry Cartier-Bresson (1908-2004) 500.000 Negative

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