Zum Stand der Dinge: entkommen, d.h. in Bewegung

Uwe Warnke            Zum Stand der Dinge:  entkommen, d.h. in Bewegung

Die Situation der Buchkunst in Deutschland am Beginn des 21. Jhs

Buchkunst, Bibliophilie, Künstlerbücher, Malerbücher, Buchobjekte – alles nicht wirklich im Wortsinn treffende Bezeichnungen für eine Sache, die sehr unterschiedlich ausfallen kann und dessen künstlerische Nutzbarmachung offensichtlich nach wie vor anhält. Das Interesse daran ist bei zahlreichen Künstlern und auch einigen Autoren groß. Die Arbeit am Medium und seine Entwicklung wird weiter vorangetrieben und  wieder offen gehalten.

Das Buch – es ist ihm der Heiligenschein ein wenig genommen und mir scheint, das ist gut so. Die herbeigeredete technologische Revolution hat mehr irritiert als die tatsächlich stattgefundene. Dennoch, es musste ein wenig Platz gewährt, Aufgaben geteilt und abgeben werden, sich im Nebeneinander ganz anderer Technologien erneut bewiesen werden. Damit war aber auch ein nüchterner, unverstellter Blick auf das Medium möglich, vielleicht auch eine Bewegung, und sich selbst wieder als Aufgabe.

Was ist das, wenn ein oder mehrere Künstler versuchen, entlang des Mediums Buch, also zwischen zwei offenen aber, auch verschließbaren Buchdeckeln, eine neue Einheit verschiedener Elemente, als Abfolge zumeist festgebundener, aufeinander folgender Buchseiten zu finden? Oft gibt es einen klaren Anfang, der Umfang ist überschaubar und läuft zwangsläufig auf ein Buchende, möglicherweise eine letzte Seite, hinaus. Dieses, in einer geringen Auflage durch einen Verleger oder durch den/die Künstler selbst hergestellte Kunstobjekt, wird im geschlossenen Zustand und zusätzlich oft im Futteral, Schuber oder in einer Buchkassette geschützt aufbewahrt. Wissen wir hiermit was Buchkunst ist? Ist dieser Versuch einer Beschreibung offen genug, um all die divergierende Versuche und eingeschlagenen Wege allgemein zu umfassen? Wird hiermit vielleicht schon zuviel ausgeschlossen? Zum streitbaren Punkt künstlerischer Qualitäten ist damit ebenfalls noch gar nichts gesagt.

Im Folgenden soll vom Umgang mit Text, Bild und/oder anderen Elementen in der aktuellen Buchkunst Deutschlands die Rede sein. Es gibt große Unterschiede in der Auffassung darüber von Land zu Land allein schon im europäischen Rahmen. Die Beschränkung aufs Nationale sei hier das Thema.

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Es gibt niemanden in der heutigen Szene deutscher Buchkunst, der von einer Position aus ästhetische und auch ethische Grundsätze zu diktieren in der Lage wäre. Natürlich wäre dies auch gar nicht wünschenswert. So ist das Feld groß, die Szene vielfältig, die Herangehensweisen sind individuell und subjektiv, die Resultate höchst unterschiedlich. Hierin liegt die Spannung.

In einem längeren Essay über Bücher von Jorge Luis Borges findet sich eine fast launisch gemachte Bemerkung, dass er, wenn er über Bücher schreibe, die Bücher der Bibliophilie nicht meine; letztere seien „immer unmäßig“. Ist dies die Reaktion eines Schriftstellers, der deutlich mehr oder ausschließlich am Text interessiert ist? Sind für ihn die Verfeinerungen und Inbildstellungen einiger weniger, vielleicht auch noch älterer Texte in viel zu teuren Liebhaberausgaben nicht von Belang? Ist es vielleicht Unkenntnis oder hat er einfach Recht?

Ist das Künstlerbuch lediglich eine Art Gleitmittel, um über eine Hintertür doch noch Eingang in die Kunstarchive zu erlangen, da man an der Vordertür vielleicht allzu schnell abgewiesen wurde oder hat sich da längst eine Eigenständigkeit entwickelt, die solche Vorwürfe Lügen straft? Oder ist die Wahl des Themas Buch für den Künstler eine Arbeit mit gewisser konservativer Absicherung, retrospektiv allemal und des Weiteren sich formal klar vorgegebenen Paradigmen, festen Abfolgen, Formatbeschränkungen etc. unterordnend und damit nicht wirklich frei? Ist also damit die Präsentation von Buchkunst ausschließlich in den Museen der angewandten Kunst nur gerechtfertigt und darüber gar nicht mehr zu diskutieren?

Was bedeutet das für uns, wenn es zutrifft was der Kommunikationswissenschaftler Norbert Bolz behauptet, dass Bücher zukünftig in erster Linie zwei Aufgaben zu dienen hätten, nämlich der Kontemplation und dem Trost!? Können Bücher diese Erwartungen möglicherweise auch unterlaufen?

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Es gab nur eine kurze Zeit in der neueren Geschichte der Buchkunst, in der das alleinige Gestaltungsmittel der Text war, wo er sich genügte. Voraus ging dieser ein deutlicher Bruch mit Konventionen, die unangreifbar und zum Gesetz erstarrt waren. Radikal wurden sie aufgebrochen. Konkrete Poesie hieß das Unternehmen. Text wurde Bild, der Buchstabe und andere Schriftzeichen waren seine Elemente. Die Ergebnisse waren großartig und mit ihnen auch die Erfolge. Die Künstler waren oder wurden Autoren und umgekehrt. Der Text war alleiniger Mittelpunkt. Das Interesse galt nur ihm und seiner Gestalt. Eine große Zahl längst vergriffener Editionen, Künstlerbücher und Mappenwerke belegt die Vielfalt der Möglichkeiten auf diesem Terrain. Die Formen wurden in wenigen Jahren schnell ausgereizt. Die Edition Hansjörg Meyer, der Rainer Verlag, die Edition Hundertmark haben viel Ende der 60er Jahre auf diesem Gebiet geleistet und auch versucht der Begrenztheit kleiner Auflagen zu entkommen. Dem klassischen Pressendruck wurde damals schon der gar ausgemacht. Das offsetgedruckte Künstlerbuch ist von ihnen durchgesetzt worden und hat hier seine erste Blüte erlebt. Doch das Spiel war endlich oder endete in der Wiederholung. Die grafischen Lösungen hingegen wurden von der angewandten Grafik übernommen und hielten, nun perfektioniert, Eingang in die Werbung.

Mit der Einführung des Begriffes Visuelle Poesie in den 70er Jahren öffnete sich diese Szene und entkam so der sich längst eingestellten und durch quasidogmatisch erzwungenen Purismus erzeugten Enge. Andere Bildelemente hielten neben Buchstaben und Schriftzeichen auf neue Weise Einzug. Das erweiterte nicht nur das Feld der Bildlösungen sondern auch das der Beteiligten.

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Eine nicht kleine Gruppe in der heutigen Buchkunstszene, die uns hier allerdings nicht wirklich  interessieren soll aber doch genannt werden muß, tut so, als sei Buchkunst die limitierte und original-grafische Ausführung eines illustrierten Buches: links der Text und rechts die Grafik, umblättern, links der Text und rechts die Grafik, umblättern, links der Text und rechts die Grafik, ad infinitum … Dass damit immer wieder ein Missverständnis in die Buchkunst hineinproduziert wird, ist den Exponenten dieser Richtung, wenn es ihnen nicht doch durchaus selbst bewusst ist, schwer zu erklären. Das hängt auch mit ihrem wirtschaftlichen Erfolg zusammen; also einem Bündnis zwischen ihnen und nicht unwesentlichen Kreisen heutiger Buchkunstsammler, die das Buch sehr wohl lieben und schätzen, doch in seiner tradierten Form genießen und ansonsten aber es in Ruhe gelassen sehen wollen. Die hiermit immer wieder nachvollzogene große deutsche Editionstradition der Zeit vom Wilhelminischen bis zum Dritten Reich ist da immer noch sehr prägend.

Also geht es auf der einen Seite um historisch geprägte ästhetische Zusammenhänge, als auch auf der anderen um Sammlerpotenzen, die durchaus auch schon einmal kalkuliert bedient werden und schließlich noch um eine reine technische Bedingung heimischer Regalweiten und -höhen, die sich bestimmten Buchformaten verweigert. Und schließlich ist der Griff ins Bekannte, auch der ins scheinbar kunsthistorisch Gesicherte. Zu dem bedarf es gegenüber dem Bereich des Experimentierens und des Innovativen großer Kenntnisse und ständiger Beobachtungen der dort stattfindenden Prozesse, das Durchdachte und Neue unterscheiden zu lernen vom Allzuschnellen, Flüchtigen und vielleicht nur Oberflächlichen. Dabei gibt es natürlich auch bei der Quartierpflege der Konventionen schöne Ergebnisse, großes Handwerk, hervorragende Typografie, sensiblen Umgang mit durchdacht abgestimmten Materialien. Mir scheint, dass gerade da, wo sie eine bewusste Verweigerung darstellen, oder wo eine überlegte Zurückhaltung geübt wird, eine Kennerschaft der Avantgarde durchzuatmen scheint. Resultate die diesen Atem haben, sind so nicht allzu häufig zu finden. Doch wenn dies umgesetzt wird und gelingt, sind sie visuelles und haptisches Erlebnis, werden sie zu Augenschmaus und Handschmeichler.

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Überblicksausstellungen wie die Triennalen des deutschen zeitgenössischen Kunsthandwerks(Frankfurt/M. und Leipzig) in den 90er Jahren haben deutlich gezeigt, dass Innovationen in der Buchkunst von den Unikaten und den Büchern in sehr kleinen Auflagen ausgehen. Viel wurde nachgedacht über diesen scheinbaren Anachronismus, des Produzierens von Einzelstücken in der heutigen Massen- und Konsumgesellschaft, der Verweigerung von Herstellungs- und Verbreitungsgeschwindigkeit, also Vertriebsmaximierung, sowie der dazugehörigen hohen Auflagenhöhe. Diese Technologien sind so verfeinert worden, und damit die Befriedigung aktueller und zuvor erzeugter Bedürfnisse noch schneller möglich, auch um auf die in diesem System liegende rasch wechselnde Aufeinanderfolge nächster, weiterer neuer Bedürfnisse ebenso marktgerecht und effizient reagieren zu können. Kunst hat damit nicht all zuviel zu tun. Verweigerung gegenüber diesem Markt und seinen Technologien ist für den uns interessierenden Teil hingegen eine produktive. So können auf ganz eigene Weise technologische Grenzen überschritten und eine Feldforschung im Unbekannten sowie die Suche nach neuem Ausdruck erst möglich werden. Hier allgemeine Technologiefeindlichkeit zu unterstellen, wäre ein Missverständnis. Ein Punkt ist dabei, diese Technologien zu unterwandern oder punktgenau im Einzelnen anzuwenden und nutzbar zu machen. Folien, Acrylmaterialien, Offsetdruck, Computeranwendungen, Bubblejetausdrucke, Copyverfahren, Ringbindung u.ä.m. sind neben den bekannten traditionellen Materialien sowie  Druck- und Bindetechniken im Bereich der Buchkunst heute ebenso zu finden, werden auf ihre Verwendbarkeit hin ausgelotet und behaupten ihren Platz.

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Bildende Künstler und Literatur – dies stellt nicht per se ein zwangsläufiges und auch fruchtbares Wechselverhältnis dar. Nicht alle Künstler sind an einem Austausch interessiert. Andererseits bedeutet ein Interesse an der Literatur ja noch lange nicht, dass diese nun Einzug hält in künstlerische Ergebnisse. Nur wenige verfolgen tatsächlich die teilweise auch sehr selbstbezüglichen aktuellen Auseinandersetzungen des Literaturbetriebes. Oftmals ist auch das Interesse an „gestandenen“, älteren Texten größer als am Zeitgenössischen. Die Lyrik wird, wegen ihrer überschaubaren, kürzeren Form, bevorzugt. Gelegentlich finden auch eigene Texte, Tagebuchaufzeichnungen, notierte Träume usw. Eingang in bildkünstlerische Resultate. Selten sind diese Ergebnisse wirklich herausragend. Wird das eigene Urteil über die Literatur zum Vorurteil, ist wohl der Verknüpfung von beidem, Literatur und Kunst, für eine ganze Weile der Weg versperrt.

Gar nicht genug kann man vor diesem Hintergrund die Arbeit der Verleger und Galeristen, die es sich zur Aufgabe machen, auf diesem Gebiet immer wieder anzuregen, Kontakte zu knüpfen, Brücken zu schlagen, hervorheben. Die von Susanne Padberg geführte Galerie Druck und Buch in Tübingen mit ihren Ausstellungen und Publikationen zur Buchkunst leistet da Beispielhaftes; ebenso die Galerie Mergemeier in Düsseldorf. Das Museum für Kunsthandwerk Frankfurt am Main setzt sich maßgeblich für die jüngere Buchkunstszene ein. Die sehr aktive Sammeltätigkeit des Klingspor-Museums, Offenbach, darf auch nicht unerwähnt bleiben. Das Museum Schloss Burg hat in den 90er Jahren eine erstaunliche Buchkunstsammlung angelegt, die nach personellen Veränderungen ein wenig verwaist scheint und erweckt werden will. Die Bayerische Staatsbibliothek, München, wie auch die Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek, Dresden, betreuen herausragende Buchkunst-, Grafik- und Zeitschriftensammlungen, die sie auch zu erweitern suchen und aus denen sie Ausstellungen zusammenstellen. Die Berliner Edition Mariannenpresse animiert Künstler und Autoren gemeinschaftlich Bücher zu entwerfen, von denen vier bis fünf jedes Jahr mit Senatsmitteln realisiert werden können. Die auf der Leipziger Buchmesse stattfindende Ideenmesse „Erstausgabe“ der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig an der Studenten aus zahlreichen deutschen Kunsthochschulen teilnehmen können, ist als eine herausragende Initiative zu nennen. Für die Studenten ist sie Anreiz zur Produktion und gleichzeitig Verpflichtung zur eigenen Präsentation. Es wird so ein unkomplizierter Überblick über das Schaffen der Jungen gegeben (Sabine Golde und Christiane Baumgartner sind zwei Absolventinnen dieser Hochschule, die sich als „Carivari” in der Buchkunstszene einen guten Namen gemacht haben). Die jährlichen Ausstellungen des Neuen Kunsthauses Ahrenshoop in Zusammenarbeit mit dem dortigen Künstlerhaus Lukas und Dank der Unterstützung des Kulturfonds gehen nun schon seit fünf Jahren und immer wieder unter großem Aufwand diese Verbindung von Kunst und Literatur ein. Hier wird angeregt, ausgewählt und mehrgleisig auf Ergebnisse hin gearbeitet. So entstehen zugehörig zu den Ausstellungen Kataloge und Editionen. Lesungen sind fester Bestandteil der Ausstellungsprogramme.

Und Preise? Das Feld ist schnell bestellt: es gibt nur zwei und beide werden im Zwei-Jahres-Rhythmus vergeben. Es ist zum einen der V.O.Stomps-Preis, der auf der alle zwei Jahre stattfindenden Mainzer Minipressenmesse für eine kleinverlegerische Leistung vergeben wird und der Tiemann-Preis der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, der speziell ein Resultat herausragender aktueller Buchkunst auszeichnet. Beide Wettbewerbe sind international und offen. Sie sind in Deutschland wichtig, wenn auch ein wenig nachgeordnet und von größerer Wahrnehmung ausgeschlossen.

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Als anlässlich der Mainzer Minipressenmesse 1991 die von Jens Henkel zusammengestellte Ausstellung „Künstlerbücher im Eigenverlag aus der DDR 1980-1989“ im Gutenberg-Museum, Mainz, stattfand, munkelte man, dass diese Schau  wohl Folgen haben werde. Was gab es da zu sehen, dass diese Bemerkung wert war? Bücher und Editionen waren im Osten Deutschlands ohne Verleger von Künstlern und Autoren selbstgefertigt und vertrieben worden. All ihre technische Dürftigkeit der Umsetzung und all diese sichtbaren Mängel der verarbeiteten Materialien standen zurück vor der sich hier vermittelnden Lust und Kraft junger Künstler beim Büchermachen. Hier war nicht das Scheitern interessant, sondern dieses Dennoch, das sich in Improvisation und künstlerischem Erfindergeist ausdrückte. Kein Zugang zu Werkstätten zu haben bedeutete ja noch nicht, auf das Büchermachen zu verzichten. Die Schreibmaschine wurde als Printmedium bemüht oder der Text mit der Hand geschrieben, die Stempelkästen reaktiviert oder dem Kinderzimmer entlehnt sowie die Schriftschablonen herausgekramt und Prägestanzen aus Metallwerkstätten und Buchbindereien entwendet. Nichts hiervon war wirklich neu, doch angesichts einer längst fortgeschrittenen technologischen Entwicklung schon ziemlich befremdlich und ein wenig unglaublich. Diese Ausstellung wirkte wie eine Reanimation im Buchkunstbereich. Ungewollt wurde die gleichzeitige Verfügbarkeit aller Materialien und Techniken demonstriert. Diese Erfrischung sollte weiter fruchtbar werden.

Noch heute sehnen sich Sammler nach diesen authentischen und durchaus auch etwas rohen Ergebnissen aus der DDR der 80er Jahre. Allerdings wäre es falsch, hier etwas zu kultivieren, was tatsächlich an eben diese Zeit gebunden war. Dennoch passiert es, dass man Produkten solchen Kalküls heute auf dem  Buchkunstmarkt begegnet. Dass sich hier ein auf der Stelle treten zeigt, wird von diesen Exponenten, obwohl sie sich in Kommentaren offen und in aller Form auf die 80er beziehen und der Zusammenhang positiv wie negativ mehr als auf der Hand liegt, selbst nicht wahrgenommen. Das Reden mit den Machern darüber fällt schwer.

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Das Interesse der Büchermacher in Ost- und Westdeutschland füreinander war von Anfang an groß und musste nicht erst geweckt werden. Wir haben uns zugeschaut und kritisch angenähert. Dennoch sind unterschiedliche Haltungen und daraus folgend sich unterscheidende Produkte im Osten und im Westen teilweise deutlich  auszumachen. Beispielsweise gibt es immer noch, allerdings internationaler denn je, die eher kollektiv und nicht aus einer Hand zusammengetragenen und gestalteten original-grafischen Zeitschriften wie ENTWERTER/ODER(Uwe Warnke Verlag) in Berlin oder die Edition Augenweide in Halle. Bei diesen stellt eine größere Anzahl verschiedener Künstler auf Einladung jeweils einen Beitrag her. Die Herausgeber stellen dann aus dem Zugesandten mit glücklicher Hand ein Buch oder eine Zeitschrift zusammen. Dieses Samplingprinzip, geboren im Subversivem des Ostens, bringt auf solche Weise immer wieder Frische, bleibt immer noch überraschend; und dies nicht nur visuell sondern auch haptisch. Für Warnke ist diese Sammelarbeit an seiner Zeitschrift immer auch erste Kontaktaufnahme mit spannenden Arbeiten anderer Künstler, die dann auch in eine weitere Zusammenarbeit und zum Buch führen kann.

Es fällt auf, dass das „anything goes“ der späten 80er Jahre erst jetzt zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Das Nebeneinander aller verfügbaren Techniken und Materialien und der freizügige Umgang mit ihnen auf der Suche nach zeitgemäßem Ausdruck ist nicht zu übersehen. Die Durchschreitung historischer Avantgarden und deren Weiterführung, ablesbar in neuen Lösungen, wird noch viel zu wenig geschätzt, muss immer erst durchgesetzt werden. Da die Entwicklung tatsächlich offen ist, muss es doch schließlich auch möglich sein, die Gesetze des Buches infrage zu stellen. Dies wird auch vollzogen. So wie im Buch nicht immer Text stattfindet kann die Auslöschung von Bild konzeptuell bereits wieder Bild sein.. Die in Halle und Berlin lebende Gerhild Ebel hat hierfür einige Beispiele vorgelegt. Außerdem gibt sie gemeinsam mit Cornelia Ahnert seit einigen Jahren die Objekt-Zeitschrift „miniature obscure” heraus, die sich der zeitgenössischen Grafik und Text  und dem künstlerischen Experiment verschrieben hat. Das Buchobjekt, die Buchskulptur scheint da hingegen in einer Sackgasse angelangt. Eine Ausnahme im angewandten Bereich sind die Ergebnisse des in Tübingen lebenden Anton Würth. Die andere Seite nennenswerten unbeschwerten Umganges mit diesem speziellen Medium wird vom Berliner Alain Jadot unermüdlich weiter vorangetrieben, der immer wieder mit humorvollen Ergebnissen überrascht und auch seine Rolle als Künstler längst ins Performative hinein erweitert hat.

Konzeptionell außerordentlich beachtlich ist der gerade in Lahnstein stattfindende Versuch von Peter Malutzki gemeinsam mit Ines von Ketelhodt aus Oberursel, einen Faden Jorge Luis Borges aufzunehmen und die von ihm als Fiktion beschriebene Enzyklopädie von Tlön ihrerseits nun herzustellen. Barbara Fahrner aus Frankfurt am Main, konnte sich der Spannung dieser Aufgabe ebenso nicht entziehen und arbeitet selbständig an einer eigenen Idee von Enzyklopädie. Für alle drei eine Arbeit, die sie mehrere Jahre beschäftigen wird. Die ersten Ergebnisse liegen vor.

Die in Mainz und Paris ansässige Edition Despalles, Francoise und Johannes Strugalla, legt in größeren Abständen immer wieder sehr aufwendig produzierte Künstlerbücher zur zeitgenössischen Literatur vor. Ihre Vermittlerrolle für viele Künstler, die im verborgenen ihrer täglichen Arbeit nachgehen und durch sie in Deutschland und Frankreich vertreten werden, ist unbedingt erwähnenswert.

Die burgart-presse (dahinter steht der weiter oben bereits erwähnte Jens Henkel), Rudolstadt,  findet in dem Kreis sächsischer und thüringischer Maler seine Protagonisten, die regelmäßig auf hohem Niveau Künstlerbücher edieren, die immer in einem vom Malerischen ausgehenden Text-Bild-Zusammenhang stehen.

Die Künstlerinnengruppe Unika T (Anja Harms, Ines von Ketelhodt, Doris Preussner, Uta Schneider, Ulrike Stoltz) aus Frankfurt am Main beeindruckt seit Jahren durch feinsinniges Ausloten der Möglichkeit Buch und schließt dabei das Verlassen der Form desselben nicht aus. Ebenso setzt Karin Innerling mit ihrer Edition Leporello in Aachen seit Jahren unermüdlich ihre Herausgabe kleiner Bücher fort und befragt dabei jedesmal neu auch scheinbar buchfremdes Material nach seiner Verwendbarkeit. Ein Denken, dass vor der Bindung derselben nicht Halt macht und unkonventionelle Ergebnisse hervorbringt.

Die in Halle ansässige Künstlerinnengruppe á3 mit Frauke Otto, Veronika Schäpers und Susanne Nickel, hat sich von der an der Hallenser Burg Giebichenstein, Hochschule für Kunst und Design, gelehrten Konvention zu befreien vermocht und unternimmt im Buchkunstbereich seit wenigen Jahren Schritte ins Neuland.

Für das Festhalten an einer Tradition der Siebdruckbücher des DDR-Untergrund der 80er Jahre steht der Berliner Thomas Günther und seine Edition „Dschamp”. Es wird immer wieder der Versuch unternommen, Zeichnung, Text und Fotografie in eine künstlerische Einheit zu bringen. Der Kreis damaliger Mitstreiter ist immer wieder für ein Buch gut, er hat sich aber auch längst international erweitert.

Der Berliner Künstler Hartmut Andryczuk, Hybriden-Verlag, spinnt seit einigen Jahren die Idee der Kollaborationsarbeiten fort, bei der er Künstler einlädt, auf seine zeichnerischen Arbeiten zu reagieren und zu interagieren. So entstehen Gemeinschaftsarbeiten in Büchern, Heften, Schachteln und Kisten, die auf witzige Weise Konventionen unterlaufen.

Ein Meister und Künstler des Materials Papier ist der in Rheinbach lebende John Gerard. Gegenüber jenen, die das Papier als bloßen Träger ihrer Kunst verstehen, setzt seine Denken darüber früher und anders ein. Das Papier wird zum Kunstwerk. Ein konzeptioneller Gedanke ist immer Bestandteil der so entstehenden herausragenden Bücher.

Unter den Malern und Zeichnern, die immer wieder zumeist große unikate Malerbücher herstellen, gehört der Berliner Ottfried Zielke zu den Spielerischsten und gleichzeitig sehr Konsequenten. Mit einer Unbedarftheit die immer wieder überwältigend ist und zu der sein unverwechselbar Strich wie auch sein Handschrift gehört, schafft er in Buchform Kunstwerke, die es an ästhetischem Wagemut und an politischer Brisanz nicht fehlen lassen.

Neben den hier genannten Künstlern gibt es noch eine große Zahl, die, ob nun an Literatur oder nicht, doch neben ihrer täglichen Arbeit am Buch interessiert sind. Es entsteht einfach manchmal zwingend ein Buch. Diese sind als solitäre Erscheinungen nicht minder interessant. Sie selbst sind nicht auf den Buch- und Kunstmessen präsent, aber ihre Ergebnisse liegen vor bzw. finden ihren Platz in den Sammlungen.

All diesen Enthusiasten ist beim Machen ihrer Kunst die Frage nach dem Vorrang von Wort oder Bild in einen Hintergrund gerückt, vor dem das Arbeiten gut voran geht. Auch mit der Frage, was von beiden denn nun möglicherweise zuerst da war, wird sich nicht lange aufgehalten. Sie wird als eine nur rhetorische und als irrelevant abgetan. Die Bücher halten die Fragen aus. Wir können sie immer noch in die Hände nehmen. Sie haben uns immer noch etwas zu sagen.

Literatur:

13x, Künstlerbücher, livres d´artistes, artists books,

erschienen anlässlich der Jahrestagung der association international des bibliophiles in Berlin, 2000

erschienen in: JAB No. 16 (Journal of Artist’s Books), Nexus Press, Atlanta, überarbeitete Fassung. Berlin, Mai 2001

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