Uwe Warnke: Vortrag in den USA, 2019

Künstlerzeitschriften aus dem ostdeutschen Untergrund der 1980er Jahre unter besonderer Berücksichtigung von ENTWERTER/ODER und den Sonderausgaben

Kurzversion

Die illegal publizierten original-grafischen Künstlerzeitschriften waren ein Sammelbecken für junge Kunst und literarische Experimente. Sie waren das Kommunikationsmittel einer Szene, die sich jenseits staatlicher Strukturen zu organisieren begann.

Uwe Warnke, Gründer und langjähriger Herausgeber der ersten original-grafischen Künstlerzeitschrift im DDR-Untergrund beschreibt anhand umfangreichen Bildmaterials die Bedingungen, Anlässe, Ausdruckweisen, Konkurrenzen und staatlichen Einflussnahmen dieses Stückes Kulturgeschichte.

 

Künstlerzeitschriften aus dem ostdeutschen Untergrund der 1980er Jahre unter besonderer Berücksichtigung von ENTWERTER/ODER und den Sonderausgaben

Langversion

Eine junge Szene bildender und darstellender Künstlerinnen und Künstlern, Autorinnen und Autoren, Musikerinnen und Musikern begann Anfang der 1980er Jahre sich jenseits staatlicher Strukturen zu organisieren. Der Ausstieg aus dem Dialog mit dem Staat war folgerichtig, da der Staat mit seinen Institutionen es nicht vermochte, die heranwachsende Künstlerschaft für seine Ziele zu interessieren und somit zu integrieren. Auf der Suche nach eigenen Möglichkeiten entstanden Künstlerzeitschriften, fanden Ausstellungen und Lesungen in Wohnungen, Hinterhöfen, auf Dachböden und in Kirchen statt. Auf der Suche nach Austausch und Dialog mit Gleichgesinnten entstanden erste Künstlerzeitschriften in kleinen Auflagen, selbst gedruckt, gebunden, herausgegeben und verteilt. Jeder der mitmachte erhielt ein Exemplar. Die Teilnehmerzahl war mit der Auflagenhöhe begrenzt. Diese illegal publizierten original-grafischen Künstlerzeitschriften waren ein Sammelbecken für junge Kunst und literarische Experimente. Sie waren das Kommunikationsmittel. Profis, Amateure und Laien fanden hier mit ihren Arbeiten Zugang und nebeneinander Publikationsmöglichkeiten. Das Besondere: es gab keine kommerziellen Interessen!

ENTWERTER/ODER (E/O) war die erste original-grafischen Künstlerzeitschrift im DDR-Untergrund. Die ersten 20 Ausgaben erschienen ohne spezielle Vorgaben. Auf der Suche nach größerem inhaltlichem Zusammenhalt pro Ausgabe wechselten sich thematische und nicht-thematische Ausgaben ab. Eine Spezialisierung auf den bildkünstlerischen und literarischen Bereich der Visuellen Poesie setzte durch das Interesse des Herausgebers ein. E/O zeichnete insbesondere aus, dass sie sowohl in der Form wie auch den Inhalten jeglichen Experimenten weit offenstand.

Eine weitere neue Qualität bei der Herausgabe stellten ab 1984 die Sonderausgaben dar. Sie boten die Möglichkeit, sich einem Ereignis, einer Künstlergruppe oder einer einzelnen Kunstform speziell zu widmen. Die Fotografie spielte von Anfang an eine feste Rolle. Fotografie findet sich als Informationsträger einer nicht-öffentlichen Wirklichkeit als auch in allen Formen künstlerisch-subjektiver Äußerungen (subjektive Fotografie, Konzeptuelle Fotografie, Experiment usw.). So darf es nicht wundern, wenn ab 1987 Sonderausgaben (gemeinsam herausgegeben mit Kurt Buchwald (Fotograf)) zur Fotografie erschienen (bis 1990 vier Ausgaben).

Vielfach stellte für die Teilnehmende eine Mitarbeit an der Künstlerzeitschrift auch die Weichen für spätere Buchkunstprojekte.

Der Einfluss der Künstlerzeitschriften ging weit über die Herausgeber und Mitmacher hinaus. Sie wurden unter den Initiatoren getauscht (so entstanden nebenbei kleine Sammlungen), von den Teilnehmenden ausgeliehen und weitergegeben.

Alfred Döblins Bemerkung zu den Kunstzeitschriften der 1920er Jahre in Berlin, deren Einfluss (Zitat) „über vier Häuserblocks nicht hinaus ging“, kann in den 1980er Jahren zumindest auf 100 Häuserblocks erweitert werden.

Uwe Warnke, Gründer und langjähriger Herausgeber der ersten original-grafischen Künstlerzeitschrift im DDR-Untergrund beschreibt anhand umfangreichen Bildmaterials die Bedingungen, Anlässe, Ausdruckweisen, Konkurrenzen und staatlichen Einflussnahmen dieses Stückes Kulturgeschichte.

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